Nach der Flut in Ahrweiler
Nach der Flut in Ahrweiler
Pater Dr. Jürgen Langer
Pater Dr. Jürgen Langer

20.07.2021

Notfallseelsorger begleitet Hochwasser-Betroffene "Die Leute wollen weitermachen"

Menschen werden tot in überfluteten Kellern gefunden, Tausende haben alles verloren. Die Betroffenen seien noch mitten in der Katastrophe, sagt Nofallseelsorger Jürgen Langer. Es gelte jetzt, zuzuhören und zu stabilisieren. 

DOMRADIO.DE: Finden Sie Worte für das, was Sie vor Ort gesehen haben und noch sehen? Im Kreis Euskirchen zum Beispiel?

Pater Dr. Jürgen Langer CSsR (Notfallseelsorge Bonn/Rhein-Sieg): Im Kreis Euskirchen gibt es in vielen Gemeinden starke Zerstörungen. Das Tal ist noch deutlich stärker betroffen, nach dem, was wir erleben und was wir von den Kolleginnen und Kollegen rückgemeldet bekommen. 

DOMRADIO.DE: Es wird jetzt viel darüber diskutiert, wer Schuld hat an dieser Katastrophe, ob da zu spät gewarnt wurde, was in Zukunft getan werden muss, damit so etwas nicht wieder passiert. Das wollen die betroffenen Menschen, ich denke mal, im Moment nur in zweiter Linie hören. Wie können Sie und die anderen Seelsorgerinnen und Seelsorger jetzt da ganz konkret helfen? 

P. Langer: Die wirklich Betroffenen sind noch gar nicht in der Phase, dass sie in Ruhe mit so einem Erlebnis fertig werden können. Die sind im Grunde wirklich noch in der Auseinandersetzung mit der Katastrophe. Das heißt, sie sind dabei, mit ganzer Energie ihr Hab und Gut irgendwie zu sichern, zu retten, Schäden zu beseitigen, zu schauen, was überhaupt noch übrig geblieben ist. Ich kenne viele Leute, die haben wirklich nur das retten können, was sie am Körper trugen, also wirklich nur noch das Hemd. Alles andere ist verloren, ist kaputt. Diese Leute sind wirklich noch unmittelbar in der Phase der Katastrophe. 

DOMRADIO.DE: Häuser werden irgendwann wieder aufgebaut, die Straßen werden auch neu angelegt. Wie viel Geduld muss man denn haben, um Trauer und Schmerz dann tatsächlich auch besiegen zu können? 

P. Langer: Ich denke, Sie müssen davon ausgehen, dass die Leute, die unmittelbar Häuser und Besitz verloren haben, erst, wenn sie wieder ungefähr leben können – wenn die Infrastruktur wieder da ist – überhaupt spüren: Was ist das eigentlich gewesen? Was ist mit mir innerlich passiert? Was hat das psychisch angerichtet? Im Augenblick geht es wirklich darum, dass die Leute mit ganzer Kraft versuchen, ihr Leben zu organisieren, an die Dinge dran zu kommen, die sie brauchen, um überleben zu können in diesen zerstörten Orten und den Schlamm zu beseitigen, die unbrauchbaren Gegenstände zu entsorgen, ihr Eigentum oder die Reste davon zu sichern. 

DOMRADIO.DE: Sie und die Kolleginnen und Kollegen vor Ort müssen gerade viel zuhören. Ist es wichtig, dass sich die Menschen ihre Angst, ihre Sorgen von der Seele reden können?

P. Langer: Genau. Es geht im AUgenblick um die um Stabilisierung der Menschen. Die Leute gehen weit über ihre normalen Kräfte hinaus in ihrer Auseinandersetzung mit der Katastrophe und mit den Schäden. Und da ist es wichtig, dass sie die Möglichkeit haben, Zuhörer zu finden, die der Situation gewachsen sind und dem gewachsen sind, was sie tatsächlich schildern und die auch wissen, wie man Leute in so einer Katastrophensituation, die für sie ja noch andauert, stabilisieren. Die Leute wollen weitermachen. Sie wollen nicht rausgenommen werden. Die wollen nicht umziehen oder in Evakuierungsräume gehen. Die Angebote hat es gegeben, aber die wurden von den wenigsten genutzt. Die Leute wollen vor Ort bleiben und wollen ihr Dorf, ihr Eigentum wiederaufbauen oder instand setzen oder schauen, was noch zu machen ist. 

DOMRADIO.DE: Sie kümmern sich vor Ort auch um die Einsatzkräfte, um die vielen Helfer, die rund um die Uhr bis zur Erschöpfung arbeiten. Was belastet die am meisten? 

P. Langer: Viele Einsatzkräfte gehen weit über den Punkt der normalen Erschöpfung hinaus in ihrem Einsatz, vor allem die Einsatzkräfte der Regionen. Die Einsatzkräfte, die herangeführt werden, sind in einem ziemlich festen Wechsel zwischen Einsatzzeiten und Ruhezeiten. Und wir erleben, dass es Einsatzkräfte gibt, die wirklich extreme Erlebnisse im Einsatz hatten, die selber auch gefährdet waren durch die ansteigenden Fluten, die versucht haben, Menschenleben zu retten und erlebt haben, dass das eben nicht mehr gegangen ist. Wir erleben Einsatzkräfte, die überwältigt sind von dem Schadensszenario, das sie angetroffen haben. Und wir erleben auch Einsatzkräfte, die aus dem Einsatz rausgenommen worden sind für Pausenzeiten, um sich nicht zu überfordern und denen das sehr schwer fällt, die gerne sofort wieder in den Einsatz gehen würden und die im Grunde genommen kein Verständnis dafür haben, dass die Einsatzleitung sagt: So, und jetzt geht ihr mal einen Tag raus und macht mal Pause, damit ihr das Ganze auch durchsteht. 

DOMRADIO.DE: Die muss man quasi stoppen und zurückhalten?

P. Langer: Genau, weil der Impuls ist natürlich gerade bei Menschen, die sich so engagieren in den Organisationen, in den Feuerwehren: Wir müssen weiter helfen, da gibt es noch ganz viel zu tun. Und das ist natürlich gerade dann der Fall, wenn sie Leute in den Orten kennen oder selber aus den Orten sind, die stark betroffen sind.

DOMRADIO.DE: Die die Hilfsbereitschaft, die Solidarität der Menschen vor Ort wird ja immer wieder gelobt. Und das sehen wir ja auch in den Bildern im Fernsehen. Man packt da gemeinsam an. Wie erleben Sie das und was ist das für ein Zeichen für die betroffenen Menschen?

P. Langer: Das ist etwas ganz Großartiges, was da im Augenblick passiert. Und wenn es tatsächlich zu einem guten Zusammenkommen kommt zwischen den Betroffenen und den Helfern von außen, ist das etwas, was den Leuten enormen Mut gibt. Weil die eben erleben: Da kommen Leute, die kenne ich gar nicht. Und die sagen: Ich bin hier, ich bin bereit anzupacken. Was braucht ihr konkret? Wenn das zusammenfindet, wenn das tatsächlich gut zusammenpasst, ist das was ganz Großartiges. In den letzten Tagen gab es allerdings auch das Problem, dass an einigen Stellen zu viel Hilfe ankam, die dann nicht unbedingt mehr koordiniert werden konnte, oder die nicht so gut passte. Und das ist dann natürlich schwierig.

Das Interview führte Carsten Döpp.

(DR)

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