Diskussion über Abschaffung von Religionsunterricht
Religionsunterricht in der Schule
Bernadette Schwarz-Boenneke
Bernadette Schwarz-Boenneke

03.05.2021

Religionsunterricht in Zeiten der Corona-Pandemie Ein Stiefmütterchen-Dasein?

Während des Distanzunterrichts in der Corona-Pandemie verschwindet der Religionsunterricht oft vom Stundenplan. Das ist rechtlich und inhaltlich bedenklich, findet die Leiterin der Hauptabteilung Schule und Hochschule im Erzbistum Köln.

DOMRADIO.DE: Einige Bischöfe aus Nordrhein-Westfalen erwarten spätestens zu Beginn des neuen Schuljahres eine "flächendeckende Rückkehr zur gesetzlich vorgegebenen konfessionellen Organisationsform des Religionsunterrichts an allen Schulen." So haben es die Bischöfe, unter Ihnen auch Kardinal Woelki, in einem Brief an die Religionslehrer formuliert. Warum ist der Religionsunterricht in Krisenzeiten wie jetzt von so entscheidender Bedeutung, wie es die Bischöfe texten?

Bernadette Schwarz-Boenneke (Leiterin der Hauptabteilung Schule und Hochschule im Erzbistum Köln): Zunächst einmal hat der Religionsunterricht als Fach die Chance, die Krise selbst zum Thema zu machen - mit all den Fragen, die die Schülerinnen und Schüler und letztlich auch die Lehrerinnen und Lehrer gerade haben, nämlich: Wie kann Begegnung eigentlich auf Abstand funktionieren? Was für Sorgen haben Schülerinnen und Schüler gerade, wenn sie andauernd von ihren Freunden getrennt sind? Welche Ängste haben sie? Aber auch welche Freuden erleben sie im Alltag und letztlich auch die Frage: Was trägt uns eigentlich jetzt? Das sagt uns ganz viel über uns Menschen. Das sagt uns aber auch ganz viel über eine Beziehung zu Gott. Das ist eine Frage an Gott und nach Gott.

Deshalb ist dieser Religionsunterricht jetzt gerade so entscheidend, weil er etwas zum Thema machen kann, was alle umtreibt. Wir haben auch von manchen Schulleiterinnen oder Schulleitern von öffentlichen Schulen die Rückmeldung bekommen, dass sie oder er feststellt, wie wichtig das Fach ist. Das ist die inhaltliche Ebene.

Aber ich würde gerne noch zwei weitere Ebenen hineinbringen. Zum einen die bildungspolitische Ebene: Wir sind davon überzeugt, dass die Frage nach dem "woher, wohin, wozu?" ein wichtiger Bestandteil in unserem Bildungskanon ist, damit Schülerinnen und Schüler dialog- und urteilsfähig werden und das deswegen auch die religiöse Bildung in die Schule gehört.

Und wenn man jetzt auf die rechtliche Ebene geht - die ist für uns auch entscheidend und die haben die Bischöfe auch im Blick - dann ist der Religionsunterricht wie jedes andere Fach auch ein ordentliches Unterrichtsfach und muss dementsprechend gleich behandelt werden.

DOMRADIO.DE: Aber gerade jetzt beobachten wir eben, dass der Religionsunterricht im Distanzunterricht ganz oft komplett aus dem Stundenplan verschwindet. Ist das auch Ihre Erfahrung? Und warum ist das so?

Schwarz-Boenneke: Im Distanzunterricht haben wir ganz klar gemerkt, dass eine Rechtsgrundlage geschaffen wurde, die es ermöglicht hat, den Unterricht so wie wir ihn kennen, weiter zu führen. Allerdings haben wir beobachtet, dass bei der Umstellung auf den Distanzunterricht die Hauptfächer mehr Relevanz und mehr Gewicht bekommen haben. Das hat sich in der Praxis anders erwiesen als eigentlich in einer Rechtsgrundlage ausgewiesen.

Und im Präsenzunterricht ist festzustellen, dass hier verschiedene Punkte abgewogen werden müssen: Einmal wirklich die epidemiologischen Fragen von Schülergruppen-Zusammensetzungen, von neuen Kontakten, zugleich aber auch die Anforderung, dass jedes Differenzierungsfach - und der Religionsunterricht ist ein Differenzierungsfach - gleich behandelt werden muss. Da sind für den Präsenzunterricht vom Staat Ausnahmeregelungen geschaffen worden, sodass dann der Religionsunterricht auch zeitweise im Klassenverband erteilt werden kann. 

DOMRADIO.DE: Sie haben ja viel Kontakt mit Religionslehrerinnen und Religionslehrern. Welchen Eindruck haben Sie? Wie geht es denen jetzt?

Schwarz-Boenneke: Wir bekommen ganz vieles mit. Einmal finden wir es faszinierend und begeisternd, wie schnell die Religionslehrerinnen und -lehrer sich wirklich auf den digitalen Unterricht eingestellt haben. Das merken wir daran, dass die digitalen Seminare, die wir anbieten, sehr gut nachgefragt werden. Daran merkt man auch, dass die Lehrerinnen und Lehrer einfach Kraft aufwenden, um etwas Neues zu denken. Aber zugleich fehlen ihnen wie allen Lehrern gerade die direkten Begegnungen und das Unterrichten mit den Schülern vor Ort. Dementsprechend war es auch dem Kardinal ein großes Anliegen, dafür Danke zu sagen. 

DOMRADIO.DE: Sehen Sie jetzt die Gefahr, dass viele Schulen sagen: Ach, läuft ja ganz okay ohne Religionsunterricht. Brauchen wir den überhaupt noch? 

Schwarz-Boenneke: Ich kann die Gefahr nicht abstreiten, weil man sicherlich da wirklich aufpassen muss, dass es nicht zu falschen Gewöhnungseffekten oder selbstgestrickten Fächern kommt, die auch in der Schulorganisation vielleicht einfacher unterzubringen sind. Im Gespräch mit Schulleitern oder auch Fachleitern merken wir aber auch eine hohe Sensibilität dafür, dass das nicht Gefahr laufen darf. Politisch weisen wir einfach immer wieder darauf hin und sagen dem Land auch, dass wir davon ausgehen und ausgehen wollen, dass dem Unterrichtsfach auch zukünftig eine Bedeutung zukommt, 

DOMRADIO.DE: Welche Forderungen und Erwartungen haben die Bistümer in Nordrhein-Westfalen jetzt ganz konkret an die Schulpolitik des Landes? 

Schwarz-Boenneke: Sobald die epidemiologische Lage es wieder zulässt, Unterricht so zu gestalten, wie es dann auch ordentlich möglich ist, muss das auch wieder nachgeholt werden. Das ist die Forderung. Also: Sobald die Krise nicht mehr den Alltag bestimmt und die damit einhergehenden Fragen nach Kontakt, Reduktionen und so weiter, muss auch wieder die normale Unterrichtsgestaltung aufgenommen werden. Das ist die Erwartungshaltung.

Das Interview führte Hilde Regeniter.

(DR)

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