Corona-Folgen in den Ländern des Südens: Hunger.
Symbolbild Hunger
Pirmin Spiegel, Hauptgeschäftsführer und Vorstandsvorsitzender des Bischöflichen Hilfswerks Misereor
Pirmin Spiegel, Hauptgeschäftsführer und Vorstandsvorsitzender des Bischöflichen Hilfswerks Misereor

15.07.2020

Misereor zu Welthunger und Ungleichheit "Es fehlt der politische Wille!"

Die Zahl der weltweit hungernden Menschen ist stark angestiegen. Das hat die Welternährungsorganisation in Rom verkündet. Misereor-Hauptgeschäftsführer Pirmin Spiegel fordert, dass "die Ursachen des Hungers angegangen werden".

DOMRADIO.DE: Warum macht Ihnen diese aktuelle Entwicklung Sorgen?

Msgr. Pirmin Spiegel (Hauptgeschäftsführer des katholischen Hilfswerks Misereor): Wir sehen, dass einerseits der Hunger zunimmt. Gestern wurde es durch die Welternährungsorganisation in Rom weltweit verkündet, dass 60 Millionen mehr Menschen hungern als vor fünf Jahren. 690 Millionen Menschen – das sind neun Prozent der Weltbevölkerung.

Gleichzeitig zum Hunger nimmt die Ungleichheit in unserer Welt zu. Mit der Ungleichheit nehmen auch die Spannungen und Konflikte zu. Da gibt es ein ganzes Gemenge, das uns sehr große Sorgen macht. Gestern wurde speziell am Hunger durchbuchstabiert, was das alles bedeutet.

DOMRADIO.DE: Aber warum ist das mehr geworden? Woran liegt es, dass die Menschen hungern müssen, mehr als noch vor einigen Jahren?

Spiegel: Vor fünf Jahren wurden in der Nachhaltigkeitszielen im zweiten Ziel unterstrichen: Den Hunger beenden, Ernährungssicherheit garantieren. Und jetzt hören wir gestern, dass die Ernährungsunsicherheit zwei Milliarden Menschen trifft. Das ist ein Viertel der gesamten Weltbevölkerung. Wir sehen verschiedene Ursachen und fordern deshalb, dass das gesamte Ernährungssystem reformiert werden muss, um dieses Nachhaltigkeitsziel zu erreichen, den Hunger zu beenden, also dass es null Toleranz gibt mit Hunger.

Einmal: Menschen sind arm. Ich selbst habe immer wieder erlebt: Die Äcker sind zu klein, und die Böden auf diesen kleinen Äckern werden immer unfruchtbarer. Land wird geraubt, Menschen werden von ihrem Land vertrieben. Der Klimawandel nimmt in entscheidenden Regionen zu. Billigimporte von Europa machen die Produkte, die lokal produziert werden, unbezahlbar.

Es gibt also eine ganze Menge von Ursachen, die den Hunger vermehren, und deshalb fordern wir, dass global an das Ernährungssystem herangegangen wird, um den Hunger auf dieser Erde zu beenden. Zumal ja mehr Nahrung produziert wird insgesamt, als Menschen essen können. Das heißt, es ist eine Frage der Gerechtigkeit, eine Frage der Verteilungsgerechtigkeit. Und dieses gesamte Wissen ist bekannt. Es fehlt aber der politische Wille, um es umzusetzen.

DOMRADIO.DE: Was jetzt wahrscheinlich jeder von ihnen erwartet hätte, wäre noch Corona zu erwähnen. Aber Sie haben es noch nicht einmal erwähnt. Aber Corona macht eigentlich alles noch schlimmer, oder?

Spiegel: Ich habe es nicht erwähnt, weil die Zahlen, die gestern auch gesagt wurden, von der Welternährungsorganisation FAO zeigen, dass es in den letzten fünf Jahren 60 Millionen mehr hungernde Menschen auf der Welt gab. Das zeigt, dass nicht nur Corona die Ursache ist, sondern dass es den Hunger bereits vor Corona gab.

Corona, so sehen wir das bei Misereor im Verbund mit vielen anderen Nichtregierungsorganisationen und kirchlichen Organisationen weltweit, verdeutlicht diese Ungleichheit, diese Hungersituation nochmals wie in einem Brennglas. Der zusätzliche Hunger, der durch Corona hervortreten wird, ist ja in den Zahlen von 2019 noch nicht berücksichtigt.

Die Welternährungsorganisation geht davon aus, dass in diesem Jahr 2020 noch einmal bis zu 130 Millionen aufgrund der Corona-Pandemie zusätzlich hinzukommen. Von daher sind in den Zahlen, die gestern verkündet worden, die aktuellen Zahlen nicht berücksichtigt, sondern das ist die Zahl von 2019.

DOMRADIO.DE: Das heißt, man kann noch Schlimmeres befürchten. Was fordern Sie von der Politik?

Spiegel: Wir fordern von der Politik, dass die Ursachen des Hungers angegangen werden. Das heißt, dass Bauernfamilien Zugang haben zu genügend Land, und dass sie begleitet werden von Technikern, von Technikerinnen, um auf ihrem Land entsprechend ihrer Möglichkeiten mit einem respektvollen Umgang auch der Natur anbauen zu können.

Wir fordern, dass die lokalen Märkte gestützt werden. Ich selbst habe in Brasilien ein sehr schönes Beispiel erlebt, wo wir erreichten, dass innerhalb des Kreises, in dem wir lebten, der Kreis Rahmenbedingungen zur Verfügung gestellt hat, dass 30 Prozent der lokalen Produktion auf den lokalen Märkten zu verkaufen ist. Damit haben die Bauernfamilien, die nicht in riesigen Flächen anbauen, sondern für den lokalen und den größeren lokalen Markt, Möglichkeiten, ihre Produkte zu verkaufen, und müssen nicht für Externe oder für den Export produzieren. Da gibt es sehr viele kleine Beispiele, die sich summieren, die wir in Berlin Einbringen, die wir in Brüssel einbringen in der Agrar-Kommission, damit an diesem großen Rad gedreht wird, um den Hunger auf unserer Erde definitiv zu beenden.

Das Interview führte Tobias Fricke.

(DR)

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