Thomas Sternberg, Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK)
Thomas Sternberg, Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK)

11.05.2020

ZdK-Präsident Sternberg kritisiert Verschwörungstheorien "Krudes und abenteuerliches Zeug"

Kardinal Müller, Erzbischof Vigano und Kardinal Zen Ze-kiun stehen zu ihrer Unterschrift unter einem verschwörungstheoretischen Aufruf in der Kritik. Aber ZdK-Präsident Thomas Sternberg findet den Aufruf "abenteuerlich".

DOMRADIO.DE: Haben Sie den Aufruf gelesen?

Prof. Thomas Sternberg (Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken / ZdK): Ja, ich habe ihn gelesen. Er hebt sogleich mal mit einer großen Überschrift an, wie eine Enzyklika, und richtet sich auch an alle Menschen guten Willens. Dann kommt aber ein so krauses, krudes und abenteuerliches Zeug, dass man sich fragt: Was in aller Welt bringt einen Menschen, der doch mal ein durchaus angesehener Professor in München war und ein wichtiger Bischof für Regensburg, ein bedeutender Kirchenmann, dazu, auf seine alten Tage seinen gesamten Ruf zu ruinieren, indem er so etwas unterschreibt?

DOMRADIO.DE: Es ist befremdlich, was da behauptet wird, oder?

Sternberg: In dem Aufruf ist die Rede von einer "verabscheuungswürdigen technokratischen Tyrannei" und einem Plan, "mit dem die Mächtigen der Welt uns beugen wollen". Da muss man sich dann fragen: Wer sind denn die Mächtigen der Welt? Ist das eine Gruppe?

Sind plötzlich die ganzen Herren, Putin, Trump, der chinesische Präsident, die europäischen Mächte, sind die alle eine einzige verschworene Truppe? Das wäre mir völlig neu. Wenn dann da auch noch steht, dass da ein Plan sei, eine drastische Bevölkerungsreduzierung zu verfolgen – das gehört ja zu den abenteuerlichsten Verfolgungswahnideen, die im Internet im Moment kursieren. Dass da ein doch zumindest früher mal renommierter Mann bereit ist, das zu unterschreiben, da habe ich dann nur noch Mitleid mit.

DOMRADIO.DE: Kardinal Müller, Erzbischof Vigano und auch der asiatische Kardinal Joseph Zen Ze-kiun, die verbindet nicht nur, dass sie diesen Aufruf unterschrieben haben, sondern auch, dass sie alle emeritiert sind, also keine wichtigen Ämter mehr bekleiden. Kann das auch eine Rolle spielen?

Sternberg: Ich will darüber jetzt nicht spekulieren, dass es natürlich eine gewisse Tragik hat, wenn man im Alter erleben muss, dass man nicht mehr so richtig wahrgenommen wird. Das ist eine völlig normale menschliche Tatsache. Aber was sie ja auch verbindet, ist eine scharfe Kritik am Papst.

Ich habe den Eindruck, dass diese immer schon relativ kleine, aber mächtige Gruppe der Papstgegner sich durch ein solches Zeug, wie es auf diesem Papier steht, demaskiert. Denn dann kann man das andere auch nicht ernst nehmen.

DOMRADIO.DE: Muss Papst Franziskus jetzt ein Machtwort sprechen?

Sternberg: Papst Franziskus ist kein Mann der Machtworte. Ich weiß auch nicht, ob es hier um Machtworte geht. Die Verschwörungstheorien haben ja eine gewisse Tragik. Wir sollten als Christen gerade im Gegenteil dafür werben, dass wir nicht unter irgendwelchen finsteren Mächten leben und agieren, sondern dass wir durch Christus befreit sind von solchen Vorstellungen, von solchen Mächten. Aber andererseits müssen wir als Christen auch wissen, dass nicht alles in der Welt gemacht wird.

Ich habe den Eindruck, Verschwörungsfantasien wachsen auch dadurch, dass Menschen glauben, man könnte geradezu alles auf der Welt selber machen: Das eigene Leben, das eigene Glück, die Welt, das Klima, die Welt erhalten, die Welt zerstören. Alles können wir selber machen. Diese menschlichen Allmachtsfantasien werden gebrochen, wenn man auf das wirkliche Leben guckt. Und dass man dann mit solchen Dingen nicht umgehen kann, die die Philosophie Kontingenz nennt oder die wir vielleicht Schicksal nennen, das ist eine große auch theologische Frage, über die wir uns als Christen im Moment Gedanken machen müssen.

DOMRADIO.DE: Jetzt könnte man so einen Aufruf ja abtun und sagen: Diese Verschwörungstheoretiker haben keine Macht mehr innerhalb der Kirche. Hunde, die bellen, beißen nicht. Aber: Was könnte dieser Aufruf unter den Gläubigen, unter den Laien in den Gemeinden anrichten?

Sternberg: Ich glaube, der wird schon so gelesen, wie er zu verstehen ist. Es ist wirklich eine kleine Gruppe von Leuten – das sind ja diese drei Kardinäle und noch ein paar Priester. Dann gibt es noch eine Reihe bei den Erstunterzeichnern – ich habe mir die Liste angesehen – das ist aber alles keineswegs bedeutend. Man hat eben so ein bisschen was zusammengekratzt an Leuten, die aus ganz unterschiedlichen Gründen mal so richtig protestieren wollten. Aber dann haben sie sich leider das falsche Objekt gesucht.

Ich glaube nicht, dass ein Christ, eine Christin, ein gläubiger Mensch solche Fantasien, solche Verschwörungstheorien braucht, weil er weiß, dass das Handeln Gottes ja letztlich immer unerforschlich ist und dass wir vor Unerklärbarem stehen. Das ist vielleicht am wichtigsten für uns, mit dem umzugehen und darauf zu reagieren, was uns widerfährt. Da widerfährt uns im Moment eine ganz schreckliche Krankheit, eine Pandemie, auf die wir hoffentlich angemessen reagieren können.

DOMRADIO.DE: Gibt es vonseiten des Zentralkomitees der Katholiken konkrete Maßnahmen, wie man solchen Verschwörungstheorien entgegenwirken kann?

Sternberg: Nein, Wir sind im Moment ja dabei, über die Frage zu diskutieren, wie Kirche und Gläubige und Glaube in den Corona-Zeiten überhaupt vorkommen. Es ist ja erstaunlich, dass Gott weder als Klage und Anklage noch als Thema oder Bitte in den öffentlichen Diskursen vorkommt.

Aber es ist natürlich etwas, was die Menschen bewegt und wo sie sich fragen: "Wie kann ich meinen Gott bitten, uns zu helfen in einer solchen Situation." Das ist eine Sache, die uns alle berührt und was dazu führt, dass wir die Kirchen besuchen und Kerzen anstecken und beten, dass wir heil durch diese schreckliche Seuche kommen.

Das Interview führte Dagmar Peters.

(DR)

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