Im Erzbistum Hamburg fehlt das Geld
Im Alter haben viele nicht genug Geld
Margret Blazek, Leiterin des Caritas-Ausschusses Bensberg
Margret Blazek, Leiterin des Caritas-Ausschusses Bensberg

30.06.2019

Was es heißt, jeden Cent umdrehen zu müssen Einsamkeit und Isolation durch Altersarmut

Eine Tasse Kaffee in der Stadt oder ein Eis mal eben so ist nicht drin. Geschweige denn ein Geburtstagsgeschenk für das Enkelkind oder ein Kinobesuch. Wer im Alter von der Grundsicherung lebt, kreist den ganzen Tag um ein einziges Thema.

Nein, zur Tafel will Christel Schmitz (*Name geändert) nicht gehen. Die Scham, dort womöglich erkannt zu werden und sich damit in ihrer Bedürftigkeit zu outen, ist zu groß. "Lieber esse ich eine Woche lang trocken Brot, wenn es am Ende des Monats für mehr nicht mehr reicht", sagt sie mit brüchiger Stimme. Den Fleischkonsum hat sie schon lange reduziert. Kostspielige Extras wie ein Eis in der Fußgängerzone oder ein Pott Kaffee "to go" sind nicht vorgesehen – nicht wenn man vom Staat Grundsicherung bekommt und das Geld trotzdem – oder gerade deswegen – kaum reicht. "Zum Sterben ist es zu viel, zum Leben zu wenig", sagt Schmitz. Trotzdem klingt das nicht bitter. Sie sei dankbar, überhaupt etwas zu bekommen. Nur bloß gestellt werden wolle sie nicht. "Es muss niemand wissen, dass ich arm bin. Das würde alles nur noch schlimmer machen." Dann wischt sie sich verstohlen ein paar Tränen weg.

"Verzicht auf Versorgungsausgleich war ein Fehler"

Ein ganzes Leben lang hat die gelernte Hotelfachfrau gearbeitet – wenn auch in wechselnden Berufen und über lange Phasen als Selbständige. Rückblickend, räumt die heute 76-Jährige ein, habe sie aber eben auch viele Fehler gemacht, die sie heute bereue. Nach ihrer Scheidung von einem Belgier, der sie trotz der gemeinsamen Kinder von Anfang an im Stich lässt, bekommt sie aus dem Verkauf des gemeinsamen Hauses die stattliche Summe von 65.000 Mark; auf den Versorgungsausgleich verzichtet sie bei der Auseinandersetzung über die Vermögensverhältnisse. "Dabei hätte ich damit heute 400 Euro mehr im Monat zur Verfügung. Darüber darf ich gar nicht nachdenken", erzählt sie. Die Zwillinge, die sie mit 18 Jahren auf die Welt bringt, sind heute 58 und kümmern sich kaum um die Mutter. Die Tochter ist selbst alleinerziehend; von ihr ist keine finanzielle Unterstützung zu erwarten. Der Sohn, der bei der belgischen Armee war, aber schon im Ruhestand ist, kommt nur zum Geburtstag seiner Mutter aus dem Ausland ins Bergische. "Dann bringt er vielleicht einen Einkauf von Lebensmitteln im Wert von 50 Euro mit. Aber danach sehe ich ihn auch wieder lange Zeit nicht. Darüber, dass wir fast keinen Kontakt mehr miteinander haben, komme ich bis heute nicht hinweg."

Keines der beiden Kinder ist verpflichtet, für die Mutter finanziell zu sorgen. Trotzdem würde Christel Schmitz schon eine geringfügige Geldsumme zusätzlich im Monat entlasten. Auch über Unterstützung in den alltäglichen Dingen, wie bei Behördengängen und Arztbesuchen, würde sie sich freuen. Denn auch die Gesundheit spielt nicht mehr so richtig mit. Im Januar hatte sie einen leichten Schlaganfall, im April wurde sie an einem Lungenkarzinom operiert. Nun muss sie sich schonen. Eigentlich ist sie erschöpft – und das nicht zum ersten Mal in ihrem Leben. "Es gab immer wieder Zeiten, in denen ich körperlich und seelisch völlig runter war. Gerade auch wenn ich mich von einem Partner getrennt habe, der mein Vertrauen ausgenutzt hat. Denn meistens war damit auch der Verlust von Geld verbunden."

In manchen Monaten nur 200 Euro zum Leben

Zweimal trifft es sie besonders schlimm. Das Damenmodengeschäft mit einem Geschäftspartner, in das sie alles Ersparte gesteckt hat, geht in den Konkurs. Damit ist ihr ganzes Geld weg. Jahre später trifft sie ihren "Traummann". Doch hier schlittert sie in die nächste Katastrophe. Anstatt zum gemeinsamen Auskommen beizutragen, lebt er weitestgehend auf ihre Kosten, nutzt ihre Gutmütigkeit aus. Letztlich hat er trotz Immobilienbesitzes, mit dem er sie lange im Unklaren über seine tatsächlichen Lebensumstände hält, einen großen Schuldenberg angehäuft. Womöglich in Mithaftung zu kommen, macht ihr Angst. Daran scheitert auch diese Beziehung. "Am Ende musste ich immer raus aus solchen Verbindungen: erst aus meiner Ehe, später aus Partnerschaften, in denen ich nicht gewinnen konnte. Mein kleines Vermögen, was ich einmal hatte, ist verloren. Nun besitze ich nicht mehr als ein wenig Kleidung und die Möbel in meiner kleinen Wohnung."

Mit 60 Jahren geht Schmitz in den Ruhestand. Der Körper streikt und auch die Psyche hält den vielen Enttäuschungen nicht mehr stand. Ihr wird eine 50-prozentige Schwerbehinderung attestiert. Zusammen mit der Grundsicherung hat sie heute gerade mal etwas über 800 Euro. Wenn Miete, Strom, Wasser und Telefon davon abgehen, bleiben ihr manchmal noch etwa 250 Euro, um ihren Lebensunterhalt davon zu bestreiten. Manchmal aber auch nur 200 Euro. Denn da gibt es auch noch die Fernsehgebühren, den Friseurbesuch oder den Mobilpass, um zum Arzt oder ins Krankenhaus zu fahren. Für das Notebook, das sie beschenkt bekommen hat, um mit ihrem Sohn skypen zu können, kann sie den Internatanschluss nicht bezahlen. Igel-Leistungen beim Arzt, die die Krankenkasse nicht übernimmt, sind ein großes Problem und können nur in Raten abbezahlt werden. Aber wovon? Und was Kleidung angeht, lebt Christel Schmitz schon lange von der Substanz; von dem, was sie früher einmal getragen hat, als sie noch in ihrer letzten Berufstätigkeit als Schmuckverkäuferin aktiv war und auf ein adrettes Äußeres Wert legte.  

Grundsicherung ist wie ein Stigma

Hilfe anzunehmen – zum Beispiel von der Kirchengemeinde – fällt ihr schwer. Und um nach Zuschüssen zu fragen – dafür schämt sie sich zu sehr. Grundsicherung – allein das Wort treibt ihr schon die Tränen in die Augen. Das sei wie ein Stigma und klinge genauso wie Sozialhilfe oder Hartz IV. "Ja, ich habe viel Pech im Leben gehabt. Trotzdem hätte ich nie gedacht, dass ich im Alter einmal so leben muss." Am liebsten geht sie gar nicht erst vor die Tür, bleibt für sich. "Dann merkt auch niemand, was mit mir los ist. Für gemeinsame Unternehmungen habe ich ja doch kein Geld. Wenn man jeden Cent rumdrehen muss, geht einem ohnehin den ganzen Tag nur ein Thema durch den Kopf. Auch nachts." Gegen die Depressionen nimmt sie mittlerweile Stimmungsaufheller. Und trotzdem: Aufgeben sei keine Alternative für sie, sagt sie. Irgendwie werde es schon weitergehen…

Margret Blazek, Leiterin des Caritas-Ausschusses von St. Nikolaus, Bensberg, kennt nicht wenige Menschen wie Christel Schmitz. "Viel mehr als man meinen sollte. Und sie sind mitten unter uns, auch wenn wir oft nichts von ihrer Not wissen", sagt die pensionierte Lehrerin, die sich seit vielen Jahren in einem 15-köpfigen Team ehrenamtlich um Menschen kümmert, die von Sozialhilfe oder Grundsicherung leben. Sie beobachtet, dass Frauen in der Regel anders mit einer solchen Situation umgehen als Männer. "Als Hausfrauen sind sie darin geübt, aus einer einzigen Kohlrabi drei Mahlzeiten zu machen. Auf diese Weise haben sie gelernt, sich über Wasser zu halten und nichts von ihrer Notlage preiszugeben. Männer können so etwas nicht, darum trifft es sie oft noch härter." Doch selbst wenn Frauen schon mal eher noch gerade eben so die Kurve bekämen, seien sie in der Gruppe der Altersarmen zu zwei Dritteln deutlich in der Überzahl. "Die versteckte Not ist groß und die Dunkelziffer derer, die am Existenzminium leben, sehr hoch."

Aus Scham kein Bittsteller sein wollen

Trotzdem geht es bei Armut nicht nur um den täglichen Nahrungsbedarf. Auch die Anschaffung von Schuhen, Haushaltsgeräten oder Medikamenten sprenge sofort das ohnehin schon schmale Budget. Selbst wenn dafür offiziell Darlehen beantragt werden könnten, sorge eine solche Verschuldung, die nach und nach auf Heller und Pfennig abgezahlt werden muss, mitunter für eine finanzielle Zwangsjacke, die auch für Außenstehende nur schwer erträglich sei.

Dass viele altersarme Rentner auch bei der Tafel nicht auftauchen, obwohl es dort wirklich genügend Lebensmittel für alle gäbe, wie Blazek betont, macht sie am Stolz dieser Menschen fest. "Das ist manchmal alles, was ihnen noch geblieben ist: ihre Selbstachtung. Wir wissen, dass sich viele nicht überwinden können, diesen Schritt in die Öffentlichkeit zu tun, sich irgendwo anzustellen und ihren Berechtigungsausweis vorzuzeigen. Lieber hungern sie." Am Ende mache sie diese Scham einsam und führe in eine selbst gewählte Isolation. "Ein Teufelskreis", findet die Ehrenamtlerin. "Denn wie gerne würden wir letztlich alle mit unserer Hilfe erreichen!" Im Team mit den Verantwortlichen der Tafel überlegt sie nun, wie sich ein Bringe-Dienst organisieren ließe, so dass sich niemand für andere sichtbar in die wöchentliche Schlange an der Lebensmittelausgabe im Bensberger Wohnpark einreihen und als Bittsteller empfinden muss. "Aber selbst wenn wir Obst, Gemüse und Milchprodukte nach Hause bringen, benötigen wir die Einwilligung derer, die darauf angewiesen sind. Denn auch dann könnten ja Nachbarn auf die Lebensmittellieferung durch die Gemeinde-Caritas aufmerksam werden." Es sei nun mal nicht einfach, an diese Menschen heranzukommen, ihre Hemmungen zu respektieren und gleichzeitig für Linderung von Altersarmut sorgen zu wollen.

Armut ist großteils nicht sichtbar

Trotzdem ist dieser Dienst für den Caritaskreis von St. Nikolaus, der auf ein gewachsenes Hilfsnetzwerk mit der evangelischen Nachbargemeinde und auch der ökumenisch ausgerichteten Alten- und Familienhilfe am Ort zurückgreifen kann, originärer Auftrag der Kirche. "Not sehen und handeln – dieses Wort leitet uns", sagt Blazek, die sich für eine größere Sensibilisierung beim Thema Armut stark macht. "Armut ist großteils nicht sichtbar, schon gar nicht in unserem eher reichen Bensberg. Aber es gibt sie – in erschreckendem Maße sogar", sagt sie. "Trotzdem sind wir darauf angewiesen, dass Menschen, die Hilfe brauchen, den Weg zu uns finden oder wir von anderen auf deren Situation aufmerksam gemacht werden." Früher habe es zu den Aufgaben eines Pfarrers gehört zu wissen, wo in seiner Gemeinde das Nötigste zum Leben fehlte. Doch da sich Kirche und Gesellschaft grundlegend geändert hätten, sei nun jeder Einzelne mehr in die Verantwortung genommen, mit offenen Augen Not wahrzunehmen. "Altersarmut darf uns nicht erst auffallen", sagt die 70-Jährige, "wenn der Strom abgestellt wird und bei Menschen im Haus auf der anderen Straßenseite sprichwörtlich das Licht ausgeht."

Beatrice Tomasetti (DR)

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