Sozialticket NRW: Ist demnächst für viele der Zug abgefahren?
Sozialticket NRW: Ist demnächst für viele der Zug abgefahren?
Michaela Hofmann
Michaela Hofmann
Land NRW zieht sich aus Sozialticket zurück
Land NRW zieht sich aus Sozialticket zurück

23.11.2017

Caritas kritisiert geplantes Aus für NRW-Sozialticket "Das ist unchristlich"

Das Sozialticket für Bus und Bahn in Nordrhein-Westfalen steht nach dem Willen der schwarz-gelben Landesregierung offenbar vor dem Aus. Die Caritas empört diese Ankündigung nicht nur, sie wirft der CDU auch "unchristliches Handeln" vor.

domradio.de: Am gestrigen Mittwoch hatte NRW-Verkehrsminister Hendrik Wüst (CDU) angekündigt, die Landeszuschüsse zum Sozialticket bis zum Jahr 2020 schrittweise auf Null zurückzufahren. Künftig sollten diese Gelder in den Straßenausbau investiert werden. Von welchen Summen reden wir hier?

Michaela Hofmann (Armutsreferentin beim Diözesan-Caritasverband für das Erzbistum Köln): Das sind 40 Millionen Euro, die jetzt abgeschafft werden sollen. Für die Menschen selber bedeutet das, dass sie fast doppelt so viel Geld für Fahrten aufbringen müssen als bisher. Im Regelsatz sind 26 Euro enthalten. Das Sozialticket kostet ungefähr 38 Euro. Wenn der Zuschuss wegfällt, dann müssen die Leute 60 Euro im Monat für die Mobilität bezahlen.

domradio.de: Die Grünen kritisieren diesen Vorschlag der Landesregierung. "Das hätte ich nicht mal der CDU zugetraut", sagt der verkehrspolitische Sprecher der Grünen, Arndt Klocke. Sehen Sie das auch so?

Hofmann: Ja. Ich finde generell - ob es die CDU oder sonst wer ist -, wer so etwas abschafft, hat einfach nicht im Blick, dass Menschen ja irgendwo hinkommen müssen. Wenn man auf der einen Seite sagt, man möchte, dass Arbeitslose schneller wieder zu einer Arbeit kommen, ihnen aber dann die Möglichkeit verwehrt, über ein billiges Ticket auch dorthin zu kommen, dann ist das ein bisschen merkwürdig.

domradio.de: Könnte man die Politiker dann beim "C" im Namen packen und ihnen vorwerfen, dass diese Sparpläne unchristlich sind?

Hofmann: Ja, es ist unchristlich. Da gibt es nichts dran zu rütteln. Das ist nicht im Sinne der christlichen Soziallehre.

domradio.de: Rein theoretisch könnten ja auch die Verkehrsverbände diese Kosten übernehmen, sodass die Nutzung der öffentlichen Verkehrsmittel dennoch erschwinglich bliebe für die Menschen, die zum Beispiel Hartz IV Leistungen beziehen. Das ist aber nicht im Gespräch, oder?

Hofmann: Die Verkehrsverbände sagen, dass sie auch einen Auftrag haben, nicht zu viel Geld auszugeben. Sie argumentieren deshalb damit, dass es nicht möglich sei, es aus dem eigenen Etat zu bezahlen, weil es zu hohe Kosten sind. Von daher ist bisher das Land immer eingesprungen.

domradio.de: Wie sind denn Ihre Erfahrungen mit den Betroffenen selber? Ist das ein Thema, wenn einkommensarme Menschen die Caritas-Beratung aufsuchen?

Hofmann: Das ist immer ein Thema, dass man das Geld nicht hat, um von "A" nach "B" zu kommen. Dann wird oft schwarzgefahren. Wenn man erwischt wird, kann man die Strafe auch nicht bezahlen. Das ist ein Rattenschwanz. Wenn man kein Geld für die Mobilität hat, dann hat man ein Problem, auch in der Gesellschaft zurechtzukommen und an ihr teilzuhaben.

domradio.de: Wenn es zu einem Protest vor dem Düsseldorfer Landtag gegen die Abschaffung des Sozialtickets kommen würde, würden die Leute dann mitkommen?

Hofmann: Ja, ich glaube schon, dass sie mitkommen würden. Man müsste nur schauen, wie die Fahrtkosten zum Düsseldorfer Landtag dann wieder reinkommen.

domradio.de: Sind denn von Ihrer Seite Proteste geplant?

Hofmann: Bisher haben wir noch nicht sehr intensiv darüber nachgedacht. Aber wir werden schon entsprechend dagegen angehen.

Das Interview führte Aurelia Rütters.

(DR)

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