Wolfgang Picken (l.) im Gespräch
Wolfgang Picken (l.) im Gespräch

10.02.2021

Bonner Stadtdechant fordert Konsequenzen über Rücktritte hinaus Erdrutsch im Episkopat

In der Missbrauchsdebatte fixiert sich die Kritik auf den Kölner Kardinal Woelki. Von dessen Schicksal hängt aber nicht die Aufarbeitung des Missbrauchsskandals ab, auch andere Bischöfe müssen Konsequenzen ziehen, findet Pfarrer Wolfgang Picken.

DOMRADIO.DE: Sie warnen vor einem "Erdrutsch im Episkopat". Was heißt das nun? Dass es eine ganze Welle von Rücktritten unter den deutschen Diözesanbischöfen geben könnte oder müsste, ausgelöst durch die Ereignisse und Rücktrittsforderungen in Köln?

Dr. Wolfgang Picken (Bonner Stadtdechant): Wichtig ist zunächst einmal, dass ich nicht davor warne. Aber ich glaube, wenn es aufgrund der Vorwürfe zu einer Konsequenz kommt, dass einer der Bischöfe zurücktritt, dann müssen eben auch andere Bischöfe damit rechnen, dass man diese Forderungen auch an sie stellt.

Bei gleichen Vergehen müssen auch die gleichen Konsequenzen folgen. Also es ist weniger eine Warnung als vielmehr eine Voraussage. Wenn der erste unter den deutschen Bischöfen aus diesen Gründen zurücktreten sollte, hat das deutliche Signalwirkung und stellt auch Erwartungen an vergleichbare Fälle.

DOMRADIO.DE: Sie sagen auch, es könne nicht sein, dass sich alle Rücktrittsforderungen auf den Kölner Erzbischof Woelki konzentrieren, nur weil sein Fall jetzt in den Medien skandalisiert werde und andere Bischöfe verschont blieben. Nun hat Kardinal Woelki aber schon zugegeben, dass er bei der Aufklärung Fehler gemacht hat, dass er seiner Ansicht nach schlechte Gutachter beauftragt hat, dass er im Prozess der Aufklärung den Betroffenen neues Leid zugefügt hat. Also da kommt dann doch einiges mehr an Fehlern zusammen, die hier die Rücktrittsforderung begründen.

Picken: Vieles von dem, was im Erzbistum Köln an Management und Kommunikation in den letzten Wochen und Monaten gelaufen ist, ist wirklich problematisch, um nicht zu sagen skandalös. Aber in der von mir aufgeworfenen Frage geht es zuerst darum: Ist einem Bischof Vertuschung nachgewiesen? Und wie gehen wir damit um?

Das ist ja das, was auch das Gutachten, das es hier bei uns im Bistum und auch in anderen Bistümern geben wird, eigentlich thematisieren wird, nämlich die Verantwortung der Verantwortlichen am immer wieder neuen Einsatz von bekannten Straftätern unter Priestern. Und da ist dem Erzbischof von Köln bisher noch nichts Entsprechendes nachgewiesen.

Hingegen gibt es bei anderen Bischöfen bereits den Nachweis, dass hier deutliche Fehler gemacht wurden. Priester, die Straftäter waren - auch bekanntermaßen - sind wieder in ihren Diözesen zum Einsatz gekommen. Und hier muss es meines Erachtens Konsequenzen geben. Denn ein Bischof, der so etwas verantwortet, verantwortet damit auch die Opfer, die infolgedessen durch den Einsatz des Priesters wieder möglich wurden.

DOMRADIO.DE: Sie haben schon im vergangenen November gefordert, dass die verantwortlichen Bischöfe endlich auch Verantwortung übernehmen müssten. Ganz konkret: Jeder Millimeter an Zugeständnissen müsse doch zurzeit den Verantwortlichen abgerungen werden. Das beklagen Sie. Warum tut sich da denn nichts? Warum kommen die verantwortlichen Bischöfe und Würdenträger hier nicht aus der Deckung? Warum wird immer noch geschwiegen?

Picken: Das müssten Sie die entsprechenden Bischöfe selbst fragen, wieso sie nicht auf die Idee kommen, diesen Dingen voraus zu gehen. Eigentlich würde man das bei einer gewissenhaften Prüfung erwarten, dass gerade Priester und Bischöfe vorbildlich sind und sich mit ihren Fehlern zu Wort melden, bevor man sie ihnen nachweist. Wieso das dennoch nicht passiert, kann ich auch nicht wirklich nachvollziehen und verstehen.

Ich bin jedenfalls der festen Überzeugung, dass der Kirche dadurch großer Schaden entsteht. Und die nächste wichtige Frage ist natürlich: Überall wird davon geredet, es muss Konsequenzen geben. Die müssen ja nicht ausschließlich nur in Rücktritten bestehen.

Aber wenn alle Konsequenzen fordern, ist doch die spannende Frage: Wie sollen die denn aussehen? Und wie verständigt man sich in der deutschen und in der kirchlichen Öffentlichkeit über Konsequenzen, wenn Bischöfe Fehler machen? Und das ist das, was die Gläubigen jetzt erwarten.

Sie wollen die Konsequenzen sehen und niemand kann gegenwärtig sagen, worin sie bestehen sollen. Und das macht mich sehr skeptisch.

DOMRADIO.DE: Sie sagen ganz konkret: Ohne schmerzliche Einschnitte wird es nicht gehen, wenn die katholische Kirche in Deutschland wieder ernst genommen werden will. Welche schmerzlichen Einschnitte könnten das denn sein?

Picken: Also ich glaube, dass es zunächst einmal nicht ausreicht, sich verbal für seine Fehler zu entschuldigen. Verantwortung heißt auch irgendwo spürbare Konsequenzen ziehen. Und der Missbrauch an Kindern und Jugendlichen ist wirklich ein schreckliches Vergehen. Und da müssen Konsequenzen dem auch angemessen gegenüberstehen.

Das könnten, wie ja schon im Raum steht, Zahlungen an einen Opfer-Fonds sein. Das können Rücktritte sein. Da kann sich möglicherweise auch eine breite Palette entwickeln. Aber ich finde, darüber muss man sich Gedanken machen, damit nicht nur die Forderung im Raum steht und nachher nichts passiert. Das wäre das Allerschlimmste.

Wir haben dann ganz viele teure Gutachten in jeder Diözese, die Namen nennen. Aber es bleibt alles beim Alten. Das wäre ein Desaster und das würden uns die Gläubigen und die Öffentlichkeit nicht verzeihen.

DOMRADIO.DE: Und in Aachen? In Aachen ist auch ein umfangreiches Gutachten, nämlich auch der Münchner Kanzlei vorgestellt worden. Aber bislang hört man gar nichts. Es passiert nichts in Aachen.

Picken: Ganz genau, dort ist ja der Altbischof Mussinghoff deutlich durch das Gutachten belastet. Und es gibt eine Aufforderung des gegenwärtigen Bischofs Dieser an den Altbischof, doch zumindest Zahlungen in einen Opfer-Fonds zu leisten. Aber ich habe seitdem, seit der Veröffentlichung nichts mehr über Konsequenzen gehört.

Das sind eben Nachrichten, die für die Wiederherstellung von Glaubwürdigkeit in der Kirche ungeeignet sind.

DOMRADIO.DE: Sie äußern den Verdacht, dass es unter den deutschen Bischöfen einige geben würde, die zurzeit verschont werden, weil sie eine reformorientierte Haltung beim Synodalen Weg zeigen. Woran machen Sie diesen Verdacht fest?

Picken: Ich habe diesen Verdacht nicht, aber der Verdacht kann schnell geäußert werden, und davor muss sich ein Synodaler Weg schützen. Wir haben im Präsidium des Synodalen Weges die Bischöfe Bode und Overbeck. Ihnen beiden ist nachgewiesen, dass sie bei Missbrauchsfällen Verantwortung getragen haben, weil sie Priester wieder zum Einsatz gebracht haben. Von ihnen ist keine Konsequenz in der Öffentlichkeit bekannt.

Bischof Overbeck hat sich für sein Verhalten entschuldigt und in der Öffentlichkeit gesagt, er würde daraus lernen. Ich meine, dass das nicht ausreicht. Und wenn ein Synodaler Weg sich zum Inhalt macht, dass er die Strukturen des Missbrauchs überwinden will, dann muss er sich die Frage stellen, ob es angemessen ist, dass Bischöfe, die eine Geschichte im Missbrauch haben, Mitverantwortung im Synodalen Weg tragen.

DOMRADIO.DE: Nicht nur das Erzbistum Köln, sondern die katholische Kirche in Deutschland scheint sehr gespalten, um nicht zu sagen zerrüttet zu sein. Wie kann es da jetzt eigentlich weitergehen? Welche Möglichkeiten sehen Sie da auch Brücken zu bauen, auch damit sich die katholische Kirche wieder auf Ihre Kernbotschaft, die Verkündigung des Evangeliums, konzentrieren kann?

Picken: Ich glaube, dass es deshalb notwendig ist, dass die Verantwortlichen in der Kirche einer Aufklärung vorausgehen und dass möglichst schnell reiner Tisch gemacht wird. Denn wenn dieses Thema nicht wirklich auch bewältigt wird, wenn es nicht zur Klarheit und Konsequenz kommt, werden wir dieses Thema immer mit uns ziehen.

Und jedes Mal, wenn dieses Thema neu in die Öffentlichkeit kommt, mit neuen Entblößungen und Skandalen, wird eine mühselige Aufbauarbeit, die wir gegenwärtig dann versuchen, um Glaubwürdigkeit wiederzugewinnen, zerstört werden. Von daher kann es jetzt keinen Weg an einer - wenn auch schmerzhaften - Form von Aufklärung und Konsequenzen vorbei geben. Und dann können wir darüber nachdenken, Kirche an vielen Stellen neu aufzubauen.

Das Gespräch führte Johannes Schröer.

(DR)

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