St. Georg ist eine integrative Gemeinde und ein Praxisfeld für erfolgreiche Inklusion.
St. Georg ist eine integrative Gemeinde und ein Praxisfeld für erfolgreiche Inklusion.
Dr. Juliane Mergenbaum ist Fachreferentin in der Hörbehindertenseelsorge.
Dr. Juliane Mergenbaum ist Fachreferentin in der Hörbehindertenseelsorge.
Eine Übersetzungshilfe mit Stichworten für den Lektor, der in die Gebärdensprache übersetzt.
Eine Übersetzungshilfe mit Stichworten für den Lektor, der in die Gebärdensprache übersetzt.
Diözesanhörbehindertenseelsorger Dr. Hermann-Josef Reuther.
Diözesanhörbehindertenseelsorger Dr. Hermann-Josef Reuther.
Der Gebärdenchor St. Georg macht synchrone Bewegungen beim Singen.
Der Gebärdenchor St. Georg macht synchrone Bewegungen beim Singen.
Eine gehörlose Lektorin übersetzt die Lesung in die Gebärdensprache.
Eine gehörlose Lektorin übersetzt die Lesung in die Gebärdensprache.
Die Hörbehinderten sitzen auf der einen Seite der Kirche, die hörenden auf der anderen.
Die Hörbehinderten sitzen auf der einen Seite der Kirche, die hörenden auf der anderen.
Der Gebärdenchor St. Georg bei einem Auftritt.
Der Gebärdenchor St. Georg bei einem Auftritt.
In der Kirche St. Georg läuft die Übersetzung immer simultan.
In der Kirche St. Georg läuft die Übersetzung immer simultan.
Dr. Juliane Mergenbaum als Gebärdendolmetscherin im Einsatz.
Dr. Juliane Mergenbaum als Gebärdendolmetscherin im Einsatz.

03.03.2021

Hörbehinderten droht Vereinsamung in der Pandemie "Wir müssen in Verbindung bleiben"

Menschen mit Behinderung kommen in der Pandemie so gut wie nicht vor. Dabei haben sie oft ein erhöhtes Risiko, bei einer Covid-Infektion schwer zu erkranken. Ganz zu schweigen von ihren Ängsten, weil sie vieles im Alltag einfach nicht mitbekommen.

Mit ihrem Zeigefinger zeichnet Juliane Mergenbaum einen Kreis um ihr Gesicht. Dann deutet sie mit einer Geste an, dass aus ihrer Hand etwas fließt. Dazu macht sie ein schmerzverzerrtes Gesicht und formt mit ihrem Mund lautlos Silben. Alle Bewegungen mit den Händen koordiniert sie in einem beeindruckenden Tempo, so dass es faszinierend ist, ihr dabei zuzuschauen. Und was hörende Menschen nicht wissen können – die promovierte Sonderpädagogin verständigt sich gerade nicht nur in Gebärdensprache, sie singt auch, obwohl äußerlich alles still bleibt. Und zwar den berühmten Bach-Choral "Oh Haupt voll Blut und Wunden, voll Schmerz und voller Hohn…"

Denn normalerweise hätte sie um diese Zeit jetzt Chorprobe mit dem Kölner Gebärdenchor St. Georg. Schließlich ist Mergenbaum nicht nur Diözesanreferentin für Hörbehinderte und Leiterin des Referates Behinderten- und Psychiatrieseelsorge im Erzbistum Köln, sondern obendrein noch Chorleiterin. Wenn auch nicht im herkömmlichen Sinne.

Singen sorgt für ein beseelendes Gefühl von Wärme

Doch das, was Singen für Hörende bedeutet – Entspannung, Gemeinschaft und Wohlgefühle – gelte gleichermaßen auch für Gehörlose, sagt die Expertin, die seit über 30 Jahren als Fachreferentin für Hörbehindertenseelsorge am Diözesanzentrum St. Georg arbeitet. Diese Gebärdenpoetik, wie das in der Fachsprache genannt wird, synchron und mit Blickkontakt zum Ensembleleiter auszuführen, sorge auch ohne Töne und Klänge bei den "Sängern" für ein beseelendes Empfinden von Wärme oder Gänsehautmomenten. "So jedenfalls beschreiben Gehörlose diese Erfahrung. Und ihre Freude, gemeinsam an einem Lied zu arbeiten, es dann irgendwann auch 'drauf' zu haben und das Geprobte bei einem Konzert unter Beweis stellen zu wollen, unterscheidet sich auch nicht wirklich von der eines Hörenden."

Das Musische, bei dem in diesem Fall Bewegungen in ein Gefühl übergingen, sei unabhängig von einer akustischen Erfahrung, erklärt Mergenbaum. Der Text werde vorher in Gebärdensprache übersetzt und gleichzeitig mit dem Gesang in einem vorgegebenen Rhythmus gebärdet. Da das Gebärden zum Gesang langsamere Bewegungen verlange als zur gesprochenen Sprache, werde mit einem Mal die Ästhetik, der tänzerische Charakter des Gebärdens deutlich. Daher auch die Bezeichnung Poesie.

Gebärdenchor: Zurzeit statt Gruppen- nur Einzelproben

Von solchen Glücksmomenten wie Chorproben oder anderen Gemeinschaftsaktionen rund um St. Georg, wo seit 20 Jahren Hörende und Gehörlose zusammen Gemeinde gestalten, kann Mergenbaum im Moment aber nur träumen. Denn in Corona-Zeiten läuft nichts wie sonst. Und daher kann die Behindertenpädagogin auch nur davon berichten, was eigentlich in der Fastenzeit normalerweise gerade „dran“ wäre. Nämlich Schritt für Schritt gemeinsam mit dem Diözesanhörbehindertenseelsorger und Pfarrer der Kölner Integrativen Gemeinde, Dr. Hermann-Josef Reuther, die Kar- und Osterwoche vorzubereiten. Und dazu gehört für Menschen mit und ohne Behinderung eben auch das „musikalische“ Erleben.

Weil die Hygienevorschriften aber nur sehr schwer einzuhalten sind – Gehörlose sind nun mal bei der Gebärdensprache auf Mimik und Mundbewegungen angewiesen, Masken verdecken aber das halbe Gesicht und behindern zudem die Atmung – ist die Vorbereitung der Gottesdienste im Moment nur unter Berücksichtigung bestimmter Auflagen möglich. So kann derzeit nicht in der Gruppe, sondern nur mit jedem einzeln geprobt werden. "Denn wir wollen niemanden gefährden", betont Reuther. "Und Menschen mit Behinderung haben mehr noch als andere große Angst vor einer Ansteckung, weil sie die Folgen für ihre Gesundheit oft nicht wirklich abschätzen können." Auch wenn sie viele Informationen aus dem Internet bezögen, würden sie differenziertes Detailwissen nicht unbedingt immer mitbekommen und sich Corona sehr ausgeliefert fühlen. "Die Folgen sind großes Misstrauen und zunehmende Vereinsamung", beobachtet der Seelsorger.

Menschen mit Hörbehinderung haben keine Impfpriorität

Corona lege den Finger in die Wunde und verstärke wie unter einem Brennglas nur noch mehr die auch sonst schon bestehenden Probleme und Einschränkungen von Menschen mit Behinderung, mit denen sie tagtäglich gesellschaftlich konfrontiert werden. Davon ist auch Mergenbaum überzeugt. Dazu gehörten vor allem mangelnde öffentliche Aufmerksamkeit für ihre besondere Lebenssituation und Akzeptanz. Während gerade viel über unterforderte Kinder, gestresste Eltern oder einsame Senioren gesprochen werde, käme die Gruppe der Menschen mit Behinderung so gut wie nicht vor. "Nicht einmal bei der Impfung wird ihnen eine außerordentliche Priorität eingeräumt."

Reuther und Mergenbaum stehen dafür, hörbehinderten Menschen so viel Teilhabe wie möglich zu eröffnen und integratives Gemeindeleben als Normalität erfahrbar zu machen. "Doch bis dahin war es ein weiter Weg", erinnert sich Mergenbaum an die Anfänge ihrer Arbeit in der Hörbehindertenseelsorge. "Vor 30 Jahren haben wir noch die meisten Veranstaltungen nebeneinander her geplant: zum Beispiel getrennte Kommunionfeiern von gehörlosen und hörenden Kindern." Dabei gebe es viele Familien, in denen die Eltern hörend, aber das Kind oder auch Geschwister gehörlos seien – und umgekehrt. "Und da lag doch nahe zu vermuten, was in einer Familie funktioniert, müsse mühelos auch auf die ‚Großfamilie Gemeinde’ übertragbar sein – mit einer simultanen Zweisprachigkeit, einer entsprechenden hörtechnischen Ausstattung und bei intensiver Begleitung."

Gehörlose leben in einer stillen Welt

"Mit der Zeit und viel Geduld konnten inzwischen viele Vorurteile beim Miteinander abgebaut werden können. St. Georg ist ein gutes Praxisfeld für Inklusion", erklärt Seelsorger Reuther. Heute verfüge die Gemeinde über Standards, die sie mit ihrem vielseitigen Angebot für Menschen eines weiten Einzugsgebiets attraktiv mache. "Mittlerweile ist es sogar so, dass die Hörenden sagen: Ohne die Gehörlosen im Gottesdienst fehlt uns etwas ganz Wesentliches."

Zurzeit bereitet ihm und dem Team in St. Georg Sorge, dass sich die Menschen, denen sie in Nicht-Corona-Zeiten sonst rund um St. Georg begegnen, im Lockdown völlig isoliert haben und ganz für sich bleiben. "Sie leben ohnehin schon in einer stillen und einsameren Welt – nun sitzen viele zusätzlich alleine zuhause, können ohne den direkten Kontakt kaum kommunizieren und werden noch einsamer. Ich kenne Menschen, die sind aus Angst vor einer Infektion seit einem Jahr nicht mehr auf die Straße gegangen", erzählt Mergenbaum. Und solange sie nicht geimpft würden, werde sich daran auch nichts ändern.

Juliane Mergenbaum: Wir sind immer erreichbar

Und dann sagt sie noch einmal den Satz, der im Moment für viele Lebensbereiche gilt: "Corona hat das Problem der eingeschränkten Sozialkontakte von Menschen mit Handicap noch einmal deutlich verschärft." Schon in normalen Zeiten seien diese oft reduziert, weil Hörbehinderte nun mal nicht dieselben Chancen wie Hörende hätten. Manche verfügten nur über eine einfache Schulbildung, könnten ein Studium ohne Dolmetscher und persönliche Alltagsassistenz nicht bewältigen, hätten oft keine qualifizierte Ausbildung, und nur einige seien in akademischen Berufen zu finden. Auch Stellen, die viel mit Telefonieren oder Publikumsverkehr zu tun hätten, kämen von vornherein nicht infrage. Entsprechend begrenzt seien auch die Verdienstmöglichkeiten in geringeren Lohnkategorien, so dass in der Pandemie manchmal auch noch die finanzielle Not dazu komme.

Umso wichtiger ist es der Geschäftsführerin des Diözesanzentrums St. Georg, den Kontakt über Email oder Whatsapp zu halten. "Wir müssen in Verbindung bleiben", betont Mergenbaum, die ihr "offenes Ohr" nun verstärkt digital anbietet. "Über Handy oder Computer sind wir immer erreichbar. Letztlich ist diese Technik ein Segen für gehörlose und schwerhörige Menschen, weil wir uns schriftlich austauschen können oder auch mal Bastel- und Handarbeitsangebote für zuhause verschicken können."

Und trotzdem gehe es nicht darum, in St. Georg "für" Gehörlose oder Hörgeschädigte ein Angebot zu schaffen, sondern mit ihnen. Also sie bei den liturgischen Diensten wie Lektor oder Messdiener zum Beispiel vollwertig mit einzubeziehen und gemeinsam dieses Praxisfeld eines anregenden Miteinanders immer wieder neu weiterzuentwickeln. Und zwar mit der Fragestellung: Wie kann ein gutes Zusammenleben von Menschen mit und ohne Hörbehinderung gelingen? Wie können Brücken zwischen den verschiedenen Welten gebaut werden? "Inklusion muss man leben", betont die Referentin der Hörbehindertenseelsorge, "Inklusion lernt man über Erfahrung, nicht aus Vorträgen."

Beatrice Tomasetti

(DR)

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