Landschaftsökologin und Schöpfungspädagogin Lucia Jochner-Freitag
Landschaftsökologin und Schöpfungspädagogin Lucia Jochner-Freitag
Lucia Jochner-Freitag ordnet Blüten und Samen auf einer Papierserviette an
Lucia Jochner-Freitag ordnet Blüten und Samen auf einer Papierserviette an

17.10.2021

Zu Besuch bei der Schöpfungspädagogin Lucia Jochner-Freitag Gottes Fährtenleserin

Einen neuen Beruf erfinden mit Anfang 50 - das muss man erst mal hinkriegen. Eine Inzeller Landschaftsökologin sucht und findet überall in der Natur Spuren Gottes. Und möchte diese Erfahrung mit anderen teilen.

Lucia Jochner-Freitag empfängt den Besuch an einem föhnigen Herbsttag auf der Terrasse ihres alten Bauernhauses. Kuhglocken läuten, ein paar Vögel zwitschern noch, von der Baustelle des Nachbarn tönt eine Kreissäge herüber. Die vier Hühner im Stall gurren neugierig. "Die Elli legt grüne Eier", erklärt die Gastgeberin. Auf dem Tisch steht eine Glaskaraffe Wasser, versetzt mit frisch gezupftem Ananas-Salbei. "Hier, reiben Sie mal die Blätter zwischen den Fingern", sagt die Hausherrin. Tatsächlich: Sie verströmen einen intensiven Duft nach der exotischen Frucht.

Ohne Smartphone, Gefrierschrank und Wäschetrockner

Die 53-Jährige lebt mit ihrer Familie im Voralpenland ohne Smartphone, Gefrierschrank und Wäschetrockner. In der Garage steht ein E-Auto. Das hält sie aber nicht für die Lösung aller Probleme, sondern eher für das kleinere Übel, unvermeidbar, so lange es um den öffentlichen Nahverkehr auf dem Land so schlecht bestellt ist.

Verbindung zwischen fachlicher Arbeit und Glauben

30 Jahre lang hat die promovierte Landschaftsökologin im behördlichen Naturschutz und in der Umweltbildung gearbeitet, aber immer fehlte ihr etwas: eine Verbindung zwischen ihrer fachlichen Arbeit und ihrem Glauben. Also hat sie eine neue Fachrichtung erfunden und zu ihrem Beruf gemacht: Schöpfungspädagogik. In Kürze beginnt sie mit der ersten Weiterbildung von 20 Lehrkräften katholischer Schulen in Oberbayern. Was muss man sich darunter vorstellen?

Jochner-Freitag holt einen Weidenkorb mit gesammelten Tierspuren: versteinerte Korallen, eine abgestreifte Schlangenhaut, ein Wespennest, das auf den ersten Blick wie zerknüllte Pappe ausschaut, ein Stück Baumstamm mit Bissspuren eines Bibers. "Die Natur ist eine große Inspirationsquelle und ein Ort, wo wir auch auf spiritueller Ebene ganz viel geschenkt bekommen", sagt sie. "Lebenssinnbilder" könnten entdeckt und meditiert werden.

Den Verwandlungsprozess von einer Raupe zur Puppe und schließlich zum Schmetterling könne die Naturwissenschaft bis heute nicht vollständig erklären. Wie sich da die Gestalt eines Geschöpfs völlig auflöst und neu wird, spiele sich teilweise über Monate im Verborgenen, im Innern ab. Was könnte das für mein Leben, für mein Gottesbild bedeuten?

Zeit für einen neuen Aufbruch

"Lernräume schaffen", darum geht es der Schöpfungspädagogin. Die Aussaat gilt ihr als das trefflichste Bild dafür. Einsichten sollen nicht "vermittelt" werden, sondern selber wachsen können. Zu ihrem eigenen, achtsamen Umgang mit der Natur gehört nicht nur der Verzicht auf Fleisch auf dem Teller. Stechmücken erschlägt sie nicht, sondern fängt sie im Glas.

Vor drei Jahren war es Zeit für einen neuen Aufbruch. Als Umweltbeauftragte ihrer Pfarrgemeinde überlegte Jochner-Freitag mit ihrem Arbeitskreis "Schöpfungsfreundlich leben", was sie zum Erreichen des 1,5 Grad-Ziels der Pariser Weltklimakonferenz beitragen könnten. Und so beschloss sie mit ihrem Mann und vier weiteren Christinnen und Christen, selbst klimaneutral zu leben.

Klimaneutral leben

Mit Hilfe eines Rechners auf der Internetseite des Umweltbundesamtes wurde der persönliche CO2-Fußabdruck ermittelt, nach Einsparpotenzialen gesucht beim Wohnen, Heizen, Stromverbrauch, Mobilität und Ernährung. Was sich an Treibhausgasausstoß (noch) nicht vermeiden lässt, wird durch Spenden an zertifizierte Klimaschutzprojekte in Ländern des Südens kompensiert. Das kostet etwa 25 Euro pro Tonne CO2. Inzwischen haben sich schon mehr als 120 Menschen der Initiative "100xklimaneutral" angeschlossen und sich voreinander zu einem klimaneutralen Leben verpflichtet, das wurde groß gefeiert. Nächstes Ziel der Initiative ist die 1.000.

Eine klassische Graswurzelbewegung. Aus der einmal gesellschaftliche Normalität werden soll, findet die 53-Jährige. Dass die Kosten des eigenen Lebensstils wirklich von jedem selbst getragen werden. Ihren eigenen Kohlendioxidausstoß hat sie inzwischen unter vier Tonnen im Jahr gedrückt. Weiteres Einsparpotenzial sieht sie trotzdem: beispielsweise mehr Wildpflanzen essen.

"Entschiedene Gelassenheit" als Grundhaltung

Die Schöpfungspädagogin spricht bedächtig, kann aber auch Nachdruck in ihre Stimme legen, ohne dabei dogmatisch-belehrend zu wirken. Entschiedene Gelassenheit, vielleicht beschreibt das ihre Grundhaltung am besten. "Ich kann die Welt nicht retten", sagt sie. Das wäre aus ihrer Sicht genauso vermessen wie der von der Menschheit seit langem unternommene Versuch, die Natur zu beherrschen. Aber: "Ich kann meins hinlegen und Gott um Verwandlung bitten."

Christoph Renzikowski
(KNA)

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