Caritaspräsident Peter Neher zieht Bilanz

"Soziales und Klimaschutz zusammendenken"

Der Deutsche Caritasverband wählt einen Nachfolger oder eine Nachfolgerin für Peter Neher, der den größten deutschen Sozialverband fast 18 Jahre lang leitete. Im Interview zieht er Bilanz und beschreibt das Caritas-Engagement.

Caritas-Präsident Peter Neher im Gespräch / © Harald Oppitz (KNA)
Caritas-Präsident Peter Neher im Gespräch / © Harald Oppitz ( KNA )

KNA: Herr Neher, ist es Ihnen in 18 Jahren als Caritaspräsident gelungen, Anwalt der Armen zu sein?

Peter Neher (Präsident der Caritas): Das mögen andere beurteilen. Aber es war mir stets wichtig, drei Schwerpunkte der Caritasarbeit in Balance zu halten: erstens Stimme und Anwalt der Armen und Benachteiligten zu sein, zweitens Caritas als Dienstleister und Anbieter von sozialen Diensten zu positionieren und drittens als Solidaritätsstifter in unsere plurale Gesellschaft hineinzuwirken.

KNA: Um die Migrationspolitik als ein Themenfeld aufzugreifen, das besonders ab 2015 zu Verwerfungen und zu erbitterten Debatten führte: Wo stehen wir hier heute?

Neher: Ich sehe es als großen Erfolg, dass viele Menschen, die ab 2015 zu uns geflohen sind, inzwischen auch wirklich angekommen sind - nicht zuletzt in sozialversicherungspflichtiger Beschäftigung. Viele sagen ja immer: '2015 darf sich nicht wiederholen!' Aber Vorsicht - das ist mir zu populistisch. Wir sollten viel mehr anerkennen, dass seitdem auch sehr viel wirklich Beeindruckendes gelungen ist. Vor allem durch den gigantischen Einsatz von Ehrenamtlichen.

Bitter und skandalös empfinde ich dagegen bis heute die Situation an den europäischen Außengrenzen: etwa an der Grenze von Polen und Belarus oder im Blick auf die Ausweglosigkeit der Menschen in den Flüchtlingslagern auf den griechischen Inseln und auf das anhaltende Sterben von Bootsmigranten im Mittelmeer. Dies alles ist einer europäischen Gesellschaft unwürdig.

Deutschland sollte hier viel stärker Einzel-Allianzen bilden. Ohne auf Staaten zu warten, die sich einer humanitären Migrationspolitik verweigern. Dass dies möglich ist, zeigt beispielhaft die Aufnahme von Kindern aus den Lagern der griechischen Inseln gemeinsam mit Luxemburg und Frankreich.

KNA: Was hätten Sie gerne noch umgesetzt? Was soll Ihr Nachfolger oder Ihre Nachfolgerin anpacken?

Neher: Ich hüte mich vor schlauen Ratschlägen. Ich bedauere aber, dass es der Caritas gemeinsam mit vielen Partnern trotz großer, kontinuierlicher Bemühungen nicht gelungen ist, Kinderarmut in Deutschland signifikant einzudämmen. Wir brauchen dazu endlich eine eigenständige Kindergrundsicherung. Kinder dürfen nicht länger in Armut fallen, nur weil ihre Eltern in Armut leben. Das ist für mich eine schmerzliche, offene Baustelle.

KNA: Zuletzt machte sich der Caritasverband dafür stark, stärker die sozialen Folgen von Klimaschutzpolitik zu berücksichtigen. Was ist damit gemeint?

Neher: Dahinter steht meine tiefe Überzeugung, dass uns der dringend notwendige sozial-ökologische Umbau nur dann gelingen wird, wenn wir breite Schichten der Bevölkerung mitnehmen. Und nicht nur die, die sich Klimaschutz finanziell leisten können.

Es darf nicht sein, dass Menschen, die aufgrund ihrer prekären Lebenssituation wenig zum Klimawandel beitragen, die gleiche Last bei dessen Bekämpfung tragen wie alle anderen. Da braucht es einen Ausgleich und entsprechende politische Weichenstellungen. So müssten endlich klimaschädliche Subventionen in Milliardenhöhe enden: etwa die Steuervorteile für Dienstwagen oder Flugbenzin und Diesel.

Die Politik sollte viel stärker die sozialen Folgen von Klimaschutz berücksichtigen. Es ist falsch und letztlich ungerecht, wenn Wohnungseigentümer energetisch bedingte Sanierungskosten an ihre Mieter weiterreichen und diese sich dann ihre Wohnung nicht mehr leisten können.

Die soziale Frage steigender Wohnkosten hat sich zuletzt extrem verschärft. Dabei könnte man hier leicht gegensteuern. Zum Beispiel, indem die energetische Sanierung nur dann bezuschusst wird, wenn nachher nicht die Mietkosten explodieren. Und warum fördern wir die obere Mittelschicht und die Oberschicht beim Kauf neuer Elektroautos, statt den ÖPNV auszubauen und ihn für finanziell schwächer gestellte Menschen kostenlos zu machen?

KNA: Das klingt nach vielen Aufgaben für die kommende Bundesregierung?

Neher: Die neue Bundesregierung kann nicht anders, als Soziales und Klimaschutz zusammenzudenken. Egal welche Farbe die Koalition schlussendlich haben wird. Da bin ich durchaus zuversichtlich. Ein Wendepunkt war hier auch, dass die Flutkatastrophe an Ahr und Erft im Juli erstmals in dieser Dramatik erfahrbar gemacht hat, was Klimawandel bedeutet - nicht mehr nur in fernen Staaten, sondern bei uns in Deutschland.

KNA: Der neue Bundestag wird bald auch über eine Neuregelung der Suizidbeihilfe entscheiden müssen. Wie sehen Sie hier das zugrundeliegende Urteil des Bundesverfassungsgerichts?

Neher: Das Verfassungsgericht hat ein Urteil gefällt, das viele - und auch ich - für sehr problematisch halten. Denn die Richter formulieren einen Autonomiebegriff, den ich für stark überzogen halte. Ich sehe die Gefahr, dass mit diesem Urteil einiges ins Rutschen geraten könnte.

Es darf nicht dazu kommen, dass sich Menschen verteidigen müssen, die trotz Krankheit, Alter, Einschränkungen und Begrenzungen leben wollen, statt sich endlich den Tod zu wünschen - und so nebenbei auch das Gesundheitssystem von Kosten zu entlasten. In einer solchen Gesellschaft möchte ich nicht leben.

KNA: Bleibt den Kirchen also nur noch die Rolle als kulturpessimistischer Warner?

Neher: Nein, auf keinen Fall Rückzug in die Schmollecke! Wir Christen müssen uns so einmischen, dass unsere Argumente anschlussfähig sind an die gesellschaftliche Debatte. Die Zeiten, in denen wir immer gehört wurden, sind schon lange vorbei. Wir müssen deshalb stets neu verständlich machen, warum wir für Lebensschutz und Würde des Menschen einstehen.

Das gilt für viele ethische Fragen, etwa auch beim Embryonenschutz. Es ist ein Unterschied, ob wir jedem Menschen die Würde und das Recht einräumen, die biologischen Eltern zu kennen, oder ihn oder sie nur als Produkt eines anonymen, technischen Vorgangs begreifen.

KNA: Die deutsche Caritas ist der größte Sozialverband in Deutschland und Europa - wird das so bleiben, wenn die Zahl der Christen weiter so stark zurückgeht wie derzeit?

Neher: Inzwischen gibt es durchaus Regionen in Deutschland, wo in Caritaseinrichtungen weniger als die Hälfte der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter Christen sind. Sie alle stehen im Dienst der Menschen und setzen so das christliche Selbstverständnis einer Einrichtung um.

'Der Weg der Kirche ist der Mensch', sagte Papst Johannes Paul II. Dem sind die Mitarbeitenden der Caritas verpflichtet. Das habe ich bei vielen Besuchen vor Ort erlebt. Die soziale Arbeit wäre nicht christlicher, wenn die Glaubensüberzeugungen der einzelnen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter überprüft würden. Für uns gilt die Tatsprache des Glaubens.

Das Interview führte Volker Hasenauer. 

Quelle:
KNA