Kreuz auf einer grünen Wiese
Vor fünf Jahren hat Papst Franziskus seine Enzyklika "Laudato si"" veröffentlicht
Klimaforscher und Papstberater Hans Joachim Schellnhuber
Klimaforscher und Papstberater Hans Joachim Schellnhuber
Deutsche Ausgabe der Enzyklika "Laudato si"
Deutsche Ausgabe der Enzyklika "Laudato si"

24.05.2020

Klimafolgenforscher zur Bedeutung der Enzyklika "Laudato si" Die ethische Dimension des Klimawandels

Vor fünf Jahren hat Papst Franziskus seine Enzyklika "Laudato si" veröffentlicht. Klimafolgenforscher Professor Hans Joachim Schellnhuber war an der Entstehung beteiligt. Im Interview blickt er auf die Bedeutung der Enzyklika – damals und heute.

DOMRADIO.DE: In Sachen Klimawandel war das jetzt für Sie wahrscheinlich nichts Neues, was in der Enzyklika "Laudato si" stand. Aber dass der Papst so klar die Zusammenhänge zwischen dem Umgang mit der Erde und sozialen Ungerechtigkeiten benennt, das war schon neu in dieser Form, oder?

Prof. Dr. Dr. h.c. Hans Joachim Schellnhuber (Direktor Emeritus des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung, päpstlicher Berater): Ja, es war eine Leerstelle, die besetzt wurde. Der Klimawandel wurde natürlich schon lange diskutiert, die Zerstörung der Natur durch den Menschen und natürlich auch die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen. Besprochen wurde im Wesentlichen oft die ökologische Komponente des Klimawandels und die sozialökonomische, wenn Sie so wollen. Aber was gefehlt hat, war die ethische Dimension. Und die wichtigste ethische Instanz der Weltgeschichte, die christliche, hat zu diesem Thema eigentlich geschwiegen. Das hat sich durch die Enzyklika dramatisch verändert.

Dass es überhaupt so weit kam, hat auch damit zu tun - und da ist die Rolle der Päpstlichen Akademie hervorzuheben - dass bis 2011/12 die sogenannten Klimaleugner, zum Teil Pseudowissenschaftler, infrage stellten, ob es überhaupt einen menschlichen Einfluss auf das Klima gibt. Und die haben eigentlich die Debatten dominiert, auch noch in der Akademie. Das hat sich dann geändert. Aber dass dann tatsächlich die katholische Kirche in dieser Wucht ihre Stimme erhebt, hängt natürlich mit Papst Franziskus zusammen.

DOMRADIO.DE: Hat Sie das überrascht, dass Papst Franziskus sich da so sehr hinter die Wissenschaft stellt?

Prof. Schellnhuber: Wie gesagt, der Boden wurde schon durch die Päpstliche Akademie vorbereitet. Marcelo Sanchez Sorondo – der Vorsitzende der Akademie oder Kanzler wie es in der Sprache des Vatikan heißt – ist auch Argentinier und Jesuit. Das hat natürlich geholfen. Aber es hängt ursächlich ganz klar mit der Persönlichkeit von Franziskus zusammen.

Betrachtet man allein schon die Wahl seines Namens: Er ist der Erste, der sich nach eigentlich dem wichtigsten Heiligen der katholischen Kirche benannt hat, nach Franziskus von Assisi. Das war Programm, denn die Lehre von Franziskus von Assisi ist eben die Barmherzigkeit, die Solidarität, die Empathie mit den Mitmenschen – gerade den Ärmsten und Schwächsten – und die Versöhnung mit der Natur. So gesehen ist ein kleines Wunder passiert.

DOMRADIO.DE: Sie haben Papst Franziskus als Mann der Wissenschaft auch in diesem Fall beraten. Wie ist das abgelaufen?

Prof. Schellnhuber: Ja, darüber gibt es alle möglichen Vorstellungen und Mythen. Ich werde nichts im Einzelnen ausplaudern, es waren ja auch relativ viele damit beschäftigt. Ich habe an der Akademie der Wissenschaften an verschiedenen Seminaren, Symposien, Workshops teilgenommen, deren Ergebnisse direkt an Franziskus weitergegeben wurden.

Es gab auch persönliche Begegnungen, aber das Wichtigste war die Arbeit am Text im Vorfeld. Und da habe ich zum Beispiel ein Exemplar in Spanisch kommentieren dürfen – da ich zufälligerweise recht gut Spanisch kann, war das möglich.

DOMRADIO.DE: Hat Papst Franziskus mal kritisch nachgefragt?

Prof. Schellnhuber: Das geht sozusagen ganz indirekt. Aber es ist klar: In der Arbeit am Text, in die übrigens auch mein Kollege Ottmar Edenhofer involviert war, der jetzt einer meiner Nachfolger am Potsdam-Institut ist, wurden große Beiträge geleistet. Da gab es ganz klar ein Ringen: Ist denn die Klimakrise wirklich so tief und so ernstzunehmen? Und es gab da natürlich immer den Versuch, diese mit anderen Stimmen auszugleichen. Am Schluss hat sich der Papst dafür entschieden, die Aussagen der Wissenschaften relativ unverfälscht und auch in dieser Thematik darzustellen. Das war seine persönliche Entscheidung.

DOMRADIO.DE: Sie waren damals als frisch gekürtes Mitglied der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften bei der Vorstellung mit dabei. Das war eine kleine Überraschung, dass Sie als Wissenschaftler neben einem Kardinal dieses wirklich wichtige Dokument mit vorgestellt haben. Damals haben Sie gesagt, nicht die Armen, sondern die Reichen verursachen die größten Risiken für unseren Planeten und letztlich für die Menschheit. War das für Sie auch die wichtigste Feststellung der Enzyklika?

Prof. Schellnhuber: Nicht die Wichtigste, aber es war von mir bewusst eine Aussage und Klarstellung, die notwendig war, damit die katholische Kirche eben nicht gewissermaßen in eine Falle gerät, weil eine andere Argumentation von vielen vorgebracht wurde, die eben eher nicht den Klimaschutz fördern wollten. Diese andere Argumentation besagte, das größte Problem auf der Erde sei nicht die Klimaveränderung und dergleichen. Oder wenn die Klimaveränderung ein wichtiges Problem sei, dann läge das an der Überbevölkerung. Wir könnten uns immer fragen: Was bedeutet das? Die Bevölkerungsdichte in Afrika ist immer noch viel geringer als zum Beispiel in Europa. Weiter hieß es, da die katholische Kirche ja jetzt nicht für eine proaktive Empfängnisverhütung ist, schon gar nicht für Abtreibung, sollte sie lieber den Mund halten und habe zum Thema nichts mehr zu sagen.

Da habe ich einfach auf der Basis der Fakten klargestellt, dass die ärmste Milliarde an Menschen auf diesem Planeten quasi gar nichts zum Klimawandel beiträgt. Die Emissionen sind vernachlässigbar, aber die reichste Milliarde trägt ganz wesentlich dazu bei. Insofern ist es kein Problem, dass es so viele Menschen gibt – wie auch immer man zur Bevölkerungspolitik stehen will. Es gibt nicht zu viele Menschen auf diesem Planeten, aber die Reichen ruinieren diesen Planeten. Da müssen wir uns in den Industrieländern einfach an die eigene Nase fassen. Das war eine wichtige Klarstellung, die ich bei dieser Präsentation der Enzyklika machen konnte.

DOMRADIO.DE: Was ist denn so in der Zwischenzeit passiert? Haben wir diesen Aufruf von Papst Franziskus ernst genommen? Wir haben uns ja vor einigen Jahren, nach der Veröffentlichung von "Laudato si" über den Einsatz der Kirchen für mehr Klimaschutz unterhalten. Damals haben Sie gesagt: "Die Tür fällt langsam zu. Es ist noch ein Spalt offen, jetzt muss man den Fuß reinschieben. Wenn ich den Fuß drin habe, dann kann ich die Tür wieder aufstemmen. Wenn sie ins Schloss gefallen ist, dann kann keine Macht der Welt sie wieder öffnen." Haben wir den Fuß denn noch rechtzeitig in die Tür bekommen?

Prof. Schellnhuber: Zunächst: Diese Metapher des Fußes, dieses Sinnbild, hat tatsächlich eine wissenschaftliche Begründung. Wenn das Schloss einschnappt, sind das gewissermaßen die Kipppunkte im Erdsystem, die überschritten sind - dann ist es ein mehr oder weniger irreversibler Vorgang. Wenn das Grönland-Eis zu schmelzen beginnt, dann kann keine Macht der Welt es in den nächsten Jahrhunderten oder Jahrtausenden wieder wachsen lassen. Das war insofern nicht so einfach dahingesagt.

Wir haben den Fuß immer noch in der Tür, aber der Druck auf den Fuß nimmt zu, und es wird immer schwerer, die Tür wieder aufzustemmen. Jetzt ist es so, dass eben andere Füße herbeieilen müssen und sich in diesen Spalt hineinzwängen müssen. Und dann muss er gemeinsam aufgestemmt werden. Das bedeutet konkret: Ich glaube, eine große Rolle wird der Europäischen Union und der Europäischen Kommission zukommen. Ich träumte ein wenig davon, so wie man als Klimaforscher vor 2015 geträumt hat, dass die katholische Kirche sich zum Klimaschutz äußern würde. Dieser Traum ist in Erfüllung gegangen.

Ich träume jetzt davon, dass es zwischen der Europäischen Kommission und dem Vatikan ein starkes Bündnis geben könnte. Idealerweise käme es sogar bald zu einem Klimaschutz-Gipfeltreffen zwischen Papst Franziskus und Ursula von der Leyen. Wie auch immer, wenn dieser eine Fuß sozusagen allein in der Tür bleibt, dann droht er, zerquetscht zu werden. Jetzt müssen sich andere auf den Weg machen.

DOMRADIO.DE: Bei der Vorstellung der Enzyklika im Jahr 2015 haben Sie angemahnt, gerade die Armen werden von den Folgen der globalen Erwärmung am härtesten getroffen. Es sei denn, wir reduzieren rasch die Emissionen. Wir haben schon gesagt, wir müssen unser Engagement in Sachen Klimaschutz deutlich beschleunigen. Was haben wir denn seitdem in den letzten fünf Jahren erreicht?

Prof. Schellnhuber: Na ja, wir haben schon einen globalen Bewusstseinswandel erreicht, nicht zuletzt dank Greta Thunberg und die "Fridays for Future"-Bewegung. Es ist eine globale Jugendbewegung entstanden, zweifellos auch motiviert durch die Enzyklika. Es ist schon sehr viel geschehen, aber jetzt ist es konkret notwendig, dass letztendlich auch Finanzströme umgeleitet werden. Die Welt ist ja mit Kapital überschwemmt, das irgendwie einen sicheren Hafen sucht, also sicheren Gewinn und so weiter. Aber viel zu viel davon wird noch in fossiles Wirtschaften investiert – und da muss natürlich relativ schnell etwas geschehen, und da gibt es gute Pläne. Aber hier, denke ich, muss natürlich die katholische Kirche in ihren Diözesen und im Vatikan selbst ein Vorbild sein. Sie muss mutig vorangehen.

DOMRADIO.DE: Aber auch da scheint es so, als wären die Worte von Papst Franziskus nicht so ganz durchgedrungen...

Prof. Schellnhuber: Es ist ja immer schwer zu predigen und dann nach diesen Worten zu leben. Das ist menschlich und es ist natürlich auch kirchlich, wenn man Dinge angelegt hat und die Gewinne sozusagen schon in seine künftigen Pläne eingerechnet hat – was auch immer man damit tun will.

DOMRADIO.DE: Sie sprechen zum Beispiel Investitionen in fossile Energien an?

Prof. Schellnhuber: Ganz genau. Es muss eigentlich nach der Enzyklika eine Selbstverständlichkeit sein, dass keine Diözese mehr in irgendeinerweise Weise mit fossilen Geschäften Gewinn macht. Das gilt für den Vatikan selbst und seine finanziellen Transaktionen natürlich auch. Da ist ganz klar Nachholbedarf.

Die Armen sind in der Tat am meisten gefährdet durch den Klimawandel, das ist der große Gerechtigkeitsskandal der Klimawandel-Problematik. Wer aber auf der Seite der Armen dieser Welt steht, der muss auch selbst den ersten Schritt tun und am Schluss sauber dastehen – gerade im Blick auf die Verantwortung, die wir für künftige Generationen haben.

(DR)

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