Kardinal Woelki
Kardinal Woelki

21.09.2018

Kardinal Woelki kündigt unabhängige Expertenkommission zu Missbrauch an "Werden uns der Wahrheit stellen"

Kölns Erzbischof Woelki kündigt eine umfassende und unabhängige Aufklärung des Umgangs mit sexuellem Missbrauch im Erzbistum Köln an - "ungeschönt und ohne falsche Rücksichten". Köln ist damit das erste deutsche Bistum, das diesen Schritt als Reaktion auf die neue Missbrauchsstudie macht.

Vier Tage vor der offiziellen Bekanntgabe der Ergebnisse der neuen Studie "Sexueller Missbrauch an Minderjährigen durch katholische Priester, Diakone und männliche Ordensangehörige im Bereich der Deutschen Bischofskonferenz" hat der Kölner Erzbischof Rainer Maria Kardinal Woelki am Freitag für sein Erzbistum weitergehende Untersuchungen angekündigt. Die wichtigsten Ergebnisse der von der Bischofskonferenz in Auftrag gegebenen sogennanten MHG-Studie waren schon in der vorigen Woche von einigen Medien veröffentlicht worden. Danach sollen in Deutschland zwischen 1946 und 2014 insgesamt 3.677 sexuelle Vergehen durch 1.670 Kleriker an überwiegend männlichen Minderjährigen begangen worden sein.

Was die bundesweite MHG-Studie aufgrund des Umfangs der Akten laut Woelki nur stichprobenartig leisten konnte, soll nun für das Kölner Erzbistum von unabhängigen Fachleuten sorgfältig beleuchtet werden, so der Kölner Erzbischof: "Taten sprechen lauter als Worte." Der Kardinal rechnet dabei mit "sehr schmerzhaften" Ergebnissen. Trotzdem solle "ungeschönt und ohne falsche Rücksichten" aufgeklärt werden. Dafür werde eine externe Einrichtung beauftragt, so Woelki, die unabhängig und umfassend auch institutionelles Verhalten auf mögliche Versäumnisse in der Vergangenheit, auf Versagen und Fehlverhalten hin aufarbeiten soll.

"Versagen und Schuld benennen"

Woelki spricht von einer "Woche der bitteren Wahrheit". In vielen Gesprächen und Nachrichten, die ihn erreichten, sei der Tenor: "Es muss etwas passieren. So kann es nicht weitergehen. Und ich sage: Sie haben Recht! So kann es wirklich nicht weitergehen." In seinem
Bischofswort betont der Kölner Erzbischof zugleich, dass die Präventionsarbeit zur Verhinderung künftiger Untaten in den vergangenen Jahren stark ausgebaut worden sei. 

Infolge der Vorveröffentlichung der bundesweiten Studienergebnisse hatten sich in den vergangenen Tagen etliche Bischöfe der 27 deutschen Bistümer zu Wort gemeldet, Scham und Bedauern geäußert und weitere Präventionsmaßnahmen in Aussicht gestellt. Das Erzbistum Köln geht nun mit der Ankündigung einer Untersuchung unabhängiger Experten einen Schritt weiter. Denn, so Woelki: "Wir wollen Versagen und Schuld benennen. [...] Es geht um unsere Glaubwürdigkeit."

Neben der beschämenden Erkenntnis, dass Vertreter der Kirche vielen Menschen Leid angetan hätten, sei für ihn besonders schlimm zu sehen, dass die Kirche vielen Menschen inzwischen schon so gleichgültig geworden sei, "dass sie sich nicht mal mehr jetzt über die Kirche aufregen. Auch hier muss die Aufarbeitung beginnen, wollen wir neue Zeichen und Impulse setzen".

Bei ihrer Vollversammlung vom 24. bis 27. September in Fulda wollen die deutschen Bischöfe über weitere Konsequenzen für die Aufarbeitung der Missbrauchsfälle beraten. Die Studie über sexuellen Missbrauch an Minderjährigen durch Geistliche im Bereich der Deutschen Bischofskonferenz soll helfen, sich der Verantwortung zu stellen, verlorenes Vertrauen wiederzugewinnen und nötige Veränderungen anzustoßen.

Die Erklärung Rainer Maria Kardinal Woelki im Wortlaut (hier im Video)

"Es ist die Woche der bitteren Wahrheit: Am Dienstag werden in Fulda die Ergebnisse der Missbrauchsstudie präsentiert. Sie sind beschämend. Mich erreichen in diesen Tagen viele Kommentare und Nachrichten. Auch in persönlichen Gesprächen ist der Tenor: Es muss etwas passieren. So kann es nicht weitergehen. Und ich sage: Sie haben Recht! So kann es wirklich nicht weitergehen.

Ich werde halten, was ich in der vergangenen Woche zugesagt habe: Unser Kölner Erzbistum wird sich der Wahrheit stellen - auch dann, wenn diese schmerzlich ist. Und dazu gehört es, ungeschönt und ohne falsche Rücksichten aufzuklären. Das wird wahrscheinlich sehr schmerzhaft – auch für uns selbst. Aber Taten sprechen lauter als Worte.

Dazu werde ich eine externe Einrichtung beauftragen, die unabhängig und umfassend unser eigenes - auch institutionelles - Verhalten auf mögliche Versäumnisse in der Vergangenheit, auf Versagen und Fehlverhalten hin aufarbeiten wird. Was die bundesweite MHG-Studie aufgrund des Umfangs der Akten nur stichprobenartig leisten konnte, werden wir für unser Erzbistum von unabhängigen Fachleuten sorgfältig beleuchten lassen. Weil wir Klarheit wollen, was in unserem Erzbistum falsch gehandhabt wurde.

Die Aufklärung, wie wir in Fällen sexualisierter Gewalt gehandelt haben und welche Fehler gemacht wurden, ist von höchster Bedeutung. Deshalb wollen wir Versagen und Schuld benennen, die Verantwortliche des Erzbistums möglicherweise auf sich geladen haben. Die Verhinderung künftiger Untaten ist dabei das Ziel unserer Präventionsarbeit, die wir in den vergangenen Jahren stark ausgebaut haben.

Mit diesem Schritt möchte ich schon über den kommenden Dienstag hinaus auf etwas Grundsätzliches schauen: Es geht um unsere Glaubwürdigkeit. Wir haben als Kirche einen Auftrag. Und der ist uns nicht von irgendwem gegeben. Vielmehr ist der uns direkt von Jesus Christus gegeben. Danach sollen wir den Menschen das Licht Gottes bringen. Dafür muss jeder einzelne von uns: Priester, Pastorale Dienste oder Gläubiger als ein Mensch erfahrbar werden, dem man diesen Auftrag glaubt. Nur, wenn wir ehrlich und aufrichtig sind, wird uns wieder Vertrauen geschenkt werden.

Neben der beschämenden Erkenntnis, dass vielen Menschen – vor allem in den vergangenen Jahrzehnten - Leid von Vertretern der Kirche angetan wurde, ist es für mich besonders schlimm, zu sehen: Nicht wenigen Menschen sind wir inzwischen schon so gleichgültig geworden, dass sie sich nicht mal mehr jetzt über die Kirche aufregen. Auch hier muss die Aufarbeitung beginnen, wollen wir neue Zeichen und Impulse setzen.

Heute mache ich Ihnen ein weiteres Versprechen: so dunkel die Stunde für uns derzeit auch ist und so intensiv wir alles Geschehene aufarbeiten werden – Ich mache nicht als Letzter das Licht in der Kirche aus! Denn wenn wir jetzt die richtigen Entscheidungen treffen, Fehler und Versagen der Vergangenheit aufklären, wird auch wieder ein Licht am Ende des Tunnels erscheinen. Und ich bin überzeugt: dieses Licht ist Jesus Christus, der ist und der bleibt: gestern, heute und auch morgen.

Ihr
Rainer Woelki"

(DR, KNA)

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