Papst Franziskus und ein Kleinkind (Archiv)
Papst Franziskus und ein Kleinkind (Archiv)

14.05.2021

Papst fordert "strukturelle Solidarität" für junge Familien Die Gesellschaft überaltert

Angesichts dramatisch sinkender Geburtenzahlen in Italien hat Papst Franziskus mehr strukturelle Unterstützung für junge Paare und Familien gefordert. Vergleichsweise verschwindet in Italien jährlich eine Stadt mit 200.000 Einwohnern.

"Wir sprechen oft von wirtschaftlicher, technologischer und ökologischer Nachhaltigkeit. Aber wir müssen auch über die Nachhaltigkeit der Generationen sprechen", so das Kirchenoberhaupt am Freitag bei einer Veranstaltung in Rom. Es sei "dringend notwendig, jungen Menschen Garantien für eine ausreichend stabile Beschäftigung, Sicherheit für ihr Zuhause und Anreize zu bieten, das Land nicht zu verlassen".

An der "Generalversammlung zur Geburtenrate" nahm auch Ministerpräsident Mario Draghi teil. Vertreter von Behörden, Banken, Wirtschaft, Versicherungen, Medien und Sport berieten über den "demografischen Winter", unter dem insbesondere Italien leidet. Das Land hat seit etlichen Jahren eine der niedrigsten Geburtenraten in Europa. Es sei so, als wenn "jedes Jahr eine Stadt mit über 200.000 Einwohnern verschwindet", beklagte Franziskus.

Zunehmende Überalterung der Gesellschaft

Laut dem Nationalem Statistikbüro ISTAT sank Italiens Geburtenrate pro 1.000 Einwohner zwischen 1946 und 2020 von 21,3 auf 7,3. Wurden im vergangenen Jahr in Italien 404.000 Kinder geboren, erwarte man in diesem Jahr nur maximal 393.000, so ISTAT-Direktor Gian Carlo Blangiardo.

Die zunehmende Überalterung der Gesellschaft strapaziert nach Aussage des Experten die Sozialsysteme. So habe sich seit 1992 die Zahl der Menschen über 90 Jahre mehr als vervierfacht, rechnete der Statistiker vor. Während in diesem Zeitraum die Zahl der Rentner über 65 Jahre um 1,7 Millionen stieg, sank die Zahl erwerbsfähiger Menschen um 1,4 Millionen.

Immerhin, so der Papst weiter, habe die Regierung in Rom mittlerweile eine einmalige allgemeine Beihilfe für jedes Kind eingeführt. Diese, so sie denn ausreiche, könne nur der Beginn von Sozialreformen sein, um "die Kinder und Familien in den Mittelpunkt zu stellen". Solch "strukturelle Solidarität" muss nach Aussage des Papstes über eine individuelle hinausgehen und neben der Familie auch den Schulen gelten.

Lage für Familien durch Pandemie verschlimmert

Die Pandemie habe die Lage für Familien weiter verschlimmert. "Wie viele Familien mussten in diesen Monaten Überstunden machen, ihr Zuhause zwischen Arbeit und Schule aufteilen, wobei Eltern als Lehrer, Computertechniker, Arbeiter, Psychologen fungierten", so das Kirchenoberhaupt.

Allen Beteiligten - von Behörden über Unternehmen bis hin zu Sport und Unterhaltung - müsse klar sein, dass Kinder in erster Linie ein Geschenk seien und dementsprechend behandelt werden müssten. Nur mit jungen Menschen seien wirkliche, kreative Neuanfänge möglich.

Für Unternehmen wie Gesellschaft sei es beschämend, wenn berufstätige Frauen, die schwanger werden, sich mitunter "schämen und ihren Bauch verstecken". Dabei machten sie "das schönste Geschenk, das das Leben geben kann".

Damit Kinder nicht nur versorgt werden, sondern gut aufwachsen können, braucht es nach Aussage des Papstes auch in Medien eine "familiengerechte" Sprache, indem "man mit Respekt und Feingefühl über andere spricht, als wären es die eigenen Verwandten".

Organisiert wurde die halbtägige Konferenz vom italienischen "Forum der Familienverbände".

Roland Juchem
(KNA)

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