Papst Franziskus
Papst Franziskus

24.10.2020

Papstworte zu Homosexualität sorgen weiter für Aufregung Wurden Aussagen von Franziskus aus dem Zusammenhang gerissen?

Ist der Papst zum Verfechter eines homosexuellen Lebenswandels geworden? Das Medienecho auf seine jüngsten Worte erweckt teilweise diesen Eindruck. Derweil kommt Kritik an der Machart des Films auf, aus dem die Aussagen stammen.

So hat man sich das im Vatikan gewiss nicht vorgestellt: Gay-Lobbygruppen in aller Welt spenden Papst Franziskus Beifall, konservative Katholiken sind indigniert. Zunehmend drängt sich der Verdacht auf, dass bei der Veröffentlichung des neuen Films "Francesco" etwas gehörig schiefgelaufen sein muss. Im Vatikan wird die Verunsicherung ob der Reaktionen von Tag zu Tag größer. Keine Stellungnahme zu dem Thema, die vatikanischen Medien blenden die Angelegenheit komplett aus.

Doch was genau ist eigentlich passiert? In der am Mittwoch in Rom vorgestellten Doku des russischen Regisseurs Jewgeni Afinejewski befürwortet Franziskus - deutlich wie nie - eingetragene, zivile Partnerschaften für gleichgeschlechtliche Paare. "Homosexuelle haben das Recht, in einer Familie zu leben", so das Kirchenoberhaupt in einer Szene. Auch sie seien Kinder Gottes. Und dann folgt der entscheidende Satz: "Was wir benötigen, ist ein Gesetz, das eine zivile Partnerschaft ermöglicht."

Nach Gusto interpretiet?

Es folgten überschwängliche Schlagzeilen in zahlreichen Ländern. Manche erweckten den Eindruck, der oberste Repräsentant der katholischen Kirche sei plötzlich zum Verfechter eines homosexuellen Lebenswandels geworden. Das ist freilich nicht der Fall. Doch weil eine Erklärung bislang fehlt, kann jeder nach Gusto interpretieren.

Derweil kommt Kritik an der Machart der "Francesco"-Dokumentation auf. Die Papstworte, heißt es, seien aus dem Zusammenhang gerissen worden. Und in der Tat: Recherchen ergeben, dass die zentralen Passagen aus älterem Material in veränderter Reihenfolge zusammengeschnitten wurden. Sie stammen aus einem Interview, das Mitte 2019 für den mexikanischen Sender Televisa geführt wurde. Darin nahm der Papst unter anderem zu der Frage Stellung, wie Eltern mit homosexuellen Kindern umgehen sollten. In diesem Kontext fiel der Satz: "Homosexuelle haben das Recht, in einer Familie zu leben."

Zwiespältige Resonanz

Die Forderung nach einer rechtlichen Absicherung von homosexuellen Paaren fehlt in der damals in Mexiko ausgestrahlten Fassung. Wieso sie herausgeschnitten wurde, dazu gibt es widersprüchliche Angaben. Televisa deutet an, man habe den Part über eingetragene Partnerschaften nicht für spannend erachtet. Ähnliches sei von Franziskus bereits Jahre zuvor gesagt worden. Ein Bericht der "New York Times" legt indes nahe, der Vatikan habe diesen Abschnitt nicht freigegeben.

Fest steht, dass Regisseur Afinejewski, dem Zugang zum vatikanischen Filmarchiv gewährt wurde, die Brisanz des nicht veröffentlichten Ausschnitts erkannte. Mit einer gewissen dramaturgischen Freiheit, die in der Branche aber durchaus üblich ist, baute er ihn in seine Doku ein. Mit einer zwiespältigen Resonanz dieses Ausmaßes hat im Vatikan offenbar niemand gerechnet. Für das Filmprojekt "Ein Mann seines Wortes" von Wim Wenders hatte man 2018 Lob von allen Seiten bekommen. Womöglich hat dies den Wagemut in Sachen "Francesco" befördert.

Die neue Doku stößt nicht zuletzt in den sozialen Medien auf ein gewaltiges Echo. Neben viel Lob und Zustimmung verbreiten sich allerhand Karikaturen sekundenschnell über den gesamten Globus. Eine zeigt den Papst neben einem grinsenden Mann im Regenbogen-Hemd und legt dem Nachfolger Petri dazu den Ausruf "Ecce Homo" in den Mund. In einer anderen Darstellung sieht man regenbogenfarbenen Rauch über der Sixtinischen Kapelle aufsteigen. In der Bildunterschrift steht: "Annuntio vobis GAYdium magnum."

"Er sollte vorsichtiger sein"

So etwas findet nicht jeder lustig. Viele einflussreiche Kirchenvertreter sind zu keinem Kommentar bereit. Sie sehen den Vatikan in der Pflicht. Zumal es in einem 2003 von der römischen Glaubenskongregation veröffentlichten Schreiben heißt: "Nach der Lehre der Kirche kann die Achtung gegenüber homosexuellen Personen in keiner Weise zur Billigung des homosexuellen Verhaltens oder zur rechtlichen Anerkennung der homosexuellen Lebensgemeinschaften führen."

Einer, der sich am Freitag zu Wort meldet, ist der deutsche Kardinal Gerhard Ludwig Müller, früherer Chef der Glaubenskongregation. Er wirft Franziskus in der Zeitung "Corriere della Sera" vor, mit unbedachten Äußerungen "große Verwirrung" gestiftet zu haben. Jetzt heiße es, der Papst gebe seinen Segen zu homosexuellen Verbindungen, obwohl das nicht stimme. "Er sollte vorsichtiger sein", so Müllers Ratschlag.

Der Vatikan steht nun vor einem Dilemma. Erfolgt keine Klarstellung, muss Franziskus damit rechnen, als Fürsprecher vor den Karren der internationalen LGBTIQ-Bewegung gespannt zu werden. Rudert man zurück, bliebe das Gefühl, der 83-Jährige sei nicht mehr in der Lage, seine Worte richtig zu wägen.

Alexander Pitz
(KNA)

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