22.10.2020

Was bedeuten die Papst-Aussagen zu Homosexualität für die Kirche? "Der Papst lässt sich nicht festlegen"

Papst Franziskus spricht sich in einer neuen Dokumentation für die Unterstützung zivlirechtlicher homosexueller Partnerschaften aus. Obwohl es nicht seine erste Aussage in diese Richtung ist, sorgt das Statement für Aufsehen. Was werden die Worte bewegen?

DOMRADIO.DE: Wie überraschend sind die neuen Aussagen des Papstes?

Mathias Peter (DOMRADIO.DE-Redakteur Theologie):  Einerseits überraschen sie in ihrer Klarheit, andererseits hat Franziskus schon von Anfang an immer wieder positiver über Homosexuelle gesprochen, als die Päpste davor. Schon fast legendär ist sein Satz über Schwule, den er in seinem ersten Amtsjahr sagte: "Wenn jemand homosexuell ist und Gott sucht und guten Willens ist, wer bin ich, über ihn zu richten?" Außerdem spricht der Papst ja jetzt konkret über eine Realität: Es gibt immer mehr Länder mit eingetragenen Partnerschaften und der Möglichkeit einer Ehe für alle. Aber bei seinen jetzt aktuellen Äußerungen muss man genau auf die Begrifflichkeiten schauen.

DOMRADIO.DE: Er spricht von Partnerschaften, zumindest wird das so immer übersetzt. Damit ist nicht die "Ehe für alle" gemeint, oder?

Peter: Nein, die "Ehe für alle" ist damit nicht gemeint. Zur Erinnerung: Seit 2017 können zum Beispiel in Deutschland zwei Menschen eine Ehe eingehen, ob gleichgeschlechtlich oder nicht ist seitdem egal. Das gilt auch für andere europäische Länder wie Irland, das ja immer noch katholisch geprägt ist. Soweit möchte Franziskus also nicht gehen, er möchte aber schon Rechtssicherheitt für Schwule und Lesben haben, gerade wenn es auch um Familie, um Kinder geht. Zivile Partnerschaft ja - also vielleicht so etwas wie eine eingetragene Partnerschaft wie wir das in Deutschland vor der "Ehe für alle" hatten - aber keine zivile, sozusagen gleichwertige Ehe für alle. Und wichtig: er spricht nicht über ein bestimmtes Land, sondern es geht nur sehr allgemein um die Möglichkeit einer zivilen Partnerschaft für Homosexuelle.

DOMRADIO.DE: Was bedeuten seine Aussagen nun für die katholische Ehe, wird es auch da vielleicht Änderungen geben?

Peter: Nein, wohl kaum, denn wie so oft, lässt sich der Papst nicht eindeutig auf eine Position festlegen, beziehungsweise zugunsten eines kirchenpolitischen Lagers glasklar zuordnen. Zivilehe und kirchliche Ehe sind dann doch etwas anderes und unterscheiden sich. Eine Zivilehe kann geschieden werden, eine gültig geschlossene katholische Ehe nicht, sie kann nur annulliert werden. In immer mehr Ländern können auch gleichgeschlechtliche Menschen einander heiraten, das geht per Kirchenrecht bei der katholischen Ehe nicht. Das steht eindeutig unter Can. 1055 im Kirchenrecht. Und da wird sich auch nichts ändern.  

DOMRADIO.DE: Und dennoch spricht der Papst wertschätzend für Schwule und Lesben, was könnte das für den weiteren Umgang mit dem Thema bedeuten?

Peter: Das ist die spannende Frage. Insgesamt tut sich die Kirche in ihren offiziellen Dokumenten immer noch schwer mit der Thematik, auch wenn in vielen vor allem westlichen Gesellschaften Homosexualität komplett akzeptiert wird. Kirchlich gesehen ist praktizierte Homosexualität nach wie vor eine Sünde, die Veranlagung zu haben aber nicht. Auch beim Thema Homosexualität und Priesterweihe ist der Vatikan eindeutig: "Die Kirche kann keine Personen weihen, die Homosexualität praktizieren, tiefsitzende homosexuelle Tendenzen haben oder eine sogenannte 'homosexuelle Kultur' unterstützen." Das stammt aus der vatikanischen Ordnung zur Priesterausbildung von 2016.

DOMRADIO.DE: Das klingt deutlich anders als das, was der Papst jetzt aktuell sagt. Wie sind bislang die Reaktionen?

Peter: Ein bisschen vorhersehbar. In Lateinamerika und anderswo werden seine Aussagen bisweilen als "Ehe für alle" verstanden und kritisiert, in anderen Ländern, etwa in Europa, finden seine Worte Zustimmung. Und doch verfestigt sich der Eindruck, dass es so ist, wie so oft: sehr konservative Kreise tun sich mit Franziskus sehr schwer, halten ihn für einen verkappten Marxisten und sind über jede Änderung entsetzt, progressive Kräfte stürzen sich auf jede Äußerung, die in ihre Richtung gedeutet werden könnte. Eins lösen die aktuellen Worte auf jeden Fall aus: es wird zumindest in den Medien und den sozialen Netzwerken ausgiebig über den Umgang der Kirche mit Homosexualität diskutiert. Und eine so offene, breite Diskussion hätte es wohl vor 20, 30 Jahren in dieser Form noch nicht gegeben.

Das Gespräch führte Hilde Regeniter. 

(DR)

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