Papst Franziskus und Philippe Barbarin
Papst Franziskus und Philippe Barbarin

20.03.2019

Im Fall Barbarin ist keine Befriedung in Sicht Unverständnis über die Entscheidung des Papstes

Papst Franziskus hat den Rücktritt von Kardinal Barbarin unter Hinweis auf die Unschuldsvermutung abgelehnt. Der Erzbischof von Lyon suspendierte sich daraufhin selbst auf Zeit. Die mutmaßlichen Opfer sind wütend.

Es ist ein Drama, und das Ende ist noch nicht geschrieben. Seit Wochen beschäftigt der Fall des Erzbischofs von Lyon, Kardinal Philippe Barbarin (68), die Öffentlichkeit in Frankreich. Am 7. März war er wegen Nichtanzeige sexueller Übergriffe eines Priesters zwischen 1970 und 1991 von einem Gericht in Lyon schuldig gesprochen worden.

Gegen das Urteil legte er Berufung ein, kündigte aber zugleich an, von seinem Amt als Erzbischof zurücktreten zu wollen. Anders als in Deutschland ist in Frankreich seit einer Gesetzesänderung im August 2018 die Nichtanzeige sexueller Übergriffe zeitlich unbegrenzt strafbar.

Papst lehnte Rücktritt ab

Am Montag erwarteten nun viele das Ende des Dramas, zumindest auf kirchlicher Seite: Papst Franziskus empfing Barbarin im Vatikan. Der Kardinal bot dem Papst seinen Rücktritt an; doch der nahm ihn nicht an. "Indem er sich auf die Unschuldsvermutung berief, akzeptierte er diesen Rücktritt nicht", teilte Barbarin am Dienstag auf der Internetseite seiner Diözese mit. In einer am selben Tag im Vatikan verlesenen kurzen Mitteilung fehlte der Hinweis auf die Unschuldsvermutung.

Immerhin sechs Sätze umfasst Barbarins Mitteilung. Der zentrale Satz lautet: "Er (Papst Franziskus) hat mir die Freiheit gelassen, die Entscheidung zu treffen, die mir derzeit am besten für das Leben der Diözese Lyon erscheint", schreibt der Kardinal. Er wolle sich nun eine Auszeit nehmen und die Leitung der Diözese an Generalvikar Yves Baumgarten übergeben. Denn die Kirche von Lyon leide seit drei Jahren, so Barbarin.

Barbarin als Symbolfigur

Das Erzbistum Lyon ist seit Jahren gespalten. Einige Katholiken kritisieren, dass Barbarin das Verschweigen der Missbrauchsfälle nicht zugebe; andere sehen Barbarin zu Unrecht beschuldigt und verweisen darauf, dass der beschuldigte Priester, als Barbarin Erzbischof von Lyon wurde, bereits seit elf Jahren keine neuen Taten mehr begangen habe. Der Kardinal sei von den Medien zum Symbol für den Umgang der Kirche in Frankreich mit dem Missbrauch gemacht worden. Außerdem beschäftigen auch die mutmaßlichen Missbrauchsfälle viele Gemeindemitglieder. Der Priester Bernard Preynat soll damals Dutzende Minderjährige missbraucht haben. Der Strafprozess gegen ihn steht noch aus.

Die Entscheidung des Papstes, Barbarin freie Hand über die Leitung der Diözese zu überlassen, zeigt die schwierige Situation des Kirchenoberhaupts. Der Jurist und Blogger Erwan Le Morhedec sieht drei Dimensionen in der Entscheidung des Papstes. Zum einen die rechtliche: "Seit Barbarin in Berufung gegen das Urteil gegangen ist, gilt er wieder als unschuldig", so Le Morhedec. Mit der Ablehnung des Rücktritts erkenne der Papst somit die Autorität der Justiz an. Die zweite Dimension sei die Kirche vor Ort in Lyon.

Distanziert sich die Kirche von den Mitgliedern?

Das Thema habe lange Zeit gespalten und die Gläubigen wünschten sich einen Neuanfang. Als drittes gebe es den internationalen Kontext, in dem die Entscheidung des Papstes gegen einen Rücktritt Barbarins stehe. Auch gegen andere hochrangige Geistliche laufen Gerichtsverfahren wegen möglichen Missbrauchs oder der Vertuschung solcher Taten. Alle Fälle sind unterschiedlich, doch Papst Franziskus müsse versuchen, eine Linie zu finden.

Der Chefredakteur der französischen Zeitung "La Croix", Guillaume Goubert, bringt das Dilemma auf den Punkt: Die Entscheidung des Papstes gegen den Rücktritt sei "juristisch" und "menschlich" begründet. Doch sie habe einen "gravierenden Nachteil", so Goubert. Die Kirche stehe jetzt so da, als ob sie sich von den Sorgen vieler ihrer Mitglieder distanziere.

Fassungslos von der Entscheidung des Papstes

Der Vorsitzende der Französischen Bischofskonferenz, Erzbischof Georges Pontier, zeigte sich am Dienstag über die Entscheidung des Papstes erstaunt. Sie führe zu einer noch nie dagewesenen Situation. Auch er sieht darin einen "Konflikt zwischen zwei Anforderungen": Das Berufungsverfahren des Kardinals, das abgewartet werden soll, und das Wohl der Diözese.

Die Reaktionen der Opfer waren von Unverständnis und Wut gezeichnet. Alexandre Hezez, der 2015 den Opferverein "La Parole liberee" mit anderen mutmaßlichen Missbrauchsopfern von Preynat gründete, sagte "La Croix", dass viele "wütend" seien. "Ich für meinen Teil bin es leid, diese großen Worte in der Kirche zu haben, denen keine starke Geste folgt." Die Kirche werde die Konsequenzen spüren. "Viele bewegen sich diskret von der Kirche weg", erklärte Hezez.

Er habe Erwartungen an Papst Franziskus gehabt, doch sei er enttäuscht worden. Beim Fall Barbarin gehe es nicht um einen Justizprozess, sondern auch um einen "moralischen Fehler", so Hezez. "Wenn der Papst nicht selbst die Konsequenzen des moralischen Fehlers zieht, was kann von ihm erwartet werden?"

Franziska Broich
(KNA)

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