Der Missbrauchsskandal macht auch dem Papst zu schaffen
Der Missbrauchsskandal macht auch dem Papst zu schaffen
Ehemaliger Kardinal Theodore Edgar McCarrick
Ehemaliger Kardinal Theodore Edgar McCarrick
Kardinal Donald Wuerl
Kardinal Donald Wuerl

04.09.2018

Papst Franziskus auf der Suche nach einer Strategie Kirchliches Erdbeben in Washington und Rom

Das kirchenpolitische Erdbeben, das Ex-Nuntius Carlo Maria Vigano mit Äußerungen zum Fall McCarrick ausgelöst hat, wirkt weiter. Noch weiß keiner, ob es sich nur um Nachbeben handelt oder ob sich neue Verwerfungen auftun.

Die Nerven liegen blank bei vielen US-Katholiken. Symptomatisch ist ein Offener Brief von rund 30.000 Katholikinnen, der diese Woche im Netz kursiert. Sie konfrontieren den Papst mit Viganos Vorwurf, wonach Franziskus und mehrere Kardinäle den heute 88-jährigen sexuellen Serientäter Theodore McCarrick gedeckt und gefördert haben. Und sie fragen: "Is this true?" (Ist das wahr?) Die Antwort, die Franziskus am 26. August den fragenden Journalisten gegeben hatte ("Ich werde dazu kein einziges Wort sagen!") bezeichnen sie als "unangemessen" und fügen hinzu: "Wir, Ihre Herde, verdienen Ihre Antworten JETZT."

Es ist diese Empörung an der Basis, die sich auch in Zwischenrufen bei Predigten und im Boykott von Messen Luft macht, die dem Papst gefährlich werden kann. Denn sie beschränkt sich nicht auf die weltweit vernetzten erzkonservativen Zirkel, die aus der unglücklichen Verbindung des Papstes mit dem Seminaristen-Verführer und früheren Washingtoner Erzbischof McCarrick Kapital schlagen wollen. Ihre Internetkommentare zeigen: Für sie ist der Skandal ein willkommenes Mittel, um den ungeliebten Reformer aus Argentinien endlich zu schwächen.

Spaltung an der Basis spürbar

Wie es scheint, ist der Funke in den USA an einigen Stellen an die Basis übergesprungen. Auch dort ist die Spaltung spürbar in einen liberalen und einen konservativen, in vielem den Evangelikalen nahestehenden Flügel. Dass 2016 immerhin 52 Prozent der Katholiken trotz päpstlicher Kritik Donald Trump gewählt haben, spricht Bände.

Die Probleme der katholischen Kirche bündeln sich derzeit in zwei Namen: McCarrick und Donald Wuerl (77). Der ehemalige und der derzeitige Erzbischof von Washington sind auf unterschiedliche Weise in den Missbrauchsskandal verstrickt, der die US-Katholiken gerade in einer dritten Welle nach 2001 einholt. Dass beide über zwei Jahrzehnte in der US-Hauptstadt das Gesicht der katholischen Kirche waren, macht die Sache zum nationalen Skandal.

Formel von der "Null-Toleranz"

Weil in den USA der Vorsitzende der Bischofskonferenz alle zwei Jahre wechselt, hat er nur wenig Macht. Wirklich prominent ist hingegen der Kardinal in der Hauptstadt - und gerade McCarrick hat diese Bühne, auch mit exzellenten Kontakten in die Politik, lange virtuos bespielt. Ironischerweise war er es auch, der 2001/2002 als Reaktion auf die erste Skandalwelle die Formel von der "Null-Toleranz" gegenüber sexuellem Missbrauch mit prägte.

Umso tiefer war nun der Fall, als er beschuldigt wurde, als Priester und junger Bischof an der Ostküste zahlreiche Seminaristen verführt zu haben. Von diesen Vorwürfen wusste - so Viganos Enthüllungen - auch Papst Benedikt XVI.; und später Franziskus. Ihre Reaktionen waren unterschiedlich.

Wer wusste was?

Während Benedikt XVI. versuchte, den betagten Übeltäter diskret zu einem zurückgezogenen Leben zu drängen, setzte ihn Franziskus gezielt für heikle diplomatische Sondermissionen ein. Beide wussten offenbar nicht, dass unter den Opfern des großen Verführers auch Minderjährige waren. Als dies herauskam, zwang ihn Franziskus am Ende zur Aufgabe des Kardinalstitels. Zu spät, meinen die Kritiker.

"Zu spät" ist auch das Schlüsselwort im Fall Wuerl. McCarricks Nachfolger hat zu lange gebraucht einzugestehen, dass er in seinen 18 Jahren als Bischof von Pittsburgh nicht immer an der Spitze der Aufklärung gegen sexuelle Übergriffe im Klerus stand. In dem Bericht des Geschworenengerichts in Pennsylvania, der seit Wochen die Schlagzeilen dominiert, werden mehrere Fälle geschildert, in denen Wuerl nicht hart genug gegen Täter vorging oder diese lediglich an andere Orte versetzte.

Herausforderungen für den Papst

Dennoch versuchte Wuerl noch lange, sich als konsequenter Missbrauchsbekämpfer zu präsentieren. Und von den früheren Missetaten seines Vorgängers McCarrick will er bis vor kurzem nichts gewusst haben - eine Darstellung, die in vielen US-Presseartikeln bezweifelt wird.

Der Papst steht nun gleich vor mehreren Problemen. Im Vatikan muss er zeigen, dass er das Heft in der Hand hält und die internen Kritiker nicht weiter nach Belieben über ihn herziehen können. In den USA muss er versuchen, die Spaltung unter den Bischöfen zu überwinden, von denen einige offen mit Vigano sympathisieren. Gleichzeitig muss er eine überzeugende Antwort auf die Fragen an der Basis finden, bevor diese in Scharen die Kirche verlässt oder innerlich auswandert.

Wie die Antwort aussehen könnte, ist ungewiss. Eine gründliche Visitation aller 178 US-Bistümer, wie manche sie fordern, könnte der Vatikan wohl nicht mal organisatorisch bewältigen. Ein möglicher Schritt wäre eine Sondersynode in Rom zur Lage der Kirche in den USA - die dann auch konkrete Schritte beschließen müsste. Ein Kernpunkt wäre eine weitere Verschärfung des kirchlichen Sexualstrafrechts - denn nach geltendem Recht war alles, was McCarrick mit volljährigen Seminaristen trieb, straffrei! Auch ginge es dann um die Einrichtung einer unabhängigen Ermittlungs- und Kontrollinstanz gegen Bischöfe, die ihre Amtspflichten verletzt haben.

Ludwig Ring-Eifel
(KNA)

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