Der Kölner Jugendchor St. Stephan in der Lutherkirche
Der Kölner Jugendchor St. Stephan in der Lutherkirche
 Michael Kokott, Leiter des Jugendchors St. Stephan
Michael Kokott, Leiter des Jugendchors St. Stephan
CD-Cover zu "Bodenpersonal" vom Kölner Jugendchor St. Stephan
CD-Cover zu "Bodenpersonal" vom Kölner Jugendchor St. Stephan

06.11.2021

Kölner Jugendchor veröffentlicht kirchenkritisches Lied "Alles, was im Nebel war ..."

Der Kölner Jugendchor St. Stephan äußert mit seinem neuen Lied "Bodenpersonal" Kritik an der katholischen Kirche. Im Interview spricht der Chorleiter über die Hintergründe für das Lied über Missbrauch, Homosexualität und die Rolle der Frau.

DOMRADIO.DE: Der neue Song heißt "Bodenpersonal". Wer hat den geschrieben und warum?

Michael Kokott (Chorleiter des Jugendchors St. Stephan): Geschrieben hat es der Gitarrist der Band Kasalla aus Köln, Flo Peil. Es geht auf eine Idee zurück, die schon lange in meinem Kopf umhergeht. Vor zwei Jahren hatte ich mal den Gedanken.

Kritik an die Kirchen zu stellen ist nichts Neues. Viele Ehrenamtler haben das schon ausgedrückt, viele Gemeinden, Gremien, auch Institutionen wie der Katholikenausschuss, der Diözesanrat, Maria 2.0. Das sind ziemlich viele, aber es sind alles Erwachsene.

Die Stimme der Jugend ist bisher eigentlich zu kurz gekommen. Da dachte ich, wenn ein kirchlicher Jugendchor wie der Jugendchor St. Stephan so etwas mal in Worte und Töne fasst, dann kann das eine sehr eindringliche Botschaft sein.

DOMRADIO.DE: Es werden viele Missstände angesprochen. An einer Stelle heißt es "Alles, was im Nebel war, muss raus ans Licht". Da geht es um den Missbrauchsskandal?

Kokott: Der Aktenordner von Kardinal Meisner: "Brüder im Nebel" stand da drauf. Das ist tatsächlich eine der Kernstellen des Liedes. Unser Texter Flo Peil hatte eigentlich geschrieben "Alles, was im Schatten war, muss raus ans Licht". Da habe ich ihm gesagt, schreib bitte "Nebel", denn die Insider wissen genau, um was es geht.

Es geht eben um die Vertuschung und das Schönreden des Missbrauchs. Kardinal Meisner kann man dafür nicht mehr zur Verantwortung ziehen. Aber es gibt heute immer noch Leute in den Führungspositionen, die Mitwisser sind und auch eine Mitverantwortung haben. Und das wollten wir thematisieren.

DOMRADIO.DE: Beim Umgang mit Homosexuellen zeigt sich die Kirche verkrampft. Damit hat Ihr Chor aber auch schon Erfahrung gesammelt, oder?

Kokott: Ja, das ist tatsächlich 20 Jahre her, als der Jugendchor St. Stephan, als ich mit dem Jugendchor St. Stephan beim CSD hier in Köln auftreten wollte. Also wir wollten nicht im Zug mitgehen, das wäre eine Provokation gewesen. Es war ganz harmlos gedacht als Musikbeitrag zum kulturellen Rahmenprogramm. Und dann bekamen wir eine "Rote Karte" von Kardinal Meisner, es müsse auf jeden Fall verhindert werden. Gut, wir haben uns dem dann gebeugt.

Damals habe ich gesagt, in zehn Jahren wird man sicher darüber lächeln. Aber jetzt sind zwanzig Jahre vergangen und es werden Regenbogenfahnen an Kirchen aufgehangen, die verbrannt werden. Oder es wird diskutiert: Sollen wir sie aufhängen, sollen wir es nicht?

Das ist doch traurig, dass es immer noch so ist. Ich glaube, Vielfalt und Toleranz sind gesellschaftlich schon längst angekommen, aber in der Kirche leider immer noch nicht so ganz.

DOMRADIO.DE: Wie haben denn die jungen Sängerinnen und Sänger darauf reagiert, dass sie dieses Lied singen und daran mitwirken dürfen?

Kokott: Es war ja zunächst eine Idee von mir. Ich habe dem Chor das Demo vorgespielt und dann sah ich in den Gesichtern zum einen leichtes Entsetzen, zum anderen Verwunderung, aber auch Schmunzeln. Das geht durch den ganzen Chor durch. Auch ein bisschen die Frage: "So was kann man doch nicht machen?" 

So ein Jugendchor ist ein Spiegelbild der Gesellschaft. Es gibt welche, die noch den Fuß in der Kirche haben und welche, die da gar nichts mehr mit zu tun haben und die das auch nicht interessiert. Aber ich glaube, mittlerweile sind es etwa 90 Prozent des Chores, die sich mit dem Thema beschäftigen und die auch dahinter stehen und den Verantwortlichen ins Gewissen reden beziehungsweise ins Gewissen singen wollen.

DOMRADIO.DE: Hatten Sie zu irgendeinem Punkt Angst, dass Sie auf scharfe Kritik stoßen könnten?

Kokott: Ich bin selbst Kirchenangestellter in St. Stephan in Köln-Lindenthal, sodass Kritik speziell an mir natürlich nicht ausgeschlossen ist. Interessanterweise habe ich bisher persönlich noch keine Rückmeldung bekommen. Keine E-Mail oder ein Anruf, dass das überhaupt nicht geht. Es gibt sehr, sehr positive Resonanz.

Viele sagen, dass das mutig ist, was wir machen. Wobei ich es nicht Mut nennen würde. Es ist eher ein Ausdruck der Verzweiflung, weil das Ganze mir selbst ja noch viel bedeutet. Ich möchte mir eben das, was ich an Glauben habe, nicht kaputtmachen lassen. Aus dieser Verzweiflung heraus ist dieses Lied entstanden.

DOMRADIO.DE: Dieses Lied ist jetzt schon fleißig einstudiert worden. Wo wird das Lied dann aufgeführt?

Kokott: Wir haben jetzt am vergangenen Wochenende noch ein Musikvideo dazu gedreht. Da hat uns freundlicherweise unser Pastor den Krieler Dom zur Verfügung gestellt, was auch nicht ganz selbstverständlich ist bei so einem Lied.

Von der evangelischen Seite hat uns Pfarrer Mörtter erlaubt, in der Lutherkirche in der Südstadt zu drehen, weil der Krieler Dom nicht 75 Chormitglieder aufnehmen kann. Die Szenen beider Drehorte werden jetzt zusammengeschnitten. Das Video ist dann Mitte November fertig, pünktlich zur Vollversammlung des Diözesanrates. Die hatten schon vor Wochen angerufen und gesagt, das wollen wir zu Beginn der Vollversammlung dem versammelten Plenum präsentieren.

Das Interview führte Julia Reck

(DR)

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