Orgel in der Kathedrale Notre-Dame
Orgel in der Kathedrale Notre-Dame
Flammen und Rauch steigen aus der Kathedrale Notre Dame auf
Flammen und Rauch steigen aus der Kathedrale Notre Dame auf
Trümmerteile und verkohlte Holzbalken liegen im Inneren der Kathedrale Notre-Dame
Trümmerteile und verkohlte Holzbalken liegen im Inneren der Kathedrale Notre-Dame

02.05.2019

Orgelbauer zur fast unbeschadeten Orgel in Notre-Dame "Mir erschien es wie ein Wunder"

Sie gilt als eine der komplexesten Orgeln der Welt. Die Hauptorgel von Notre-Dame hat den Brand in der Kathedrale offenbar überstanden. Orgelbauer Philipp Klais meint, selbst kleinste Veränderungen an den Pfeifen können sich auswirken.

DOMRADIO.DE: Sie bauen weltweit viele Orgeln und kümmern sich zum Beispiel um die Orgel im Kölner Dom. Was haben Sie denn eigentlich gedacht, als Sie die Bilder sahen und die ersten Meldungen kamen, dass Notre-Dame brennt?

Philipp C. A. Klais (Orgelbauer und Geschäftsführer bei Orgelbau Klais in Bonn)​: Natürlich ist es so, dass man völlig erschüttert ist, wenn man die brennende Kathedrale Notre-Dame sieht.

Ich muss ganz ehrlich sagen, dass natürlich ein Orgelbauer immer an die Orgel denkt. Wenn man erlebt hat, wie schnell Temperaturen bei Bränden ansteigen, dann war bei den Bildern völlig klar, die Orgel von Notre-Dame ist völlig zerstört. Mir erschien es wie ein Wunder, dass diese Orgel nahezu unbeschadet dieses Riesenunglück überstanden hat. Das ist etwas, was mich wirklich schwer beeindruckt hatte.

Hinterher sind ja Berichte herausgekommen, die besagten, dass die maximale Temperatur im Orgelbereich nur 17 Grad gewesen ist. Das ist etwas, was ich mir bis heute nicht vorstellen kann. Jeder, der zu Hause grillt oder ein Feuer anzündet, weiß, dass es unter unter dem Grill häufig extrem heiß wird. Es ist unvorstellbar, wenn man gesehen hat, welche Flammen da hoch geschlagen sind.

DOMRADIO.DE: Es gibt einige Bilder, auf denen viel Staub im Orgelbereich zu sehen ist. Auf den ersten Blick scheint die Orgel dennoch unbeschädigt. Wenn Sie das jetzt aus Ihrer Perspektive beurteilen, was glauben Sie fällt jetzt an Arbeiten an?

Klais: Da gibt es ganz verschiedene Lösungsansätze. Ich glaube, man muss das Instrument sehr sorgfältig untersuchen, um festzustellen, was der richtige Lösungsansatz ist. Das ist natürlich auch davon abhängig, was mit dem Kirchenraum passiert.

Einer der größten Feinde einer Orgel ist Steinstaub. Wenn man sich Pläne anhört, was mit Notre-Dame passieren muss, um wieder alle Dinge zu stabilisieren, wird auf jeden Fall in erheblichem Maße Steinstaub entstehen. Das heißt, es gilt die Orgel auf jeden Fall vor diesem Steinstaub zu schützen.

Da gibt es eben verschiedene Lösungsansätze. Wenn man eine Orgel restauriert, ist natürlich das Ideal eines jeden Orgelbauers, dass man die Orgel an Ort und Stelle belässt – und sie nicht komplett abbaut. Ob das möglich sein wird, ist die Frage.

DOMRADIO.DE: Es gibt ja Berichte, dass man vielleicht so eine Art Käfig um die Orgel herum baut.

Klais: Das wird ein Käfig sein, der muss natürlich absolut staubdicht sein, sodass der Staub von außen nicht eindringen kann. Innendrin wird wahrscheinlich ein Überdruck sein, sodass auf keinen Fall Staub durch irgendwelche Öffnungen gelangt.

Man weiß, wenn man an einer Stelle in der Wohnung bei sich zu Hause die Wand aufmacht, hat man den Staub überall in jedem Schrank, auch wenn alles zu ist. Es wird also eine Überdruckkammer geben, in der muss man natürlich Luftfeuchtigkeitswerte und Temperaturen kontrollieren.

Das wäre eine Möglichkeit. Eine weitere Möglichkeit ist, dass man behutsam das gesamte Pfeifenwerk austrägt und die Sachen noch einmal im Innern, die Windladen und die anderen technischen Komponenten, so gut es geht separat schützt.

Das macht man, bevor man diesen großen Käfig um das große Ganze baut, weil die Pfeifen natürlich extrem sensibel sind. Die Erfahrungen zeigen nämlich, dass bei solchen Bauarbeiten die Gerüststangen immer wieder abstürzen können. Oder es fällt ein Hammer nach unten und so könnte es zu weiteren Schäden am Instrument kommen. Das gilt es zu vermeiden.

Ich bin mir sicher, dass man da sehr sorgfältig herangehen wird. Welche Lösung letztlich gefunden wird, kann man so vom Schreibtisch aus überhaupt nicht entscheiden. Das setzt wirklich intensive Gespräche vor Ort und daraufhin eine sorgfältige Analyse voraus.

DOMRADIO.DE: Es soll ja mehrere Jahre oder sogar Jahrzehnte dauern bis Notre-Dame wieder wiederhergestellt sein soll. Was heißt das für eine Orgel, so sie denn alles unbeschadet überstanden hat, wenn sie vielleicht zehn Jahre nicht gespielt wird?

Klais: Ich bin mir gar nicht sicher, ob sie zehn Jahre gar nicht gespielt wird oder ob man in regelmäßigen Abständen irgendwelche Aktionen mit dem Instrument unternehmen wird. Eventuell indem man Wind durch Pfeifen schickt oder irgendwelche Impulse macht. Das ist ja durchaus möglich, das Instrument ist ja nicht unspielbar.

Das Problem ist in erster Linie, sobald man etwas komplett brach liegen lässt, gibt es häufig Schädlingseinnistungen. Andere Lebewesen suchen sich diesen Bereich, diesen schönen dunklen schattigen und vielleicht etwas feuchten Bereich der Orgel auch als Lebensraum. Es gibt viele Dinge, die zu vermeiden sind.

DOMRADIO.DE: Reden wir da auch vom Holzwurm?

Klais: Vielleicht der Holzwurm auch, aber ich glaube, der ist da weniger gefragt. Es sind mehr alle anderen Arten von Insekten bis Käfern bis hin zu allem, was da so leben könnte. Vielleicht auch eine Maus, die sich da gemütlich einnistet. Es gilt, je lebendiger der Bereich Orgel ist, desto besser ist es.

Pfeifen lagern natürlich niemals gerne liegend, sondern immer nur stehend. Das gilt für alle Pfeifen. Man braucht sehr große Lagerräume, wenn man Teile herausnimmt, um diese Pfeifen auch wirklich stehend und sorgfältig zu lagern. Man muss gleichzeitig auch immer die Klimatisierung, insbesondere die Feuchtigkeit, im Auge haben.

DOMRADIO.DE: Jetzt haben Sie gesagt, einer der größten Feinde einer Orgel ist Steinstaub. Wie reinigt man denn ganz konkret eine Orgel?

Klais: Beim Reinigen ist es so, dass man zunächst alle Teile Stück für Stück heraushebt und sie wirklich sorgfältig reinigt. Da werden schon die ersten Diskussionen auftreten. Es wird wahrscheinlich nicht ausreichen, diese rußgeschädigten Pfeifen – sollte es Ruß geben, was wir noch nicht wissen – dann einfach nur abzupusten, sondern sie müssten wirklich mit Wasser gewaschen werden. Das ist der erste Diskussionspunkt für eine Kommission zu entscheiden, wir gehen das Risiko ein und waschen die Pfeifen von Notre-Dame mit Wasser.

Das hat natürlich auch Auswirkungen. Je mehr Aktionen sie in dieser Hinsicht unternehmen, desto eher ist auch die Wahrscheinlichkeit, dass sie Veränderungen durchführen. Schon kleinste Veränderungen im Zehntel-Millimeterbereich solcher klingenden Pfeifen führen natürlich zu unglaublich starken Veränderungen. Das wird sich eine Kommission sehr wohl überlegen, welche Schritte gegangen werden.

Das Interview führte Matthias Friebe.

(DR)

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