Am Ende des Gottesdienstes machen Dreigestirn und Kinderdreigestirn am Dreikönigenschrein Halt.
Am Ende des Gottesdienstes machen Dreigestirn und Kinderdreigestirn am Dreikönigenschrein Halt.

09.01.2022

Karnevalsgottesdienst im Kölner Dom "Dat wor jet för et kölsche Hätz"

Feiern ohne den Segen von oben? Für die Kölner Jecken unvorstellbar. Nach dem coronabedingten Ausfall im vergangenen Jahr fand in dieser Session wieder eine ökumenische Andacht statt. Für die Karnevalisten eine wichtige Stütze in der Krise.

Am Ende ist dann doch alles fast so, wie es die Karnevalisten kennen, die in jedem Jahr stimmungsvoll den Auftakt der Session im Kölner Dom beginnen. Erst behutsam, vorsichtig und leise, dann aber immer vernehmbarer schwillt "Am Dom zo Kölle" an, gewissermaßen die Erkennungsmelodie des rheinischen Frohsinns. Und spätestens jetzt verbreitet sich dieses unschlagbare Kölsche "Wir-Gefühl", mit dem die ortsansässigen Karnevalsgesellschaften, Traditionscorps und Tanzgruppen auch in diesem Jahr – zumindest emotional – den vielen pandemiebedingten Einschränkungen trotzen wollen. Da wird dann in den Kirchenbänken doch noch ein wenig geschunkelt – wenn auch sehr verhalten. Denn zwischen den einzelnen Banknachbarn, sofern sie nicht in einem Haushalt leben, gibt es genügend Sicherheitsabstand. Von daher: Unterhaken ist nicht. So sind die Regeln. Aber einander fröhlich zuzwinkern und sich auf diese Weise miteinander verbunden wissen – das geht.

Nur 270 Teilnehmer – und die auch nur mit 2G+ – waren an diesem Samstagmittag in Kölns Kathedrale zugelassen. Immerhin. Und allemal besser als gar kein gemeinsamer Gottesdienst – so wie im letzten Jahr, als diese nun schon 15 Jahre alte Tradition abgesagt werden musste. Nein, Jammern ist hier fehl am Platz. Vielmehr froh und dankbar sind alle, dass diese geistliche Stunde überhaupt möglich ist – die Kirchenvertreter, aber auch die Spitze des Kölner Karnevals, allen voran Festkomitee-Präsident Christoph Kuckelkorn – selbst wenn nur eine handverlesene Gästeschar bei diesem so beliebten Gottesdienst anwesend sein darf und die meisten Jecken von zuhause aus die Live-Übertragung über DOMRADIO.DE verfolgen müssen, um sich den Segen für eine gute Session digital zu holen. Alles andere würde den Verdacht nahe legen, die Kirchenverantwortlichen, Domdechant Robert Kleine und Stadtsuperintendent Bernhard Seiger, würden für ein Superspreading sorgen und die Warnungen der Experten angesichts des wieder einmal alarmierend ansteigenden Infektionsgeschehens in den Wind schlagen.

Auch diesmal keine vollen Säle und bunte Mottowagen

Also gilt es, mit gutem Beispiel voranzugehen – schließlich ist das Thema der nahenden Omikronwelle zu ernst – und trotzdem das bisschen, das geht, nämlich diese ökumenische Feier, in vollen Zügen zu genießen. Denn so etwas gibt es wirklich nur in Köln: in vollem Karnevalsornat "Nun freut euch ihr Christen" und "Großer Gott, wir loben dich" genauso inbrünstig mitzusingen wie gemeinsam mit dem "Klimpermännchen" Thomas Cüpper am Ambo den Ostermann-Klassiker "Och, wat wor dat fröher schön doch en Colonia…"

"Dat wor jet för et kölsche Hätz", flüstert ein älterer Herr bewegt seinem Sitznachbarn zu und wischt sich verstohlen eine Träne aus den Augen. Denn natürlich schwingt in diesem Gottesdienst auch viel Wehmut mit. Schließlich trifft es auch in der zweiten Session nach Ausbruch der Pandemie eingefleischte Karnevalisten hart, wenn sie fast alle Veranstaltungen in Innenräumen absagen mussten. Von der Erfüllung eines Kindheitstraums, wie das Kölner Dreigestirn vor ein paar Tagen wissen ließ, habe man sich auch beim zweiten Anlauf irgendwann verabschieden müssen. Den traditionellen Sitzungskarneval, volle Säle, stundenlange Züge und bunte in mühevoller Kleinarbeit gestaltete Mottowagen durch die Straßen Kölns wird es demnach auch diesmal nicht geben.

Dreigestirn freut sich auf seine sozialen Auftritte

Das tut weh. "Dennoch wollen wir die Strahlkraft und Wirkung des Karnevals nicht untergehen lassen und dafür einstehen, was Kirche und Karneval verbindet: Warmherzigkeit, Glaube an das Gute und vor allem Zusammenhalt" – darin sind sich Prinz Sven Oleff, Jungfrau Björn Braun und Bauer Gereon Glasemacher einig. Nun setze man statt auf ein intensiv vorbereitetes Unterhaltungsprogramms auf ganz viel Herz, heißt es. Denn die drei wollen sich in den kommenden Wochen verstärkt auf ihr karitatives Engagement – die vielen Besuche in Krankenhäusern, Pflegeeinrichtungen, Kitas und Hospizen – konzentrieren und hier auf die Mut machenden Begegnungen in kleiner Runde setzen. Auf diese sozialen Auftritte freuten sie sich, unterstreichen die Tollitäten. Schließlich sei ihr Auftrag so oder so, den Menschen Freude zu bringen.

Wie es um genau diese Freude in der gerade nicht leichten Zeit bestellt sei – danach fragte Domdechant Kleine in seiner Predigt. Das Corona-Virus habe für viele Menschen Unsicherheit, Angst, wirtschaftliche sowie gesundheitliche Sorgen, Einsamkeit und Isolation gebracht, stellte er fest. Auch wenn in den nächsten Wochen keine Aussicht auf eine Normalisierung des Lebens bestehe, so appellierte er dennoch an seine Zuhörer, sich weder die Freude noch die Hoffnung, noch den Karneval von diesem Virus nehmen zu lassen.

Das Motto "Alles hät sing Zick" ist der Bibel entlehnt

Und ein Zweites gab er der Gemeinde mit auf den Weg: sich von dem Corona-Stress der vergangenen zwei Jahre zu erholen, zur Ruhe zu kommen und mit Gelassenheit und Zuversicht einmal mehr den Blick auf die kleinen, oft unscheinbaren Dinge des Lebens zu lenken. "Sich Zeit nehmen für das, was mir begegnet. Das kann die Nähe eines Menschen sein, der mir zuhört und Zeit für mich hat. Das kann ein Wort sein, das ich lese oder höre und das in meinem Innern etwas zum Klingen bringt." Kleine ermutigte dazu, "einmal innerlich leer zu werden von der Hetze und dem Lärm und darauf zu achten, wie diese kleinen Dinge auf einmal anfangen, zu mir zu sprechen". Vielleicht, so der Domseelsorger, sei gerade die Pandemie besonders für eine solche Aufmerksamkeit, die neu zum Staunen und Entdecken einlade, geeignet. Dem Dreigestirn und auch dem Kinderdreigestirn trug er indes auf, genau diese Ruhe, Zuversicht und Freude in den kommenden Wochen den Kölnerinnen und Kölnern zu bringen und damit dem Coronastress bewusst etwas entgegenzusetzen. "Denn das Dreigestirn und der Kölner Karneval stehen – besonders in dieser Session – für Lebensmut, Zuversicht und Achtsamkeit", betonte Kleine. "Und wir wissen uns dabei von Gott begleitet, ermutigt und getragen." Und deshalb sei jetzt eben auch eine Zeit der Freude.

Über das diesjährige Sessionsmotto "Alles hät sing Zick" sprach Stadtsuperintendent Bernhard Seiger. Es ist eigentlich ein der Bibel entlehntes Wort aus dem Buch Kohelet, wo geschrieben steht: "Ein jegliches hat seine Zeit, und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde: Herzen hat seine Zeit, aufhören zu herzen hat seine Zeit. Weinen hat seine Zeit, lachen hat seine Zeit. Klagen hat seine Zeit, tanzen hat seine Zeit." Frei ergänzte Seiger in seinem Grußwort: "Alleinsein hat seine Zeit, Gemeinschaft hat seine Zeit. Abstand halten und feiern hat seine Zeit. Warten hat seine Zeit, und wieder loslegen hat seine Zeit."

Bernhard Seiger: Gegen die Traurigkeit hilft ein weites Herz

Beweglich, nüchtern, pragmatisch, mit Bedacht und mit Humor gelte es, den durch die Pandemie entstandenen Veränderungen zu begegnen, wenn gerade nur mit angezogener Handbremse gefeiert werden könne und sich Unbeschwertheit anders anfühle, betonte der evangelische Theologe. "Wir suchen den längeren Bogen, den längeren Atem und haben die Hoffnung auf eine bessere Zeit. Diese Hoffnung trägt und verbindet uns", sagte er wörtlich. Auch Jesus sei in die Einsamkeit gegangen, um Kraft zu sammeln und sich dann den Menschen wieder zu zeigen, die Gemeinschaft zu suchen und diese zu stärken. Darum gehe es auch heute in der Krise, wenn das Dreigestirn soziale Einrichtungen besuche: nämlich „die Augen auf die zu richten, die Freude und Aufmerksamkeit zum Beispiel in Senioreneinrichtungen oder sozialen Projekten besonders brauchen“. Auch das alles sei Karneval und ein Zeichen des Zusammenhalts: Empathie, wache Augen und Mitgefühl, so der Stadtsuperintendent.

Wenn es gut gehe, dann werde die Freude über all das, was Fastelovend ausmache, in den nächsten Jahren vielleicht dafür umso größer sein, weil erst durch den Verzicht erfahrbar werde, wie wertvoll das Geschenk der Gemeinschaft und der Nähe sei. Wörtlich versicherte Seiger: "Wir werden auf neue Weise singen, tanzen und schunkeln, weil wir erlebt haben und wissen: Nichts ist selbstverständlich." Im Moment aber helfe gegen die Traurigkeit: Singen, Gemeinschaft, sich bewegen, sich nicht so ernst zu nehmen, ein weites Herz und wache Augen für den Nächsten. "Wann, wenn nicht in der Krise, kann sich der Humor bewähren!"

Beatrice Tomasetti
(DR)

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