Olaf Scholz wird als Finanzminister vereidigt (2018)
Olaf Scholz wird als Finanzminister vereidigt (2018)
Prof. Peter Schallenberg
Prof. Peter Schallenberg
Olaf Scholz, SPD-Kanzlerkandidat und Finanzminister in Esslingen
Olaf Scholz, SPD-Kanzlerkandidat und Finanzminister in Esslingen

21.09.2021

Moraltheologe kritisiert Scholz-Entscheidung zum Gottesbezug "So wahr mir Gott helfe"?

SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz hat angekündigt, bei einer möglichen Vereidigung nicht den Zusatz "So wahr mir Gott helfe" zu verwenden. Dabei gehe es bei diesem Satz nicht primär um Gott, sondern um das Grundgesetz.

DOMRADIO.DE: Olaf Scholz will bei einer möglichen Kanzler-Vereidigung auf den Gottesbezug verzichten. Was geht Ihnen da durch den Kopf?

Prof. Peter Schallenberg (Moraltheologe): Gedanken des Bedauerns, denn ich denke an die Präambel unseres Grundgesetzes, der sich unsere Politikerinnen und Politiker verpflichtet wissen. Die Präambel lautet bekanntlich: "In Verantwortung vor Gott und den Menschen". Die ist nicht umsonst so formuliert worden und hat große Bedeutung für unser Grundgesetz, für unser gesamtes staatliches Leben.

Der Amtseid, den die Politikerinnen und Politiker leisten, will mit der Zusatzformel "So wahr mir Gott helfe" im Grunde in etwas anderer Formulierung nur nochmal zum Ausdruck bringen, dass wir uns vor einer anderen Instanz verantworten und verantworten wollen, als vor einer demokratischen Mehrheit und schon gar vor etwas anderem als nur vor uns selbst und dem eigenen Interesse.

Insofern kann ich das nur sehr bedauern, wenn ein Politiker auf die Idee kommt und sagt, ich verzichte darauf. Das hat nichts mit persönlicher Frömmigkeit zu tun, sondern das bedeutet, sich um die Präambel des Grundgesetzes zu stellen, wenn man diesen religiösen Zusatz wählt.

DOMRADIO.DE: Die Kirche verliert ja auch hier in Deutschland immer mehr Mitglieder, und damit auch gesellschaftliche Bedeutung. Könnte man da nicht auch sagen dieser Gotteszusatz im Amtseid ist überhaupt gar nicht mehr zeitgemäß?

Schallenberg: Nein, überhaupt nicht, denn das hat ja nichts mit den Kirchen zu tun. Das war den Vätern und Müttern des Grundgesetzes auch klar, als sie das so formulierten und sich da darauf einigten, dass die Präampel so sein sollte.

Gemeint ist hier ganz und gar nicht, dass das eine Formulierung für regelmäßige Kirchgänger ist, sondern gemeint ist, dass man sich einer Institution verantwortet, die außerhalb der menschlichen Individuen und der Interessensvertreter liegt. Und diese Institutionen nennen wir philosophisch Gott.

Wie man sich diesen Gott vorzustellen hat, ist dann in den Einzelheiten sehr unterschiedlich jüdisch, islamisch, christlich, buddhistisch möglicherweise. Gemeint ist hier ein philosophischer Gottesbegriff. Und das ist entscheidend.

Damit ist es zunächst natürlich nichts Katholisches oder auch nicht christlich-kirchliches, sondern gemeint ist eine Instanz gegenüber der ich mich verantworte und die mich befragt: "Hast du alles Menschenmögliche getan, um jeden Menschen auf dieser Welt das bestmögliche Leben in deinen Möglichkeitensbedingungen zu ermöglichen?"

DOMRADIO.DE: Der einzige Kanzler, der bisher den Gotteszusatz ebenfalls im Amtseid ausgelassen hat, war Gerhard Schröder. Damals hat das für Schlagzeilen gesorgt. Glauben Sie, das wäre heute auch noch so?

Schallenberg: Schlagzeilen wird es sicher geben. Vielleicht nicht mehr so viele wie früher. Aber noch einmal das als Zeichen einer schleichenden Säkularisierung zu werten, geht meines Erachtens an dem eigentlichen Punkt vorbei.

Man kann das tun und ich gebe Ihnen schon recht, dass das vermutlich auch ein Zeichen solcher Säkularisierung ist, also eine Entchristlichung. Aber mir ist auch wichtig, deutlich zu machen, dass das eigentlich zunächst nichts mit einem aktiven Christentum oder einer bedeutenden Rolle der Kirchen zu tun, sondern war die Entscheidung, nach zwölf Jahren menschenverachtender Diktatur eine Instanz anzurufen, die man sich vorstellt und der gegenüber man sagt: "Wie ist jeder Mensch bestmöglich zu achten, zu schützen, zu respektieren?" Darum geht es.

Nicht um das Bekenntnis, ich bin religiös oder Kirchgänger oder ich bete, das ist Privatbereich, sondern es geht um die Erfüllung der Präambel des Grundgesetzes.

Das Interview führte Michelle Olion.

(DR)

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