Nach Sturm auf das US-Kapitol
Nach Sturm auf das US-Kapitol
Erzbischof Jose Horacio Gomez Velasco
Erzbischof Jose Horacio Gomez Velasco
Kardinal Timothy M. Dolan, Erzbischof von New York
Kardinal Timothy M. Dolan, Erzbischof von New York

12.01.2021

Trump-Aufstand bringt Kirchenführer in Erklärungsnot Mit Jesus-Flaggen und Schamanen-Kostüm

Trump erfüllte den Religiösen viele Wünsche. Der Sturm Tausender Trump-Anhänger auf das Kapitol mit Jesus-Flaggen und heidnischen Symbolen sowie eine Welle von Hinrichtungen zeigen: Die Symbiose ist problematisch.

Auf Kardinal Timothy Dolan konnte sich Donald Trump stets verlassen. Der mächtige New Yorker Erzbischof verteidigte den Präsidenten wiederholt öffentlich gegen Kritik aus der katholischen Kirche. Nicht zuletzt auch, weil er ihr während der Pandemie zu einer kräftigen Finanzspritze verholfen hatte. Doch am Wochenende brach Dolan nun mit dem Präsidenten - und machte Trump für die Anstiftung zu dem beispiellosen Gewaltakt im Kongress vergangene Woche verantwortlich.

Ausgerechnet der Mann, der für Recht und Ordnung zuständig sei, habe die "Flammen geschürt", twitterte Dolan am Sonntag, als Papst Franziskus für die Opfer des Aufstands betete. Der Kardinal selbst erklärte sein langes Schweigen zu dem Sturm der aufgehetzten Trump-Anhänger mit seiner Rückkehr von Einkehrtagen.

Konservative wie liberale Kirchenvertreter vereint

Die in sozialpolitischen Fragen gespaltene katholische Kirche in den USA fand insgesamt den Schulterschluss. Nach den gewaltsamen Plünderungen im Kongressgebäude zeigen sich konservative wie liberale Kirchenvertreter vereint in einer einhelligen Verurteilung. "Das ist nicht das, was wir als Amerikaner sind", erklärte der Vorsitzende der US-Bischofskonferenz, Erzbischof Jose Horacio Gomez.

Der friedliche Übergang der Macht sei "ein Markenzeichen dieser großen Nation". Ohne Trump beim Namen zu nennen, machte Kardinal Wilton Gregory aus Washington "hetzerische Rhetorik" verantwortlich für die "zunehmende Gewalt in unserer Nation".

Fünf Tote, mehrere Verletzte und rund 80 Festnahmen sind die vorläufige Bilanz des Trump-Aufstands im Kongress. Einen solchen Angriff auf das Allerheiligste der US-Demokratie gab es nur einmal zuvor: 1814, als die Briten das Gebäude niederbrannten. Der Philosoph Gladden Pappin von der Universität Dallas spricht von "einer Orgie an wirkungslosem visuellem Chaos, das für das Internetzeitalter geeignet" sei.

Dazu rassistische Untertöne, die bei der christlichen Rechten vor allem von protestantischen Glaubensgemeinschaften mitgetragen werden.

Der Geschäftsführer des Public Religion Research Institute (PRRI), Robert Jones, beobachtet "eine unheilige Verschmelzung von weißer Vorherrschaft und Christentum". Als Beleg verweist er auf eine Vermischung mitgeführter Symbole wie den Flaggen der Konföderierten, "Jesus 2020"-Schildern und Bibeln. Prominent fielen bei den Capitol-Besetzern auch heidnische, vor allem nordische Symbole auf.

Ein in der QAnon-Verschwörer-Szene bekannter Schamane drängte halb nackt mit Gehörn, Pelz und Tattoos vor die Kameras.

Evangelikale zwischen den Stühlen

Viele Evangelikale tun sich schwer, auf Distanz zu gehen. Sie finden sich nun zwischen allen Stühlen wieder. Was sich im Kapitol abgespielt habe, sei "nicht unsere Bewegung und repräsentiert nicht die Sache Christi", so der Aktivist Ralph Reed, der Trump aber nicht ganz fallen lassen will. Wie auch dessen langjähriger Verbündeter, der Pfarrer der "First Baptist"-Megakirche in Dallas, Robert Jeffress. Er nannte die Erstürmung des Kapitols zwar blasphemisch, lobte aber gleichzeitig die Verdienste des Präsidenten und bekannte: "Ich bereue meine Unterstützung nicht."

Die bekannte Bibellehrerin und Evangelistin Beth Moore zeigte sich entsetzt über den Missbrauch des Christentums durch Extremisten. Sie handelten "im Namen eines anderen Jesus, der nicht der Jesus der Evangelien" sei. Der evangelikale Prediger Tim Keller bezeichnete es als "Götzendienst", das Evangelium "auf eine politische Agenda zu reduzieren".

Eindeutig ist das Urteil des Chefethikers der großen "Southern Baptist"-Kirche, Russel Moore. Er sprach von einer "moralischen Abscheulichkeit", die Trump angestiftet habe. "Mr. President, Menschen kamen ums Leben", urteilt er. "Könnten Sie bitte zurücktreten?"

Für den muslimischen Direktor des Council on American-Islamic Relations, Nihat Awad, sieht in dem Angriff auf das Kapitol den "Höhepunkt des Rechtsextremismus in den USA", den Trump vor fünf Jahren "entfesselt" habe. Die Täter seien schlicht gewalttätige Aufrührer. So wie der vermeintliche Schamane, Jake Angeli. Was seine Aktion mit Religion zu tun hat, wird er demnächst dem Richter erklären können. Angeli sitzt in Untersuchungshaft und wartet auf eine Verurteilung.

Bernd Tenhage
(KNA)

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