Gregor Gysi und Papst Franziskus
Gregor Gysi und Papst Franziskus
Gregor Gysi, Vorsitzender der Europäischen Linken
Gregor Gysi, Vorsitzender der Europäischen Linken

17.05.2019

Linkenpolitiker Gysi bietet Papst Zusammenarbeit an "Ich fürchte eine gottlose Gesellschaft"

Der Präsident der Europäischen Linken, Gregor Gysi, hat sich mit Papst Franziskus getroffen und mit ihm über Armut und Migration gesprochen. Sein Fazit: Um Europa zu retten, müssten Kirche und Politik zusammenarbeiten.

DOMRADIO.DE: Migration und Armut - das waren zwei der Themen, die Sie mit dem Papst besprechen wollten. Sie selbst bezeichnen sich als nicht gläubig. Warum wollten Sie denn in diesen Fragen das Oberhaupt der katholischen Kirche mit ins Boot holen? 

Gregor Gysi: Erstens, ich glaube tatsächlich nicht an Gott, aber ich fürchte eine gottlose Gesellschaft. Ich kenne die Bedeutung der Religion und der Kirchen für Tradition, für Kultur und auch für eine allgemein verbindliche Moral.

Zweitens haben wir jetzt einen Papst, der versucht, an die ursprünglichen Werte des Christentums zu erinnern und deshalb im nächsten Jahr eine Konferenz machen will, wo es um die Wirtschaftsstrukturen geht. Weder will er den Kapitalismus wie er jetzt ist, noch will er die Wirtschaft aus dem Staatssozialismus, sondern etwas anderes. Ich habe ihm zum Beispiel angeboten, wenn er da Unterstützung braucht, dass ich gerne bereit bin diese zu liefern - auch die europäische Linke ist dazu bereit.

Ich halte den Papst für eine sehr wichtige moralische Autorität auf der Erde, und wenn er eine Welt-Armutskonferenz initiiert, kann die UNO schlecht Nein dazu sagen. Wenn ich dahin schreibe, dann habe ich das Nein schon, bevor der Brief angekommen ist. Aber am Papst kommen die nicht so einfach vorbei. Das sollte er nutzen, sollten wir alle nutzen. 

DOMRADIO.DE: Welche gemeinsamen Ansichten und Ziele haben Sie denn bei den Themen Migration und Armut?

Gysi: Der Papst findet die Armut eben auch ungerecht. Er geht von der Schöpfung aus und mithin auch von einer Gleichberechtigung und Chancengleichheit für Menschen. Ich komme aus anderen Gründen zu derselben Überzeugung. Das liegt auch ein bisschen an meinem Leben. Ich lebte als Kind in einer Straße, wo es auf der einen Seite Zweifamilienhäuser gab, auf der anderen Seite Mietwohnungen. Alle sozialen Schichten waren vertreten. Wir hatten tausende Bücher, die Mutter meines Freundes gegenüber hatte zwei - nämlich die Bibel und das Kochbuch. Dann waren sie noch katholisch, was sie ja auch nicht privilegiert hat in der DDR. Trotzdem ist mein Freund Oberarzt geworden.

Es ist mir wichtig, dass alle die gleichen Chancen bekommen. Ich glaube, das ist dem Papst genauso wichtig. Natürlich sieht er die Flüchtlingsfrage und die Migrationsfrage anders als die herrschende Politik. Ein Papst kann ja niemals Rassist sein. Für ihn müssen die Katholiken, ob sie schwarz, gelb, rot oder weiß sind - egal von welchem Kontinent und aus welchem Land sie kommen - immer gleichwertig sein. Eigentlich alle Menschen. Ich sage immer: Man ist nicht links, wenn man nur gegen Armut im eigenen Land ist, man ist erst links, wenn man gegen Armut überall ist.

DOMRADIO.DE: Sollte das Treffen ein Zeichen sein, dass Kirche und Politik auch zusammenarbeiten können? 

Gysi: Ja, ich wollte auch für die Linke ein Zeichen setzen, dass wir dazu bereit sind. Ich werde mich übrigens im Fernsehen bei Beckmann mit Kardinal Marx treffen. Da werden wir über soziale Gerechtigkeit streiten, darauf freue ich mich schon. Ich finde diese Kontakte ungeheuer wichtig. Wir haben eine Entwicklung nach rechts weltweit: Trump, die Regierungen in Ungarn, Polen, Österreich, Italien und in Dänemark. Das ist alles sehr, sehr kompliziert.

Wenn sich die anderen jetzt nicht zusammenraufen und sich überlegen, wie man diese Entwicklung stoppen kann, versagen wir. Das muss reichen - von der CSU bis zur Linken. Da muss auch die Wirtschaft mit rein, da müssen die Medien mit rein, Kunst, Kultur und Wissenschaft und selbstverständlich auch die Gewerkschaften und die Kirchen. Anders wird es nicht funktionieren. Hier bestehen doch gemeinsame Aufgaben: eine bestimmte Entwicklung möglichst nicht zuzulassen, sondern sie zu stoppen.

DOMRADIO.DE: Mit welchen Hoffnungen oder auch Befürchtungen schauen Sie auf die Europawahl?

Gysi: Ich habe die Hoffnung, dass es eine klare Mehrheit von Befürwortern der europäischen Integration gibt. Die auch sagen: Diese Krise der EU muss jetzt für einen Neustart genutzt werden. Ich möchte nicht, dass die Mehrheit bei denen liegt, die die EU kaputtmachen wollen.

Das geht aus vielen Gründen nicht: Einmal ist der Frieden zwischen den Mitgliedsländern ganz wichtig, denn wenn die EU kaputt geht, kann auch der Krieg zurückkommen. Zweitens gibt es europäische Konzerne, die nationalstaatlich gar nicht zu regulieren sind. Die EU macht es zwar schlecht, aber sie versucht es immerhin. Und drittens haben wir doch eine Jugend, die europäisch ist. Die meisten sprechen ganz gut Englisch, die gehen in dieses und jenes Land. Sie arbeiten dort, sie lernen dort, sie studieren dort. Wenn wir denen sagen "zurück zum alten Nationalstaat, mit Grenzbaum, Pass und Visum" denken die, wir Alten haben eine Meise. Deshalb sage ich immer: Wir Alten sind verpflichtet, für die Jugend die europäische Integration zu retten.

Das Gespräch führte Julia Reck.

(DR)

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