Rudi Dutschke (mitte) und seine Ehefrau Gretchen (rechts) in London
Rudi Dutschke (mitte) und seine Ehefrau Gretchen (rechts) in London
Die ehemalige Studentenaktivistin und Witwe des verstorbenen Rudi Dutschke, Gretchen Dutschke-Klotz
Die ehemalige Studentenaktivistin und Witwe des verstorbenen Rudi Dutschke, Gretchen Dutschke-Klotz

11.04.2018

Gretchen Dutschke: Rudis Handeln war christlich inspiriert 50 Jahre nach dem Attentat

Rudi Dutschke war eine der Ikonen der Studentenbewegung 1968. Vor 50 Jahren, am 11. April 1968, wurde dem Studentenführer in Berlin in den Kopf geschossen. Sein Handeln war christlich inspiriert, so seine Witwe Gretchen Dutschke.

DOMRADIO.DE: Wie haben Sie Ihren Ehemann Rudi Dutschke, einen der bedeutendsten Köpfe der Studentenbewegung, damals erlebt?

Gretchen Dutschke (Autorin und Witwe von Rudi Dutschke): Als ich ihn kennengelernt hatte, war er noch überhaupt nicht bekannt. Er war ein Student, den ich ganz gern hatte und sehr interessant fand. Schnell habe ich mich in ihn verliebt und ein paar Jahre später haben wir auch geheiratet. Zuhause war er ein Ehemann, der sich auch um Sachen kümmerte, Essen machte, sich um das Kind kümmerte und auch saubermachte. Das war vielleicht für deutsche Männer nicht gewöhnlich damals, aber so war er eben.

Was er dann aber außerhalb von Zuhause machte, darüber war ich zuerst schon ein wenig erstaunt, dass er überhaupt diese Fähigkeiten hatte. Ich war aber auf jeden Fall stolz auf ihn.

DOMRADIO.DE: Was in der Öffentlichkeit nicht besonders viel Beachtung gefunden hat, war seine christliche Prägung. Das haben Sie mal in einem Interview gesagt. Inwiefern?

Dutschke: Ja, er ist in der DDR aufgewachsen und das war nicht gerade ein christlich geprägtes Land und die Kirche war nicht gut angesehen, aber er war Mitglied der jungen Gemeinde. Er fand den Pfarrer seiner Kirche sehr gut. Er hatte nämlich versucht, den Sozialismus und das Christentum irgendwie zu verbinden, was ihn - so denke ich - sehr inspiriert hat, dass das überhaupt möglich war. Außerdem war seine Mutter religiös. Vielleicht entwickelte er die religiöse Richtung auch durch sie. Das Christentum hat ihm viel bedeutet.

DOMRADIO.DE: Sie selbst sind gebürtige Amerikanerin und 1964 nach Deutschland gekommen. Sie haben hier evangelische Theologie studiert. Wie hat die Studentenbewegung damals auf Sie als junge Theologiestudentin gewirkt?

Dutschke: Meine Familie war auch christlich. Ich bin nach Deutschland gekommen, um Deutsch zu lernen. Erst nachher habe ich dann entschieden, Theologie zu studieren. Aber ich war schon vorher in den USA Teil einer Protestbewegung, das waren die Beatniks, sie prägte eine starke Anti-Establishment-Richtung. Deshalb war es mir gar nicht so fremd. Für mich neu war die eher politische Seite, aber ich fand das passte einfach dahin, eine Rebellion musste klare Ziele haben und Ideen, wofür man auch kämpfen sollte.

DOMRADIO.DE: Das heißt, christlich sein und Rebellion gingen für Sie immer gut zusammen?

Dutschke: Selbstverständlich, ich habe meine Magisterarbeit in Theologie geschrieben und es ging um revolutionäre Bewegungen seit Jesus. Die gab es ja immer. Aber es ging um die emanzipatorische Richtung, um Menschenliebe und auch darum, die Macht zu erhalten. In der langen Geschichte des Christentums gab es beide Seiten natürlich. Aber ich denke für uns war Professor Helmut Gollwitzer sehr wichtig. Er war mein Professor, Rudi kannte ihn auch, und er war ein Beispiel dafür, wie man politisch aktiv sein konnte und gleichzeitig sehr gläubig.

DOMRADIO.DE: Sie haben jetzt ein Buch veröffentlicht: "1968 - Worauf wir stolz sein dürfen". Worauf sind Sie besonders stolz?

Dutschke: Ich bin stolz, dass wir, und zwar nicht nur ich, sondern unsere ganze Generation, die daran beteiligt war, Deutschland von einem sehr autoritär ausgerichteten Land mit vielen Resten aus der Nazizeit, zu einer richtigen Demokratie verwandeln konnten. Es waren viele Menschen, eigentlich Millionen von Menschen daran beteiligt, deshalb können wir alle stolz darauf sein.

DOMRADIO.DE: Wenn wir heute auf die Bewegung schauen, was bleibt von 1968?

Dutschke: Dass Deutschland früher ein autoritäres, nazi-infiziertes Land war und heute eine Demokratie ist, in der man kritisch, selbstbewusst und auch anti-autoritär denkt und handelt, und das ist auch durch die Institutionen durchgegangen.

Das Gespräch führte Ina Rottscheidt.

(DR)

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