Redet der Papst EU-Politikern ins Gewissen?
Redet der Papst EU-Politikern ins Gewissen?
EU-Staats- und Regierungschefs bei Papst Franziskus
EU-Staats- und Regierungschefs bei Papst Franziskus

24.03.2017

Die EU kommt zum Papst Beistand von oben

Eine göttliche Eingebung kann der EU derzeit nicht schaden. Die EU-Staats- und Regierungschefs besuchen vor dem Gipfel in Rom an diesem Freitag den Papst. Aber der hat auch eine ungemütliche Botschaft für sie.

Normalerweise sind es Fußballmannschaften, die in dieser Stärke zu Audienzen beim Papst antreten. Am Freitagabend kommen jedoch keine Sportler, sondern die Staats- und Regierungschefs aus den nach dem Brexit verbleibenden 27 EU-Ländern zu Besuch. Und wollen sich vor ihrem EU-Sondergipfel diesen Samstag in Rom bei Franziskus wohl ein wenig Beistand von oben holen. Den nämlich könnten sie sehr gut gebrauchen. Schließlich ist viel Einigkeit seit der Gründung der Union vor 60 Jahren in Rom nicht mehr geblieben: Die EU ist derzeit alles andere als eine Mannschaft, die an einem Strang zieht. Aller Wahrscheinlichkeit nach wird Franziskus den Politikern ins Gewissen reden.

Papstkritik an Staatengemeinschaft

Der Argentinier hat zwar auf Europa nicht unbedingt sein Hauptaugenmerk gelegt. In seinen vier Amtsjahren hat er lediglich die EU-Länder Polen, Schweden, Frankreich und Griechenland besucht. Trotzdem treibt ihn der Kontinent um. Und mit Kritik an der Staatengemeinschaft hat der 80-Jährige nie gespart. Im November 2014 sprach er vor dem Europarat und Europaparlament in Straßburg von einem "verkrümmten" und "verängstigten" Europa - und das war noch vor dem Brexit-Votum, das die EU in die schwerste Krise ihrer Existenz stürzte.

Am Herzen liegt dem Katholiken-Oberhaupt vor allem das Thema, über das die EU derzeit erbittert streitet: Flüchtlinge. "Man kann nicht hinnehmen, dass das Mittelmeer zu einem großen Friedhof wird", sagte Franziskus in Straßburg. Auch bei der Verleihung des Karlspreises - der für Verdienste um Europa vergeben wird - rief er: "Was ist mit dir los, humanistisches Europa, du Verfechterin der Menschenrechte, der Demokratie und der Freiheit?" Europa sei auf dem Weg, sich wegen des Flüchtlingszustroms zwischen neuen Nationalismen und einem wiederaufblühenden Populismus zu verlieren. Letzterer bereite ihm große Sorgen, sagte er vor kurzem in einem "Zeit"-Interview.

Länder entweder auf Papstlinie oder dagegen

Ganz auf einer Linie mit Franziskus sehen sich die Regierungschefs von Griechenland und Italien, die im Papst einen Unterstützer in der Flüchtlingsfrage sehen. Ein Zeichen dafür war der Besuch des Pontifex auf der griechischen Insel Lesbos in einem Flüchtlingslager.

Auf der anderen Seite stehen Länder wie Polen und Ungarn, die mit Abschottungspolitik von sich reden machen. Immer wieder kritisierte Franziskus solche "Mauern" - auch beim Besuch im katholischen Polen, was der nationalkonservativen Regierung von Ministerpräsidentin Beata Szydlo wenig gefiel.

Papst: Europa braucht Führung

Europa fehle heute eine Führung, meinte der Papst unlängst. Personen wie der deutsche Nachkriegskanzler Konrad Adenauer oder der französische Ex-Außenminister Robert Schuman, die nach dem Krieg "ehrlich" für den Frieden in Europa gearbeitet hätten. "Europa braucht Führungspersönlichkeiten, die den Weg nach vorne zeigen", mahnte Franziskus.

Wer von den 27 EU-Spitzenpolitikern in der prächtigen Sala Regia im Vatikan könnte das jetzt sein? Vielleicht fühlt sich Bundeskanzlerin Angela Merkel angesprochen, die ein gutes Verhältnis zu Franziskus pflegt und ihn schon mehrmals getroffen hat.

Aber auch dem Papst könnten bald die Rezepte für Europa ausgehen. Schon vor drei Jahren hatte er den Kontinent in Straßburg als "Großmutter" bezeichnet, die nicht mehr "fruchtbar" sei. Und seither hat sich die Situation eher noch verschlimmert. Am Samstag wird sich beim EU-Gipfel in Rom zeigen, ob die Union wieder zu altem Mannschaftsgeist zurückfindet.

Annette Reuther
(dpa)

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