Hubert Wolf, deutscher Historiker, in der Diözesanbibliothek Münster.
Hubert Wolf, deutscher Historiker, in der Diözesanbibliothek Münster.

25.05.2016

Historiker Wolf: Katholikentage müssen mutiger werden Gefahr der Beliebigkeit

Der Münsteraner Kirchenhistoriker Hubert Wolf hat die Katholikentage als Erfolgsgeschichte gewürdigt und zugleich Neuerungen angemahnt.

Ohne 100 Katholikentage sähe nicht nur die Kirche, sondern auch Deutschland anders aus, sagte Wolf am Mittwoch in Leipzig bei einem Festakt vor der Eröffnung des Treffens. Zum Beispiel gäbe es weder den Sozialstaat noch den Gottesbezug in der Präambel des Grundgesetzes.

Der 100. Katholikentag sei aber "nicht nur ein harmlos schönes Jubiläum", betonte Wolf und regte Reformanstöße für künftige Treffen an. So müssten diese mutig und ohne Denkverbote und Tabus für Reformen in der Gesellschaft und in der Kirche eintreten - notfalls auch mit einem "Schuss Ungehorsam gegenüber der Hierarchie - immer dann, wenn diese sich den Zeichen der Zeit gegenüber verschließen sollte".

Derzeit aber drohe die Gefahr, sich in Buntheit und Beliebigkeit zu verzetteln. Früher hätten Katholikentage "nicht selten klare Beschlüsse gefasst und erfolgreich versucht, diese umzusetzen". Eindeutige Stellungnahmen zu zentralen politischen oder innerkirchlichen Themen könnten ein erster Schritt sein.

Klare Ausagen nötig

"Was spricht eigentlich gegen ein klares Votum des Leipziger Katholikentags für die Weihe von Frauen zu Diakoninnen?", fragte Wolf und erhielt dafür großen Beifall. Nach den jüngsten Anregungen von Papst Franziskus "wäre das ein deutliches Signal. Dann wäre das heutige Jubiläum nicht nur ein harmloses Fest."

Außerdem warnte Wolf vor jeder Form von Ausgrenzung bestimmter Strömungen und Meinungen innerhalb der Kirche. Katholikentage seien "nur dann katholisch, wenn sie das Ganze und nicht nur einen Teil repräsentieren wollen". 50 Jahre nach dem Zweiten Vatikanischen Konzils müssten zudem die Beschlüsse des Konzils endlich umgesetzt werden.

Darüber hinaus, so Wolf, müssten sich Katholikentage entschieden für christliche und andere Werte in Staat und Gesellschaft einsetzen. Angesichts des tiefen gesellschaftlichen Grabens, der sich mit Blick auf Flüchtlinge, Asylbewerber und Muslime auftue, müsse man fragen, ob die Stabilität des demokratischen Staates wirklich endgültig gesichert sei, mahnte der Historiker: "Wie rasch eine moderne Verfassung bettlägerig wird, wenn ihr der stete Zufluss verbindender Werte als Lebenselixier fehlt, führt die derzeitige Krise der Europäischen Union und die Wiederkehr nationaler Egoismen nachdrücklich vor Augen."

(KNA)

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