Zwei Karnevalistinnen feiern (Archiv)
Karnevalisten

16.01.2021

Brauchtumsforscherin über einen Winter ohne Karneval "Es wird auf jeden Fall etwas fehlen"

Für alle, die es feiern, ist Karneval ein Fest der Lebensfreude - ein Farbtupfer in der ungemütlichsten Zeit des Jahres. Viele werden das Fest in den kommenden Wochen vermissen. Volkskundlerin Bauer über den Ausbruch aus dem Alltag und mögliche Alternativen.

KNA: Frau Dr. Bauer, was fehlt ohne die Möglichkeit zum Ausbruch?

Katrin Bauer (Volkskundlerin am Bonner LVR-Institut für Landeskunde): Schon das ganze Corona-Jahr fehlen uns außeralltägliche Erlebnisse: etwas anderes zu erleben als die Routine, Freiräume zu genießen. Vor Corona haben wir immer von der Erlebnis-Gesellschaft gesprochen - genau diese Erlebnisse gibt es aktuell nicht.

KNA: Karneval ist der ritualisierte Ausnahmezustand - ist das nicht ein Widerspruch in sich?

Bauer: Überhaupt nicht. Es ist der Wesenskern von Ritualen und Festen, dass sie einerseits etwas Besonderes sind, weil sie aus dem Alltag herausgehoben sind. Andererseits haben sie eine eigene Struktur, die wir genau kennen. Wir müssen an Karneval nicht überlegen, wie wir handeln, sondern haben Routine - die aber völlig anders ist als die Alltagsroutine. Ein Beispiel ist das Verkleiden: Eine Sitzung oder einen Rosenmontagszug ohne Kostüm gäbe es nicht.
Das gehört einfach dazu. Diese kleinen Elemente machen das Fest aus - auch die vollen Kneipen, ein gewisses Körpergefühl, das intensive Spüren der Gemeinschaft.

KNA: Volle Kneipen prägen Karneval, aber auch strukturierte Sitzungen oder der Rosenmontagszug. Gibt es einen gemeinsamen Kern?

Bauer: Ja, und der hat viel mit Gemeinschaft zu tun, mit dem unmittelbaren und exzessiven Erleben von Gemeinschaft. Dabei geht es nicht unbedingt um die Familie oder den Freundeskreis, sondern eine Gemeinschaft, die nur für diesen Augenblick besteht. Das können etwa die Feiernden in einer Kneipe sein: Man kennt sich nicht, liegt sich aber trotzdem schunkelnd in den Armen - und ist Teil einer Gemeinschaft, die man emotional stark erlebt.

KNA: Viele Karnevalsveranstaltungen werden ausfallen. Aber kann man Karneval "an sich" absagen?

Bauer: Für überzeugte Karnevalisten ist es eine Herzenssache, und sie werden vielleicht Möglichkeiten suchen, um zumindest ein bisschen zu feiern. Aber gerade die Gemeinschaft kann man nur schwer virtuell erzeugen. Ein wesentliches Element von Karneval ist es auch, in den öffentlichen Raum zu gehen. Das lässt sich über virtuelle Veranstaltungen und Sitzungen im Fernsehen nicht ersetzen. Insofern wird auf jeden Fall etwas fehlen.

KNA: Früher ging es um den Rollentausch zwischen Mächtigen und Machtlosen. Welche Rolle spielt das in einer demokratischen Gesellschaft?

Bauer: Immer noch eine große. Zum Beispiel in Büros werden die Rollen auf den Kopf gestellt: Die Chefin, die sonst im Nadelstreifenanzug kommt, hat eine rote Pappnase auf. Es spielt keine Rolle, ob der Manager neben dem Angestellten feiert, sondern sie werden zur Gemeinschaft der Feiernden. Etwa das Kölner Dreigestirn ist im Karneval zwar herausgehoben, aber das sind eben andere Figuren als die alltäglichen Autoritätspersonen. Auch jeder Einzelne kann durch die Verkleidung in eine andere Rolle schlüpfen.

KNA: Durch Corona fehlt auch anderer Ausgleich: Konzerte, der Gang zum Fitnessstudio, Zerstreuung mit Freunden. Wie können wir weiter durchhalten?

Bauer: Es ist wichtig, dass wir uns Routinen schaffen. Es kommen ständig neue Corona-Bestimmungen, und wir müssen darauf reagieren und uns neu organisieren. Daher ist es wichtig, etwa einen festen Tagesablauf zu erhalten. Zudem braucht es außeralltägliche Reize, die ein Event-Gefühl im Kleinen ermöglichen. Das kann zum Beispiel ein Familien-Picknick auf dem Wohnzimmerteppich sein.

KNA: Ist die Klage über diese fehlenden Möglichkeiten der Freizeitgestaltung eigentlich "Jammern auf hohem Niveau"?

Bauer: Einerseits jammern wir in Deutschland in vielerlei Hinsicht auf hohem Niveau. Andererseits hat momentan auch jeder mal das Recht zu jammern, denn es ist für jeden eine schwierige Situation. Der eine vermisst Karneval, der andere bedauert die Absage des Ski-Urlaubs, manche hoffen auf das Kita-Sommerfest, andere wollen endlich mal wieder ins Kino gehen. Das verbindende Element, das uns allen fehlt, ist das Erleben von Gemeinschaft.

KNA: Immerhin gibt es virtuelle Kontaktmöglichkeiten.

Bauer: Zu Beginn der Pandemie haben viele Menschen der Oma das Skypen beigebracht, und das wurde zu Weihnachten wieder verstärkt genutzt.
Das ist viel wert, aber es ist nicht dasselbe wie ein physisches Treffen. Zudem spüren wir momentan Ernüchterung: Im Frühjahr war es noch aufregend, sich zum virtuellen Familienbrunch zu treffen - mittlerweile ist daraus Routine geworden.

KNA: Die Gemeinschaft steht auch für die Kirchen im Zentrum. Bieten sie in der Krise genug Anlaufpunkte?

Bauer: Die Gemeinden machen viele kreative Angebote, etwa Tüten mit "Gottesdiensten to go" zu Ostern oder Weihnachten. Sankt Martin ist vielerorts durch die Straßen gezogen, und die Menschen konnten von zu Hause aus zusehen, die Sternsinger bieten den Segen im "Drive In" an. Die Kirche versucht, präsent zu sein. Das gelingt sicher nicht immer, aber ich glaube, dass sie in vielen Situationen nah bei den Menschen ist.

Paula Konersmann
(KNA)

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