Ein Mann mit einer Kippa
Ein Mann mit einer Kippa
Prof. Dr. Jürgen Wilhelm, Vorsitzender der Kölnischen Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit e.V.
Prof. Dr. Jürgen Wilhelm, Vorsitzender der Kölnischen Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit e.V.

24.08.2021

Bestürzung über Angriff auf Kippa-Träger in Köln Antisemitismus mitten in der Gesellschaft

Ein 18-Jähriger wurde in Köln antisemitisch geschlagen und beleidigt. Der Vorsitzende der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit ist entsetzt über Feigheit und Brutalität des Angriffs. Gibt es eine neue Normalität von Antisemitismus?

DOMRADIO.DE: Am 20. August ist ein junger Mann mit Kippa in einer Grünfläche in Köln Opfer eines mutmaßlich antisemitischen Angriffs geworden. Wie war denn Ihre Reaktion, als Sie von diesem Angriff auf einen Kippa-Träger in Köln gehört haben?

Prof. Jürgen Wilhelm (Vorsitzender der Kölnischen Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit e.V.): Ja, als Kölner denkt man natürlich, man ist in einer etwas toleranteren und offeneren Stadt. Jedenfalls wird das gerne immer in Karnevalsliedern und auch sonst besungen und beschrieben. Vielleicht stimmt das ja auch irgendwie. Aber man ist doppelt entsetzt über die Feigheit und die Brutalität, die der Antisemitismus annimmt, und dass zwei Täter einen jungen Mann mit antisemitischen Sprüchen traktieren und ihn krankenhausreif schlagen - das ist unvorstellbar! Ich war entsetzt und finde es natürlich immer noch abscheulich, vor allen Dingen so feige, hinterhältig und dumm auch. 

DOMRADIO.DE: Sehen Sie das als eine Einzeltat oder wird Antisemitismus allgemein aggressiver und gewalttätiger in Deutschland?

Wilhelm: Ja, leider eindeutig Letzteres. Im Augenblick ist das in Köln eine Einzeltat, die so hervorsticht. Aber das hat es ja schon vorher gegeben, die Kippa vom Kopf schlagen, die Angriffe auf den Rabbiner in Berlin, aber auch die – zwar keine körperlichen Verletzungen verursachende – Beleidigungen des Kölner Rabbiners in der Straßenbahn. Mit der Folge, dass er als Rabbiner nicht mehr mit der Straßenbahn fährt, um sich nicht – fast regelmäßig – immer wieder dumme Sprüche anhören und anpöbeln lassen zu müssen. Das hat sich ja erst vor einem Jahr ereignet.

Wir erleben das in wirklich schrecklicher Konsequenz, dass rechtsradikale Antisemiten die ganze Bundesrepublik erfasst haben. Wo diese jungen Leute in dem aktuellen Fall herkamen und sich politisch verorten, weiß ich nicht, aber sehr häufig ist es doch die gleiche politische Ecke. Am schlimmsten war der Anschlag in Halle, dann in Wuppertal, danach Berlin und dann in Köln. Es ist leider eine Serie, die wir seit einiger Zeit feststellen. Der Antisemitismus ist in der Mitte der Gesellschaft längst angekommen und er zeigt sein verbrecherisches Gesicht.

DOMRADIO.DE: Werden die Angriffe auf Menschen jüdischen Glaubens von größeren Teilen der Bevölkerung geduldet?

Wilhelm: Ja, was soll ich darauf sagen? Geduldet, glaube ich nicht. Allen Umfragen nach geht es nicht um eine Mehrheit, die diese Positionen vertritt oder gar gut findet. Ich meine, das wäre ja auch noch schrecklicher. Nein, das ist es nicht. Aber was wollen Sie gegen Einzeltäter denn auch so schnell tun? Ich meine, wenn man in Begleitung ist, dann ist natürlich Tapferkeit, Solidarität und Zivilcourage selbstverständlich gefragt – und zwar auch sehr handfest. Das ist schon notwendig.

Aber wir erleben den Antisemitismus ja auch zunehmend aggressiver im Internet. Die Menschen, die sich antisemitisch äußern, waren früher immer anonym. Das war schwer festzustellen, wer dahinter steckt. Aber zunehmend deutlicher und frecher werden die Angriffe dadurch, dass sie die Namen dahinter sehen, dass sie identifiziert werden können und auch, dass die Täter das auch wollen, dass sie identifiziert werden können. Also da ist in den letzten drei, vier Jahren eindeutig ein Trend zu erkennen.

DOMRADIO.DE: Wie kann man den Trend denn umkehren? Der Kölner Stadtdechant Monsignore Kleine sagt, das Gift in den Köpfen der Menschen, das zu solchen Angriffen führt, muss bekämpft werden. Aber wie könnte das denn gelingen?

Wilhelm: Ja, er hat natürlich Recht. Es ist einzig und allein durch Aufklärung, Bildung in den Schulen zu schaffen. Aber man kann nicht alles auf die Schulen abwälzen. Obwohl das schon sehr wichtig ist, dass das Thema dort systematisch und in jeder Schulform eine Rolle spielt. Wir plädieren seit Langem dafür. Aber natürlich auch zu Hause, auch die Eltern müssen das Thema ansprechen, weil es ja doch überwiegend um junge Menschen geht. Außer in Halle, da war es ein Erwachsener.

Es sind ja nicht nur Halbstarke, wie man früher sagte, sondern es sind junge Erwachsene, zumeist übrigens Männer und in einem Alter so bis 25. Bei diesen Menschen ist es wahrscheinlich zu spät, sie zu erreichen – oder jedenfalls sehr spät. Das Beste ist, mit der Aufklärung und Bildung so früh wie möglich anzufangen, damit Antisemitismus erst gar nicht hineinkommt oder aus den Köpfen wieder herauskommt.

Das geht nur zu Hause und in den Bildungseinrichtungen und es muss systematisch geschehen. Es darf nicht dem Zufall und dem Engagement des einen Lehrers oder der einen Lehrerin überlassen bleiben, ob das Thema Antisemitismus, übrigens auch Rassismus, eine Rolle spielen im Unterricht. Es muss in den vorhandenen Fächern wie Theologie oder Sozialwissenschaften seinen Raum und seinen Platz finden.

DOMRADIO.DE: Schauen wir noch kurz auf die Sicherheit. Synagogen in Deutschland sind ja schon top gesichert mit Überwachungskameras, Zäunen und auch Polizei. Sollte denn da noch mehr getan werden?

Wilhelm: Nein, das reicht schon. Leider haben wir in Halle gesehen, dass es nicht reicht. Da hat sich ja der Polizeipräsident oder Innenminister nicht entblödet zu sagen, dass sie für das unter Schutz stellen dieser kleinen Synagoge in Halle leider kein Personal hätten. Wenn man überlegt, dass an jedem Samstag bei Bundesligaspielen ganze Hundertschaften in der ganzen Republik irgendwelche betrunkenen Fans, oder die sich Fans nennen, auseinanderhalten müssen. Da darf so eine Antwort wie in Halle nicht akzeptiert werden. Das war ja schrecklich.

Aber das ist in Köln nicht der Fall. Die Synagogen und die Einrichtungen werden geschützt. Ob man da mehr tun kann, das weiß ich nicht. Das wird schon in Ordnung sein. Nein, das ist das, was Kleine sagt: aus den Köpfen muss es raus.

Das Interview führte Tobias Fricke.

(DR)

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