Demonstration gegen das israelische Vorgehen
Demonstration gegen das israelische Vorgehen

20.05.2021

Jüdische Journalistin in großer Sorge über Hass im Netz "Schreckliche Vorurteile-Gemengelage"

Der Konflikt zwischen Israel und radikalen Palästinensern dauert an. Zugleich gehen auch in Österreich pro-palästinensische wie auch pro-israelische Demonstranten auf die Straße. Noch schlimmer scheint jedoch die Hetze in Sozialen Medien.

DOMRADIO.DE: Hier in Deutschland hat es anti-israelische Demos gegeben, mit brennenden Israel-Flaggen und hasserfüllten antisemitischen Parolen. Wie sieht das bei Ihnen in Österreich aus? 

Alexia Weiss (Journalistin, u. a. Autorin für den Blog "Jüdisch leben" in der Wiener Zeitung): Wir hatten auch eine Demo in Wien mit etwa 2.500 Teilnehmerinnen und Teilnehmern. Da gab es auch unschöne Szenen, es ist aber nicht zu Gewalt gekommen. Es gab antisemitische Sprechchöre, es gab Transparente, die den Holocaust relativiert haben, es gab Hamas-Fahnen, also wirklich unschöne Dinge.

Das Bundesinnenministerium hat den Verfassungsschutz beauftragt, sich das alles anzusehen, was da passiert ist, aber Gott sei Dank gab es keine gewalttätigen Ausschreitungen.

DOMRADIO.DE: Bundeskanzleramt und Außenministerium in Wien haben seit vergangenem Freitag die israelische Fahne als Zeichen der Solidarität mit Israel gehisst. Finden Sie das sinnvoll?

Weiss: Ja, das ist eine schwierige Sache. Innerhalb der jüdischen Community war natürlich die Freude groß darüber, weil das einfach ein klares Zeichen der Solidarität mit Israel ist. Innerhalb der muslimischen Community war die Freude gar nicht groß und man hat gesagt: "Das ist sehr einseitig und wo bleibt da Österreichs Neutralität?"

Ich finde es schwierig. Es ist nun mal ein Konflikt, wo es massiv auch um Terror geht. Und ich denke, gegen Terror darf man ruhig Position beziehen. Ob es eine kluge Entscheidung war, Öl ins Feuer zu gießen, kann ich nicht sagen.

DOMRADIO.DE: Der Nahostkonflikt schwappt gerade wieder auf europäische Straßen, wie erleben Sie das als österreichische Jüdin?

Weiss: Schwierig ist es weniger auf den Straßen als auf Social Media. Ich und andere – und ich glaube, es geht den meisten Jüdinnen und Juden hier so – klappen Facebook in der Früh auf und gleich wieder zu, weil man gar nicht weiß, wo man anfangen soll, dagegen zu halten und dagegen zu argumentieren.

Was ich besonders traurig finde, ist, dass vor allem bei Jugendlichen ein Gap (Kluft, Anm. d. Red.) aufgeht. Da sitzen Kinder in der gleichen Klasse und haben sich gut verstanden aber seit letzter Woche herrscht wirklich ein Krieg auf Instagram. Über WhatsApp werden Memes (Spezieller, kreativ geschaffener Bewusstseinsinhalt, der sich zwischen Menschen verbreitet, Anm. d. Red.) verbreitet, ohne darüber nachzudenken, was das eigentlich bedeutet.

Das äußert sich zum Beispiel darin, dass gewisse Forderungen damit einhergehen würden, dass Israel ausgelöscht würde; aber so weit denkt man nicht. Und was das zum Beispiel beim jüdischen Gegenüber auslöst, das bedenkt man auch nicht. Ich finde das sehr schwierig und vor allem für Jugendliche sehr schwierig.

DOMRADIO.DE: Wie erleben Sie das in Ihrem Umfeld? Kommt es vor, dass Sie sich persönlich für Israels Palästinenser-Politik rechtfertigen müssen?

Weiss: Das ist ja etwas, womit Jüdinnen und Juden in ganz Europa und überall in der Diaspora immer wieder konfrontiert sind: Wenn es in Israel Probleme gibt oder gewalttätige Auseinandersetzungen wie derzeit, sollen wir sofort Stellung beziehen. Das finde ich sehr problematisch, weil wir Jude oder Jüdin sind und nicht israelischer Staatsbürger oder -bürgerin.

Ja, wir werden immer wieder darauf angesprochen. Und was auch immer man auf Social Media in Richtung Ko-Existenz postet, kommt immer sofort ein "aber, aber, aber…", oder das Stichwort "Siedlerbewegung" oder "die armen Palästinenser". Natürlich ist das eine ganz furchtbare Geschichte und natürlich muss man sich gegen diese Gewalt aussprechen. Aber ich finde es nicht richtig, Juden und Jüdinnen immer in diese Rolle zu drängen, zu sagen: "Ja, Israel ist auch mit schuld".

Es wird immer versucht, Druck auszuüben, dass man sagt: "Ja, Israel macht auch alles falsch!" Und wenn das nicht sofort wie aus der Pistole geschossen kommt, dann kommt dieses "Ihr seid auch nicht besser!" Es ist eine ganz schreckliche Vorurteile-Gemengelage, auch viel Druck.

DOMRADIO.DE: Der Nahostkonflikt löst auf beiden Seiten so eine Art "Beiß-Reflex" aus. Die Reaktionen sind eigentlich immer vorhersehbar. Sehen Sie überhaupt eine Möglichkeit, aus dieser Spirale der Gewalt herauszukommen?

Weiss: Die Hoffnung ist natürlich, dass es da einmal eine Lösung geben wird. Und ich finde, wir sollten viel mehr den Fokus darauf legen, wie gut ja grundsätzlich innerhalb Israels die Koexistenz zwischen Juden und Jüdinnen und Arabern und Araberinnen funktioniert. Dass das ja ein ganz anderes Bild ist, als da oft von außen gezeichnet wird.

Wenn ich aber in einer solchen Situation bin wie jetzt, wo ich sehe, wie Tausende Kilometer entfernt sich Leute bekriegen, die vielleicht noch nicht einmal weder in Israel noch in Palästina waren, die eigentlich gar keine persönliche Verbindung haben, dann gebe ich die Hoffnung langsam ein bisschen auf, muss ich sagen. 

Das Interview führte Dagmar Peters.

(DR)

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