Erinnerungskultur in Zeiten digitalen Gedenkens wegen Corona
Erinnerungskultur in Zeiten digitalen Gedenkens wegen Corona
Schild mit der Aufschrift "Halt!" in deutscher und polnischer Sprache in der KZ-Gedenkstätte Auschwitz
Schild mit der Aufschrift "Halt!" in deutscher und polnischer Sprache in der KZ-Gedenkstätte Auschwitz
Wachtturm an der Gedenkstätte Dachau
Wachtturm an der Gedenkstätte Dachau
KZ-Gedenkstätte Bergen-Belsen
KZ-Gedenkstätte Bergen-Belsen

27.01.2021

Erinnerungskultur in Zeiten digitalen Gedenkens wegen Corona Ein Gespür für die Wirklichkeit

Wegen Corona können viele KZ-Gedenkstätten nur digital an die Opfer der NS-Verbrechen erinnern. Für manche ist es bereits das zweite Mal. Das hat Folgen für das Erinnern, so Experten, denn es braucht den konkreten Ort.

In diesem Jahr wird vielerorts an den 76. Jahrestag der Befreiung von überlebenden Häftlingen in den NS-Konzentrations- und Vernichtungslagern erinnert. Wegen der andauernden Corona-Pandemie stehen manche Gedenkstätten vor demselben Problem wie schon 2020, als die Feierlichkeiten wegen des 75. Jahrestages oft auf besondere Weise begangen werden sollten - schon damals machte der erste Lockdown Veranstaltungen vor Ort mitunter einen Strich durch die Rechnung.

Überlebende, die noch in der Lage waren, an den Ort ihres Leidens zurückzukommen, mussten diese Reisen absagen. Ob sie sie jemals nachholen können, ist ungewiss.

Die Befreiung von Auschwitz durch Soldaten der Roten Armee am 27. Januar 1945 markiert das Datum des Gedenktages für die Opfer des Nationalsozialismus. Auschwitz ist zum Synonym für die Schoah geworden, den NS-Massenmord am jüdischen Volk. In das größte deutsche Konzentrationslager nahe der polnischen Stadt Oswiecim unweit von Krakau wurden zwischen 1940 und 1945 weit über eine Million Menschen aus ganz Europa deportiert. Die Zahl der im KZ Auschwitz selbst und vor allem im dazugehörigen Vernichtungslager Birkenau Ermordeten wird auf etwa 1,1 bis 1,5 Millionen Menschen geschätzt.

Gedenken läuft digital

Vor einem Jahr war die Corona-Pandemie zu dem Zeitpunkt noch kein Thema, weshalb mit einer großen Veranstaltung in der Gedenkstätte Auschwitz an die Opfer und das Leid erinnert werden konnte. Dafür waren Überlebende und hochrangige Politiker gekommen. Doch jetzt ist alles anders: Das Gedenken verläuft digital. Die Gedenkstätte kündigt eine Online-Übertragung auf www.auschwitz.org und 76.auschwitz.org sowie auf Youtube, Facebook und Twitter an. Im Mittelpunkt werden die ungefähr 232.000 nach Auschwitz deportierten Kinder und Jugendliche stehen - bei der Befreiung waren noch etwa 700 in dem Lager.

Der Auslandsseelsorger der Deutschen Bischofskonferenz in Oswiecim, Manfred Deselaers, sagt, dass auch schon in den vergangenen Jahren die meisten betagten Überlebenden nicht mehr kommen konnten. Sie würden weniger den Besuch in Auschwitz selbst vermissen, denn der sei immer belastend, als vielmehr das Treffen mit ehemaligen Mitgefangenen - "und die Gelegenheit, im Gespräch mit Politikern und Journalisten Zeugnis geben zu können. Alle wollen, dass erinnert wird und dass die Welt daraus ihre Verantwortung lernt."

Deselaers erinnert daran, dass der konkrete Ort immer eine besondere Bedeutung habe: "Der Horror von Auschwitz war kein Film, er war leider und unglaublich Wirklichkeit." Eine Gedenkveranstaltung an einem konkreten Ort gebe dem Erinnern "eine Verankerung in der Wirklichkeit, die digital nicht eingeholt werden kann". Dieses Gespür von Realität vertiefe wesentlich das Verantwortungsgefühl dafür, dass die Verbrechen nicht wieder geschehen. "Wir sehen ja jeden Tag, wie wichtig dieser Ruf an unsere Verantwortung ist."

Pläne auf Eis gelegt

Ein Blick in Richtung Westen: Im niedersächsischen Bergen-Belsen hätten die 2020 wegen Corona ausgefallenen Feierlichkeiten zum 75. Jahrestag der Befreiung des KZ in diesem Jahr nachgeholt werden sollen. Angesichts der Pandemie sind Pläne dafür laut Gedenkstätte aber zunächst auf Eis gelegt. Es habe Überlegungen für eine Feier in einem "geschlossenen Kreis" aus Gästen für den April gegeben, die mit der Staatskanzlei und jüdischen Gemeinden abgesprochen gewesen sei, sagte Sprecherin Stephanie Billib. Daran hätten auch einige Überlebende, deren Angehörige sowie Botschafter teilnehmen sollen.

Allerdings erscheine es derzeit unangebracht, Absprachen zu treffen und wie im Vorjahr Verpflichtungen etwa mit Hotels und Busunternehmen einzugehen und diese dann wieder absagen zu müssen, hieß es. "Wir behalten die Lage im Blick und entscheiden danach, was geht und was nicht", so die Sprecherin. Digitale Formen seien keine wirkliche Alternative. Die Erinnerung sei entscheidend auch an den Ort des früheren KZ gebunden.

In dem Kriegsgefangenen- und Konzentrationslager Bergen-Belsen in der Lüneburger Heide starben bis 1945 über 50.000 Menschen, tausende von ihnen noch nach der Befreiung. Unter den Opfern waren die 15-jährige Anne Frank und ihre Schwester Margot, die im März 1945 dem Typhus erlagen. Britische Truppen befreiten das Lager am 15. April 1945.

Leticia Witte und Johannes Schönwälder
(KNA)

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