Autor Steinke: Staat muss jüdische Einrichtungen besser schützen
Symbolbild Judentum
Prof. Dr. Jürgen Wilhelm
Prof. Dr. Jürgen Wilhelm

20.07.2020

Kölnische Gesellschaft über die Arbeit jüdischer Verbände in Deutschland Integration, "Israelkritik" und Antisemitismus

Jüdische Verbände werden oft mit Kritik an der israelischen Politik konfrontiert. Eine "merkwürdige Fokussierung", sagt Jürgen Wilhelm, Experte für christlich-jüdische Zusammenarbeit. Die Rolle der Verbände sei viel zentraler. 

DOMRADIO.DE: Vor 70 Jahren wurde der Zentralrat der Juden gegründet. Aber der Zentralrat ist ja nicht der einzige jüdische Verband in Deutschland. Welche Rolle spielen die Verbände?

Prof. Dr. Jürgen Wilhelm (Vorsitzender der Kölnischen Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit): Das ist aber schon die zentrale Institution der Juden in Deutschland. Wie Sie auch an den Zahlen sehen, ist er als Spitzenorganisation dafür verantwortlich, die Interessen der jüdischen Menschen in Deutschland politisch, gesellschaftlich aber auch bis hin zu den Sozialdiensten zu vertreten. Das tut er mit unglaublichem und erfreulichem Erfolg.

DOMRADIO.DE: Von 15.000 auf 100 000 Mitglieder in sieben Jahrzehnten ist schon eine beträchtliche Leistung. Da sind auch viele jüdische Menschen aus Russland, aus Osteuropa zusammengekommen. Wie hat sich das entwickelt in den letzten Jahrzehnten?

Wilhelm: Das klang jetzt fast so, als ob der Zentralrat selbst für diese Entwicklung verantwortlich war oder da selbst erfolgreich war. Nein, das ist durch die massive Zuwanderung aus der früheren Sowjetunion gekommen. Die Integrationsprobleme, die damit verbunden waren, waren massiv. Unsere Gesellschaft, die christlich-jüdische Gesellschaft von Köln und der Region, ist mit großem Abstand die größte Deutschlands. Wir haben ungefähr 1000 Mitglieder und arbeiten sehr eng und freundschaftlich mit der Synagogengemeinde zusammen.

Auch wir haben da helfen können: durch Deutschkurse, durch Vermittlungen aller Art. Aber da standen die Synagogengemeinden in ganz Deutschland vor ganz, ganz großen Herausforderungen. Das waren die Sprachprobleme – aber Integration heißt ja auch immer Arbeitssuche. Passen die Ausbildungsgänge, die sie in der Sowjetunion hatten, auf die, die in Deutschland gesucht wurden? Da kann man sagen: sehr häufig nein. Es gab auch ein sehr großes Ungleichgewicht in den beruflichen Ausbildungen. Da kamen zum Beispiel sehr viele Musiker. Das war wunderbar für die Synagogengemeinden. Die Qualität der Ausbildung war grandios. Aber so viele Musiker konnte das Gürzenich-Orchester gar nicht einstellen. Das klingt lustig, ist es aber gar nicht.

Denn das war nicht nur ein Randphänomen, sondern galt tatsächlich für viele Ausbildungsgänge, auch für akademische. Die Ausbildung in der Sowjetunion war an vielen Stellen hinter der Zeit her. Sie passte gar nicht auf das, was hier benötigt wurde – selbst, wenn es ein promovierter Mann oder eine Professorin war. Das hat lange Zeit gedauert. Im Grunde genommen setzt sich in der ein oder anderen Weise sogar bis heute fort.

DOMRADIO.DE: Woher kommt denn diese Verbindung? Warum sind so viele jüdische Menschen gerade aus der ehemaligen Sowjetunion zu uns nach Deutschland gekommen?

Wilhelm: Das war ein politisches Abkommen zwischen der Bundesregierung und der damaligen Regierung der Sowjetunion. Sie durften ausreisen, weil sie in dem Sowjetstaat ihre Religion ja nicht oder nur unter ganz, ganz großen Erschwernissen ausüben durften. Das ist damals zwischen den beiden Regierungen so vereinbart worden und führte zu einer Ausreisemöglichkeit, die ja für die normalen Bürger der Sowjetunion gar nicht möglich war.

Wir reden jetzt über die 80er und 90er Jahre – also vor Gorbatschow. Im Grunde nicht einmal von den 90ern. Es gab die DDR. Es gab den Ostblock. Man darf nicht vergessen, dass eine Ausreise da nicht erlaubt war. Das geschah aber dann für viele Juden: Sie bekamen die Erlaubnis und sie reisten natürlich mit ihren Familien - wann immer sie nachweisen konnten, dass sie jüdischen Glaubens waren - nach Deutschland.

DOMRADIO.DE: Das christlich-jüdische Verhältnis ist nicht unbedingt immer konfliktfrei gelaufen ist. Wie ist das Miteinander bei Ihnen bei der christlich-jüdischen Gesellschaft?

Wilhelm: Die Zusammenarbeit ist wunderbar: Sehr angenehm, konstruktiv – sowohl inhaltlich als auch menschlich. Es hat vielleicht vor ein paar Jahrzehnten von der theologischen Seite aus begonnen. Da waren auch in den Vorständen damals noch doch überwiegend Theologen vertreten. Ich bin seit 1986 im Vorstand und jetzt schon seit 20 Jahren Vorsitzender. Aber das hat sich doch gewandelt. Wir wenden uns doch konsequent auch gesellschaftlichen und gesellschaftspolitischen Themen zu.

Bei uns spielt der aufkeimende und jetzt schon kräftig sprießende Antisemitismus, Rassismus und Ausgrenzung eine Rolle. Der Rechtsradikalismus und die AfD sind natürlich bei uns gängige Themen. Insofern ist die Zusammenarbeit zwischen Synagogengemeinden, der katholischen und der evangelischen Kirche und uns, wo viele um diese Integration, die Kommunikation und auch das Gesellschaftspolitische kümmern, in sehr guten Händen.

Es gibt natürlich auch unterschiedliche Ansichten: Etwa, wenn es um die Politik von Herrn Netanjahu geht. Aber das ist selbstverständlich. Wir sind nicht im engeren Sinne eine politische Organisation – das wäre die deutsch-israelische Gesellschaft. Das sind wir nicht. Aber selbstverständlich kommt das eine oder andere auf den Tisch, bei dem man unterschiedlicher Meinung ist.

DOMRADIO.DE: Es gibt ja mitunter auch Kritik am Zentralrat der Juden. Zum Beispiel, dass der Zentralrat manchmal zu nah an der israelischen Politik ist. Versucht man, die Konflikte zu ignorieren, oder spricht man das konkret an?

Wilhelm: Selbstverständlich sprechen wir darüber. Sehr konkret. Aber man muss natürlich auch die Aufgabe sehen. Es ist ja leider so – da müssen wir Deutschen doppelt vorsichtig und rücksichtsvoll sein, hundertfach rücksichtsvoller sein als der Rest auf der Welt – dass wir eine Geschichte haben, die kein anderes Land der Welt vorzuweisen hat, nämlich den industrialisierten Massenmord an den Juden, die Shoah. Da müssen wir schon eine größere Sensibilität entwickeln. Der Zentralrat der Juden ist weder das Sprachrohr der jeweiligen demokratisch legitimierten israelischen Regierung noch umgekehrt.

Der Zentralrat ist auch nicht der automatische Kritiker, den man anruft und sagt: "Sag doch mal was über die Politik oder gegen die Politik der Siedlungen oder von Netanjahu". Deshalb habe ich auch meinen Vorspann gewählt, dass wir Deutschen da besonders sensibel sein sollten: Es ist ein wenig typisch: das Wort "Israelkritik". Das gibt es sonst zu keinem anderen Land. Es gibt nicht das Wort – weder in den Medien noch sonst in der Wissenschaft – Irankritik, Syrienkritik, Assadkritik. Das gibt es nicht. Es gibt nur Israelkritik. Auch keine Palästinenserkritik. Das heißt also: Wir fokussieren uns merkwürdigerweise auf den einzig demokratischen Staat in der ganzen Region. Ich bin wirklich kein Freund von Netanjahus Politik. Ich hatte in meinem früheren Beruf sogar, als er noch Ministerpräsident war, in anderer Weise mit der israelischen Regierung viel mehr zu tun, als ich noch im Bundeskanzleramt war.

Ich bewahre mir da schon eine persönliche Meinung, aber ich konzentriere mich doch als christlich-jüdische Gesellschaft und auch als Zentralrat der Juden nicht dauernd auf die Anforderungen einer merkwürdig fokussierten Meinung in der deutschen Gesellschaft, die etwas Kritisches zu Israel erwartet. Das verlangt man doch auch nicht von den anderen Gesellschaften: dass etwa die katholische Kirche etwas Kritisches über den Papst sagen soll. Das in dieser Reihe zu sehen, ist mir doch ein bisschen zu einseitig.

DOMRADIO.DE: Lassen Sie uns noch über ein Thema sprechen, das wie eine dunkle Wolke über dem jüdischen Leben in Deutschland schwebt: Antisemitismus. Ist der Antisemitismus tatsächlich so dramatisch geworden, wie man den Medien entnehmen kann?

Wilhelm: Aber das ist ganz, ganz sicher so. Man kann immer schnell auf die Übertreibung in medialer Darstellung schimpfen. Aber hier ist eher Untertreibung anzuklagen. Am 9. November treffen wir uns ja zur Erinnerung an die Reichspogromnacht. Dann sprechen wir in der Synagoge auch über aktuelle gesellschaftliche Themen. Das Thema Antisemitismus ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Diese Formulierung haben meine aufmerksamen Kollegen und ich – ob nun in München, Frankfurt, Hamburg oder Düsseldorf – vor Jahren schon formuliert. Irgendwann haben es dann auch die Politiker endlich mal begriffen und beschäftigen sich damit – spätestens mit den Rechtsradikalen von der AfD, wo ja viele Neonazis Unterschlupf gefunden haben und fröhliche Urständ (d. Red. Auferstehung) feiern.

Der Verfassungsschutzpräsident hat erst letzte Woche mit Zustimmung des Bundesinnenministers – Gott sei Dank – den Rechtsradikalismus als das schwerwiegendste Problem und die größte Gefahr für die Demokratie, die Stabilität der Demokratie Deutschlands benannt. Das war unter dem Vorgänger doch kein Thema. Da war man auf dem rechten Auge blind. Ich kann das nur sagen: Wir haben nicht nur die konkreten, strafrechtlich relevanten Verhaltensweisen von Rechtsradikalen bis hin zu Morden, sondern wir haben die Diskriminierungen durchgehend bis in die Schulen hinein. Das macht mir nicht nur Sorge, sondern das beklagen wir auch. Wir sprechen es auch laut aus.

Wir sind froh, dass es endlich in der verantwortlichen Politik in Berlin, aber auch auf der Landesebene angekommen ist und dass wir da Unterstützung finden, um uns damit auseinanderzusetzen. Das tun wir insbesondere mit Schulen, mit Lehrern, mit Multiplikatoren. Da gucken wir jetzt nicht wie das Kaninchen auf die Schlange. Aber das Thema ist wirklich nicht kleinzureden, sondern ich fürchte, man kann es gar nicht dramatisch genug schildern – und ich möchte damit nicht übertreiben.

DOMRADIO.DE: Wie sieht es mit uns aus? Was können wir tun? In die Synagoge gehen und eine Kippa aufsetzen?

Wilhelm: In die Synagoge gehen und eine Kippa aufsetzen, das ist auch nötig – Sie können auch einen Hut mitnehmen. Das ist sehr gut, denn man baut Vorurteile ab. Man baut vielleicht auch Ängste ab: Schwellenangst nennt man so etwas. Die Synagogengemeinde ist sehr offen, sehr gastfreundlich. Man kann dort an Führungen teilnehmen, von Schulkindern bis zu Erwachsenen. Das findet auch seit Jahren intensiv statt.

Aber was den gesellschaftlichen Diskurs angeht, da haben wir in Köln doch ein wunderbares Motto: "Arsch huh und Zäng ussenander" (d. Red. "Arsch hoch und Zähne auseinander" - Kölner Kampagne gegen Rassismus und rechte Gewalt). Jeder muss Stellung nehmen. Wenn im Biergarten irgendjemand antisemitisch daherquatscht – das darf man nicht durchgehen lassen. Da muss man sagen: "Was weißt du überhaupt, was du redest?" Zivilcourage vom Einzelnen, das möchte ich doch sehr, sehr gerne einfordern. Die Rheinländer und Kölner sind doch angeblich so tolerant. Das müssen sie dann auch mal ausleben.

Das Interview führte Renardo Schlegelmilch. 

(DR)

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