Würdigungen für den Zentralrat der Juden zum 70. Geburtstag

"Bedeutsame Stimme"

Mehr als nur ein paar warme Worte: Vertreter aus Kirche und Politik haben den Zentralrat der Juden in Deutschland zu seinem 70-jährigen Bestehen als wichtige Stimme für die Demokratie und den Kampf gegen Antisemitismus gewürdigt.

Juden in Deutschland / © Michael Kappeler (dpa)
Juden in Deutschland / © Michael Kappeler ( dpa )

An diesem Sonntag feiert die Interessenvertretung der Juden hierzulande ihren 70. Geburtstag: Sie war am 19. Juli 1950 in Frankfurt am Main gegründet worden.

"Die jüdischen Stimmen, die die öffentliche Aufmerksamkeit auf rechtsextremistische und antisemitische Gruppen und Strömungen lenkten, haben einen wesentlichen Anteil an der Entwicklung einer demokratischen Kultur in diesem Land", schreibt der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Bischof Georg Bätzing, in einem Brief an Zentralratspräsident Josef Schuster.

Seite an Seite gegen Antisemitismus

Zu diesem Anteil gehöre nicht zuletzt eine öffentliche Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus und der Ermordung der europäischen Juden, die der Zentralrat immer wieder durch eigene Stellungnahmen begleitet habe, betont Bätzing.

Der 70. Geburtstag werde von einer Zunahme antisemitischer Übergriffe überschattet: "Angriffe auf Juden sind Angriffe auf unsere Demokratie und unser Zusammenleben." Bätzing versicherte, dass die katholische Kirche im Kampf gegen Antisemitismus weiterhin an der Seite des Zentralrats stehen werde.

Bätzing erinnerte zudem an eine grundlegende Wandlung des christlich-jüdischen Verhältnisses in den zurückliegenden 70 Jahren.

"Auch in Deutschland ist aus kleinen und mühsamen Anfängen eine Kultur des Dialogs zwischen Christen und Juden entstanden, an dessen Entwicklung der Zentralrat einen bedeutenden Anteil hat."

Auch Marx sichert Unterstützung der Kirche zu

Bätzings Vorgänger, der Münchner Kardinal Reinhard Marx, sicherte dem Zentralrat ebenfalls die Unterstützung der Kirche zu: "Wir sind nicht nur als Bürger, sondern auch als Christen verpflichtet, antijüdischen Vorurteilen zu widersprechen und gegen antijüdische Angriffe aufzustehen. Wir dürfen und werden nicht noch einmal wegschauen", erklärte Marx in einem Gratulationsschreiben an Schuster.

Dieser Schritt wenige Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs sei "alles andere als selbstverständlich und doch notwendig, weil nur so jüdisches Leben in institutionalisierter Form hierzulande wieder möglich geworden ist", schreibt der Erzbischof von München und Freising. Marx dankte Schuster zugleich für die guten Beziehungen zwischen der katholischen Kirche und dem Zentralrat sowie seinen Einrichtungen.

Sternberg: Stimme des Zentralrats ist unerlässlich

Der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), Thomas Sternberg, bezeichnete die Stimme des Zentralrats als unerlässlich. Aktuelle Projekte des Gremiums zeigten Wirkung in der Öffentlichkeit und machten "Hoffnung auf ein von gegenseitigem Respekt geprägtes Zusammenleben der Religionen und Kulturen in Deutschland".

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hatte kürzlich den Zentralrat als "bedeutsame Stimme" gewürdigt. Er sei dankbar, dass sich jüdisches Leben in Deutschland "in seiner ganzen Vielfalt" entwickelt habe.

Auch der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Heinrich Bedford-Strohm, hat den Zentralrat der Juden als "wichtige Stimme" der deutschen Zivilgesellschaft gewürdigt. Immer wieder habe der Zentralrat die Bedeutung einer Erinnerungskultur in Deutschland hervorgehoben, sagte der Theologe.

Wie sehr die jüdische Stimme ein unverzichtbarer Beitrag zur öffentlichen Diskussion in Deutschland geworden sei, zeige das hohe Ansehen, das der derzeitige Vorsitzende des Zentralrats der Juden, Josef Schuster, genieße. Schuster ist auch neues Mitglied des Deutschen Ethikrats.

Knobloch: Jüdische Gemeinschaft ist heute größer denn je

Auch die frühere Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, Charlotte Knobloch, hat den 70. Jahrestag der Gründung des Zentralrats gewürdigt. In einem Gastbeitrag für die "Bild am Sonntag" schreibt Knobloch: "Als am 19. Juli 1950 Vertreter des jüdischen Lebens aus ganz Deutschland zusammenkamen, um gemeinsam einen neuen 'Zentralrat' zu gründen, da schien es unvorstellbar, dass es noch 70 Jahre später einmal Gratulationen zum Jubiläum geben würde."

Gerade einmal fünf Jahre nach Ende des Holocaust und in einem noch immer zerstörten Land habe niemand mit einer solchen Lebensdauer der Organisation gerechnet. "Der frühe Zentralrat sollte vor allem das tägliche Überleben erleichtern und ansonsten das jüdische Erbe in Deutschland geordnet abwickeln", schreibt Knobloch.

Es sei "ein großes Kompliment für unser Land, dass all das heute unendlich weit weg erscheint", so Knobloch weiter. "Die jüdische Gemeinschaft in Deutschland ist in den letzten 70 Jahren nicht nur nicht verschwunden, sondern sie ist heute größer, vielfältiger und vor allem sichtbarer als je zuvor nach 1945."

Wie wichtig ein solcher Zusammenschluss sei, hätten die vergangenen Jahre gezeigt, erklärt Knobloch: "In Zeiten von wachsendem Judenhass wird eine solche jüdische Stimme 'gebraucht und gehört', wie der Bundespräsident es in seiner Gratulation ausdrückte. Ich selbst kann das nur unterschreiben - und darf dem Zentralrat herzlich zu seinem Jubiläum gratulieren. Masel tov, und auf die nächsten 70 Jahre!"

Charlotte Knobloch ist seit 1985 Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern. Vom 2006 bis 2010 war sie Präsidentin des Zentralrats.

Bischof Georg Bätzing im Portrait / © Julia Steinbrecht (KNA)
Bischof Georg Bätzing im Portrait / © Julia Steinbrecht ( KNA )
Kardinal Reinhard Marx / © Harald Oppitz (KNA)
Kardinal Reinhard Marx / © Harald Oppitz ( KNA )
Thomas Sternberg / © Harald Oppitz (KNA)
Thomas Sternberg / © Harald Oppitz ( KNA )
Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier in Yad Vashem / © Abir Sultan (dpa)
Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier in Yad Vashem / © Abir Sultan ( dpa )
Heinrich Bedford-Strohm / © Harald Oppitz (KNA)
Heinrich Bedford-Strohm / © Harald Oppitz ( KNA )
Charlotte Knobloch / © Peter Kneffel (dpa)
Charlotte Knobloch / © Peter Kneffel ( dpa )
Autor/in:
Leticia Witte
Quelle:
KNA
Mehr zum Thema