Symbolbild Judentum
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11.03.2020

Stiftung "Zurückgeben" fördert seit 25 Jahren jüdische Frauen Für NS-Raubgut sensibilisieren

Viele Wertgegenstände von in der NS-Zeit enteigneten Juden befinden sich noch in deutschen Haushalten - darauf macht die Stiftung "Zurückgeben" aufmerksam. Seit 25 Jahren fördert sie zudem jüdische Frauen.

Sharon Adler und Hilde Schramm: die eine, 57 Jahre alt und Tochter einer Berliner Jüdin, die als Kleinkind vor den Nazis fliehen musste - die andere, 83 Jahre und Tochter von Hitlers Chefarchitekt und Rüstungsminister Albert Speer, als Kind häufig zu Besuch bei Hitler zu Hause.

Jahrzehnte nach Kriegsende verbindet die beiden Frauen ein Ziel - sie wollen mit der Stiftung "Zurückgeben" die Erinnerung an die Enteignungen von Juden während der NS-Zeit lebendig halten und überdies jüdische Frauen in Kunst und Wissenschaft fördern. In den vergangenen 25 Jahren haben sie über 180 Projekte mit insgesamt mehr als einer halben Million Euro unterstützt. Der Name verweist darauf, dass durch die eingeworbenen Mittel zumindest symbolisch ein kleiner Bruchteil "zurückgegeben" werden soll.

Jüdische Frauen können sich um Stipendien bewerben

Ob Autorin, Filmemacherin oder Historikerin: Um Stipendien können sich jüdische Frauen jeden Alters bewerben. Von der Stiftung gefördert wurde etwa die Hamburger Schriftstellerin Viola Roggenkamp: Sie konnte damit das Manuskript ihres 2004 erschienenen ersten Romans "Familienleben" fertigstellen - das Buch über eine deutsch-jüdische Nachkriegskindheit avancierte zum Bestseller.

Das Grundkapital für die Stiftung stammt aus dem Verkauf dreier Gemälde, die Hilde Schramm von ihrem Vater geerbt hatte und von denen sie vermutete, dass sie während der NS-Zeit jüdischen Familien geraubt wurden. "In jedem Fall hat mein Vater die Bilder von seinem Einkommen im Dienst der NS-Diktatur erworben. Ich wollte dieses Erbe, dem Unrecht anhaftete, nicht annehmen", erzählt die ehemalige Grünen-Abgeordnete, die sich seit Jahrzehnten für die Aufarbeitung der NS-Vergangenheit engagiert.

Stiftung wurde aus einem Initiativkreis gegründet

So entstand die Idee zu der Stiftung - gegründet aus einem Initiativkreis jüdischer und nicht-jüdischer Frauen. Ihnen gehe es "vor allem um die Haltung der Nachgeborenen, um ihr Hinterfragen der eigenen Familiengeschichte", betont Schramm. Das bedeute nicht zwangsläufig den Verkauf von Gegenständen aus ehemaligem jüdischen Besitz: "Dabei geht schließlich auch ein Stück Geschichte verloren. Der Gegenstand, an dem man sich reiben kann, ist ja dann nicht mehr da."

Erbstücke, Funde in Kellern oder auf Flohmärkten - bei vielen Dingen ist die Herkunft nicht nachvollziehbar. Dass sich aber auch heute noch in vielen Haushalten solche Gegenstände befinden, ist wahrscheinlich: Allein von 1942 bis 1943 wurden 27.227 Tonnen "Judengut" - wie die Nazis es nannten - von Holland nach Hamburg transportiert. Es war für die Ausgebombten gedacht. Rund 100.000 Menschen dieser Region erwarben damals Dinge wie Möbel, Geschirr oder Kleidung, die aus den Enteignungen von Juden stammten.

Zurückgeben im ursprünglichen Sinn

Manchmal kommt es bei der Stiftung auch zum "Zurückgeben" im ursprünglichen Sinn, so Vorstandsvorsitzende Adler. Eine Frau aus Nürnberg hatte etwa eine Heine-Ausgabe von ihrem Vater geerbt. Sie wusste, dass ein jüdischer Nachbar sie ihrem Vater zur Aufbewahrung gegeben hatte, bevor er sich 1942 am Tag vor seiner geplanten Deportation das Leben nahm. "Wir haben seine Verwandten in London ausfindig gemacht, so dass die Frau das Buch zurückgeben konnte", erzählt Adler.

Der Journalistin, die 1962 in Berlin geboren wurde, begegnen immer wieder antisemitische Stereotype. Auf einem Trödelmarkt etwa entdeckte sie einmal besonders schöne Handtaschen, die vermutlich aus den 1930er Jahren stammten. Die Verkäuferin äußerte ihre Vermutung, "dass das von Juden kommt, die hatten ja sowieso mehr Geld". Es werde immer noch angenommen, dass "in jedem jüdischen Haushalt ein Klimt oder Picasso gehangen hat", wundert sich Adler. Häufig gerate in Vergessenheit, dass es sich bei den meisten Dingen, die Juden zurücklassen mussten, um Alltagsgegenstände gehandelt habe, sagt auch Schramm. "Das waren Gebrauchsgegenstände, die antiquarisch kaum etwas oder null wert sind".

Öffentliches Bewusstsein für Unrecht an Juden

Erst in den 1990er Jahren entstand ein öffentliches Bewusstsein auch für dieses Unrecht an Juden, wie Schramm sagt. Auch heute noch weigerten sich viele Menschen, sich damit zu beschäftigen, weil es in den privaten Bereich gehe und "einen Fleck in der Familie bedeutet".

Bei ihr sei dies anders, so Schramm. Sie erinnert an ihre Familiengeschichte rund um Vater Speer: "Für mich als einer exponierten Person war es unvermeidbar, dass ich darüber nachdachte."

Auch wenn die meisten Täter heute nicht mehr leben: Die Stiftung appelliert an die Nachgeborenen, in Form von Spenden etwas "zurückzugeben", auch wenn sie selbst nicht schuldig wurden und kein eigenes familienbiografisches Motiv dazu haben. In einer Zeit, "in der wieder Synagogen und jüdische Menschen angegriffen werden, ist es immanent wichtig zu erinnern", betont Adler. "Und auch, den Beitrag aufzuzeigen, den Jüdinnen heute wieder für Kultur und Gesellschaft in Deutschland leisten - und sie dabei zu unterstützen."

Nina Schmedding
(KNA)

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