Abraham Lehrer
Abraham Lehrer, Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland
Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier spricht beim Gemeindetag des Zentralrats der Juden in Deutschland
Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier spricht beim Gemeindetag des Zentralrats der Juden in Deutschland

21.12.2019

Jüdischer Gemeindetag des Zentralrats der Juden in Berlin "Nach wie vor hier zu Hause"

"In Deutschland zu Hause" heißt das Motto des jüdischen Gemeindetags, der noch bis Sonntag in Berlin stattfindet. Der Zentralrat der Juden hat zum Dialog eingeladen – es gibt ein dichtes Programm mit Vorträgen und Podiumsdiskussionen.

DOMRADIO.DE: Das Simon-Wiesenthal-Zentrum in den USA hat gerade eine Liste mit den schlimmsten antisemitischen Vorfällen des vergangenen Jahres veröffentlicht. Und dazu gehört natürlich auch der Anschlag auf eine Synagoge in Halle. Wie zuhause fühlen sich die Juden gerade überhaupt in Deutschland?

Abraham Lehrer (Vizepräsident des Zentralrats der Juden, Vorstand der Synagogengemeinde Köln): Nach den Reaktionen dieser etwas mehr als tausend Teilnehmer vom gestrigen Abend und heute Vormittag kann ich sagen: Sie fühlen sich nach wie vor hier zu Hause.

Natürlich sind Sie sehr besorgt über die Geschehnisse in den letzten Wochen und Monaten und machen sich Gedanken, wie sich die Zukunft hier in Deutschland entwickeln wird. Ich sage immer, die Gedanken sind frei. Aber ich glaube, es gibt keine Welle von Ausreisewilligen oder Menschen, die beabsichtigen, unser Land zu verlassen.

DOMRADIO.DE: Bundespräsident Steinmeier hat in seiner Eröffnungsrede deutlicheren Widerspruch gegen Antisemitismus gefordert. Zentralratspräsident Josef Schuster hat gesagt: "Wir brauchen nicht nur einen Ausstieg aus der Kohle, sondern auch einen Ausstieg aus Rassismus und Antisemitismus". Von wem erwarten Sie denn mehr Unterstützung bei diesem gesellschaftlichen Klimawandel im Land?

Lehrer: Wir Juden in Deutschland gehen davon aus, dass die absolute Mehrheit, die ganz deutliche Mehrheit unserer Gesellschaft, die antisemitischen Menschen nicht wirklich unterstützt. Für uns ist es aber höchste Zeit, dass diese Mehrheit ein Zeichen gibt und nicht nur für die jüdische Gemeinschaft, sondern für das generelle Problem von Rassismus und Fremdenfeindlichkeit in unserem Land, dass wir aufstehen und zeigen: So geht es nicht, und wir lassen uns das nicht aufdrängen von einer Minderheit.

DOMRADIO.DE: Der evangelische Münchener Theologe Friedrich Wilhelm Graf hat einen Appell an die christliche Kirche gerichtet, Sie könnte doch einen staatlichen Feiertag abgeben, zum Beispiel den Pfingstmontag und dafür den höchsten jüdischen Feiertag, Jom Kippur, zum Feiertag machen. Was halten Sie denn davon?

Lehrer: Mich überrascht dieser Vorschlag etwas. Er ist meiner Erinnerung nach nicht ganz neu. Ich glaube, die Zeit ist noch nicht reif dafür, dass wir einen jüdischen, generell bundesweit geltenden Feiertag einführen. Ob auf Kosten eines christlichen Feiertage oder eines zusätzlichen Feiertags – ich glaube, dafür ist die Zeit noch nicht reif.

DOMRADIO.DE: Mal angenommen, wir hätten jetzt so einen Feiertag schon bei uns. Wie könnte der denn zum Beispiel bei einem Bewusstseinswandel helfen, wenn er schon da wäre?

Lehrer: Er würde helfen, wenn die Menschen sich an diesem Tag verdeutlichen würden: Wofür steht dieser Feiertag? Was ist das für ein Feiertag? Also wenn sie sich auch ein wenig mit der jüdischen Religion auseinandersetzen und beschäftigen, um zu verinnerlichen, dass sie mit der jüdischen Gemeinschaft hier zusammen in einem Land leben.

DOMRADIO.DE: Man kann ja auch nicht sagen, dass sich gar nichts bewegt. Gerade erst wurde ein Staatsvertrag unterzeichnet, der regelt, dass nach rund hundert Jahren erstmals wieder Militärrabbiner bei deutschen Streitkräften in Dienst genommen werden. Wie wichtig ist diese offizielle Rolle für die jüdische Gemeinde in Deutschland?

Lehrer: Ich glaube, dass der Zeitpunkt nicht von uns wirklich gewählt wurde. Aber er ist ein so wesentlicher Zeitpunkt, dass in diesen Zeiten von steigendem und sich immer öffentlicher zeigenden Antisemitismus es für uns wesentlich ist, dass der Staat eine Vereinbarung mit der jüdischen Gemeinschaft trifft, auch in der Bundeswehr jüdische Seelsorge zuzulassen.

Wir werden diese Rabbiner, die dort in der Zukunft beschäftigt sein werden, nicht nur in dem Sinne verstehen, dass sie die wenigen jüdischen Soldaten betreuen, sondern auch generell für alle Soldaten offen stehen und ihren Anteil leisten sollen an der gesellschaftlichen Bildung, Erziehung unserer jungen Menschen, unserer jungen Soldatinnen und Soldaten.

DOMRADIO.DE: Auf der anderen Seite, wenn man die Geschichte der Bundeswehr betrachtet als Nachfolgearmee der Wehrmacht: Welche Vorbehalte gab es von jüdischer Seite auch gegenüber der Bundeswehr, dann auch dieser Armee Rabbiner zur Seite zu stellen? Hat dieser Staatsvertrag dann gewissermaßen etwas Historisches?

Lehrer: Ja, wir haben es heute so genannt. Dr. Josef Schuster hat in seiner Ansprache dieses Ereignis, dieses Event, so bezeichnet, das es für ihn wirklich etwas Historisches an sich hat. Ich teile diese Einschätzung absolut, weil natürlich: Nach 1945 waren die Vorbehalte und Bedenken gegen die Nachfolgearmee der Reichswehr natürlich sehr groß. Nur sehr wenige jüdische Menschen haben gesagt: Ich möchte meinen Dienst bei der Bundeswehr leisten. Die meisten haben gesagt: Nein, das kommt für mich nicht infrage.

Das hat sich aber natürlich über die Jahrzehnte gewandelt. Die Bundeswehr hat gezeigt, dass sie natürlich ein Spiegelbild unserer Gesellschaft ist. Also auch dort gibt es rechtsradikale Vorkommnisse. Wir haben zu genüge über die Presse davon gehört. Aber nichtsdestotrotz ist diese Bundeswehr eine andere Streitmacht, als sie 1938 oder 1945 vorzufinden war. Da hat sich etwas Grundsätzliches geändert und gewandelt und das erkennen die jüdischen Menschen in Deutschland an und sind deswegen bereit, auch in dieser Armee ihren Dienst zu leisten.

DOMRADIO.DE: Kommen wir zurück zum Gemeindetag. Bis Sonntag gibt es ein dichtes Programm von Vorträgen und Podiumsdiskussionen. Was ist Ihnen gerade beim Thema "In Deutschland zu Hause" wichtig, dass am Ende dieser Veranstaltung sozusagen als Botschaft haften bleiben soll?

Lehrer: Wir veranstalten diesen Gemeindetag. Ich sage immer ein ganz kleiner vergleichbarer Kirchentag, so wie die katholische und evangelische Kirche etwas Ähnliches abhält – natürlich primär zunächst mal nach innen. Aber auf der anderen Seite sind natürlich auch Referenten und Blogger, Musiker und Politiker anwesend, die nicht jüdisch sind, die ganz deutlich ein Zeichen setzen, dass es eine Gemeinschaft zwischen Juden und Nichtjuden in diesem Land, in dieser Gesellschaft gibt. Und wenn dieses Zeichen, dass da eine Gemeinsamkeit besteht, am Sonntagabend in unsere Republik ausstrahlt, finde ich, ist das etwas sehr Schönes und etwas sehr Sinnvolles. Ich hoffe, dass das ein bisschen dazu beiträgt, den Antisemitismus zurückzudrängen.

Das Interview führte Michelle Olion.

(DR)

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