Jude mit Kippa bei einer Kundgebung vor dem Brandenburger Tor
Jude mit Kippa bei einer Kundgebung vor dem Brandenburger Tor
Aaron Knappstein, Präsident des jüdischen Karnevalsvereins "Kölsche Kippa Köpp"
Aaron Knappstein, Präsident des jüdischen Karnevalsvereins "Kölsche Kippa Köpp"

11.10.2019

Jüdinnen und Juden in Deutschland nach Anschlag entsetzt "Ich denke darüber nach, ob ich hier auf Dauer leben möchte"

Nach dem Anschlag auf eine Synagoge in Halle zeigen sich deutsche Jüdinnen und Juden entsetzt. Manche überlegen, Deutschland zu verlassen. Der Anschlag galt unserer Demokratie, sagt Aaron Knappstein von den "Kölschen Kippa Köpp".

DOMRADIO.DE: Das Attentat auf die Synagoge in Halle erschüttert das Land. Was haben Sie empfunden, als Sie von dem Attentat gehört haben?

Aaron Knappstein (Präsident des Karnevalsvereins "Kölsche Kippa Köpp"): Ich war selber aufgrund des Jom Kippur-Feiertags in der Synagoge. Zu dem wirklich großen Entsetzen, was man bei sich und den Menschen um einen herum merkte, als uns die ersten Nachrichten erreichten, kam eben auch die Angst. Das war eine sehr unschöne Mischung, die da an diesem Tag auf die Jüdinnen und Juden in diesem Land hereinprasselte.

DOMRADIO.DE: Haben Sie sich vorstellen können, dass so etwas in Deutschland passieren kann?

Knappstein: Ehrlich gesagt, wenn man danach darauf schaut, dann muss ich sagen, musste man leider damit rechnen, dass so etwas passieren kann und wird. Frau Kramp-Karrenbauer (CDU-Parteivorsitzende, Anm. d. Red.) hat davon gesprochen, das Attentat wäre ein Alarmzeichen. Das ist völliger Unsinn. Diese ganzen Alarmzeichen, die hat man in den letzten Monaten und - leider - schon seit Jahren in Deutschland mit dem Anstieg des Antisemitismus in jeder Art und Weise gesehen. Dass sich das dann mal so äußern wird, war leider zu erwarten, weil nicht entsprechend dagegen vorgegangen wird.

DOMRADIO.DE: Jüngst wurde in Köln der 60. Jahrestag der Wiedereinweihung der Synagoge begangen. Bei dieser Feier ging es auch um die Sorge vor wachsendem Antisemitismus in Deutschland. Wie groß ist Ihre Sorge in Bezug darauf?

Knappstein: Die Sorge ist sehr groß, weil ich empfinde, dass vieles möglich ist, was früher undenkbar war. Das äußert sich in solcher brutaler und wirklich menschenverachtender Gewalt. Das hat viele Vorgänger, die sozusagen dafür sorgen, dass es dazu kommen kann, dass sich jemand wirklich aufmacht, das umzusetzen.

Diese Stimmung im Land, die geschürt wird, merkt man zunehmend überall. Ich bin großer FC-Köln-Fan und sitzte regelmäßig im Stadion. Vor einigen Jahren habe ich nicht von den Zuschauern gehört, wenn mal was auf dem Spielfeld passierte, "du Judensau". Das hört man jetzt zum Beispiel. Ich habe mir vorgenommen, noch mehr gegen solche Äußerungen einzustehen. Wobei die Jüdinnen und Juden dabei definitiv nicht alleine gelassen werden dürfen.

DOMRADIO.DE: Was können wir dann tun?

Knappstein: Es ist wirklich ganz wichtig, noch mehr für unsere Demokratie einzustehen. Ich will da die Jüdinnen und Juden in diesem Land aus dem Fokus nehmen. Denn eigentlich ist das ein Angriff auf unsere Demokratie und auf unser Zusammenleben. Da müssen wir noch mehr den Mund aufmachen. Es ist wirklich so.

Ich habe auch einen Arbeitskollegen, der mir irgendwann mal gesagt hat, dass er AfD wählt, früher war er konservativer CDU-Wähler. Er denkt, das könne man jetzt. Ich habe mir im Nachhinein gesagt, da hätte ich ihm noch vehementer klarmachen müssen, dass das nicht geht und vielleicht den Bruch herbeiführen müssen und sagen müssen: "Wenn du das machst, dann kann ich dich nicht mehr ansprechen und nicht mehr mit dir in Kontakt sein".

Man muss einfach noch vehementer dagegen aufstehen, um zu zeigen, dass dieser Nährboden, der da überall gelegt wird, dass das nichts ist, was wir in irgendeiner Weise auch nur tolerieren können.

DOMRADIO.DE: Die Bedrohung durch den wachsenden Antisemitismus führt jetzt auch dazu, dass Juden darüber nachdenken, nach Israel auszuwandern. Wie schätzen Sie so etwas ein?

Knappstein: Das allerschlimmste für mich, ganz persönlich: Ich habe an dem Abend mit Tränen in den Augen zu Hause gesessen und das erste Mal seit den 1990er Jahren - seit Mölln, Solingen, Hoyerswerda - selber darüber nachgedacht, ob das das Land ist, wo ich auf Dauer leben möchte. Ich bin Kölner, ich bin hier geboren und aufgewachsen, ich gehöre hier hin. Das ist wahnsinnig erschreckend und ich kann verstehen, dass Menschen darüber nachdenken. Leider muss man im Moment sagen, dass man nirgendwo wirklich sicher ist als Jüdin oder Jude.

Das Interview führte Carsten Döpp.

(DR)

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