Feride Funda G.-Gençaslan, Vorsitzende Sufi-Zentrum Rabbaniyya
Feride Funda G.-Gençaslan, Vorsitzende Sufi-Zentrum Rabbaniyya

17.10.2021

"Festival der Religionen" will Brücken bauen "Religion ist meine Hoffnung"

Zum zweiten Mal feiern Religionsgemeinschaften das "Festival der Religionen". Feride Gençaslan, Vorsitzende eines Sufi-Zentrums findet: Religionen leisten einen großen gesellschaftlichen Beitrag, stiften Sinn und schenken Gemeinschaft.

DOMRADIO.DE: Wer sich heute als religiös bezeichnet, der wird oftmals schräg angeguckt, egal ob jüdisch, muslimisch oder christlich. Es ist in vielen Teilen unserer Gesellschaft kaum noch üblich, seinen Glauben auszuleben. Dabei kann Religion viele Brücken schaffen. Das will heute auch das Festival der Religionen in Köln im Bürgerhaus Stollwerck zeigen. Im Rahmen des Sommerblut-Kulturfestivals gibt es da heute viel Musik, Tanz und die Gelegenheit, andere Religionen und vor allem auch andere religiöse Menschen kennenzulernen. Feride Gençaslan, Sie sind Vorsitzende einer muslimischen Gemeinschaft, dem Sufi Zentrum, und leben den Islam nach den Regeln des Sufismus aus. Ist das so richtig?

Feride Funda G.-Gençaslan (Vorsitzende des Sufi-Zentrums Rabbaniyya): Ich würde eher sagen nach den Regeln des Islams. Aber in der Sufi, in der mystischen Art und Weise.

DOMRADIO.DE: Können Sie die mystische Art und Weise noch mal ein bisschen erklären. Was ist da das Besondere?

Gençaslan: Wir versuchen in unserem gesamten Alltag das Vorbild des Propheten Mohammed, Friede auf ihn, zu integrieren und nicht nur die Pflichtgebete und das Fasten zu praktizieren.

DOMRADIO.DE: Das Ganze ist also nicht so sehr streng nach Regeln sortiert, sondern Sie versuchen Mohammed in den Mittelpunkt zu rücken?

Gençaslan: Richtig, wir versuchen unsere Lebensweise danach zu richten: Wie hat er gegessen? Wie hat er gesprochen? Wie hat er geschlafen? Wie hat er Krankheiten kuriert? Das ist alles im Islam sehr akribisch festgehalten und wird auch bis heute weiter vermittelt. Und wir versuchen das in unseren Alltag mit aufzunehmen.

DOMRADIO.DE: Begegnet Ihnen das oft, dass Menschen mit der großen Vielfalt ihrer Religion nicht vertraut sind?

Gençaslan: Natürlich. So viele Atemzüge es gibt, so viele Wege gibt es zu Gott, heißt es. Genauso viele Atemzüge gibt es auch in den islamischen Communities.

DOMRADIO.DE: Was sind die meisten Vorurteile? Oder vielleicht auch die meisten Dinge, die ihnen bei anderen Menschen begegnen, die nicht täglich mit muslimischen Mitbürgern zu tun haben?

Gençaslan: Generell ist das größte Vorurteil natürlich, dass Kriege und Streitigkeiten durch religiöse Ansichten entstehen - was nicht der Fall ist, wenn wir die Mehrheitsgesellschaft oder die Mehrheit praktizierender Gläubigen anschauen. Das ist natürlich in vielerlei Orten, vor allem im Nahen Osten, ein großes Thema, weil Menschen terroristisch handeln, die einen religiösen Hintergrund vorgeben, aber wenn man sich mit der Religion selbst beschäftigt, gar keine Quelle dafür angeben.

DOMRADIO.DE: Der Islam in Deutschland ist ein Thema, das in den letzten Jahren viel diskutiert wurde. Hat Sie das eher genervt, dass das so in den Mittelpunkt gerückt wurde und dass der Islam dann eben nicht wie das Christentum, das Judentum oder eine andere Religion behandelt wurde, sondern dass es dann immer hieß, dass man es mal ausdiskutieren muss?

Gençaslan: Das ist eine große Herausforderung, vor allem, wenn man sich andere Länder anschaut wie Großbritannien, wo ein Kopftuch, eine religiöse Kopfbedeckung oder ein Symbol überhaupt nicht zur Debatte stehen und man im Alltag sehr selbstverständlich miteinander lebt und seine Religion zeigen kann. In Deutschland haben wir die Religionsfreiheit und ich persönlich lebe meine Religion auch sehr frei aus, trage aber ein Kopftuch und kann daher meinen Beruf nur in der Schweiz ausüben.

DOMRADIO.DE: Das heißt, hier in Deutschland ist es Ihnen gar nicht möglich?

Gençaslan: Richtig. Ich bin Deutschlehrerin und kann als Lehrerin in Deutschland so nicht arbeiten. In der Schweiz bin ich in einer Schule als Deutschlehrerin beschäftigt. Das ist zum Beispiel eine Herausforderung, bei der ich denke "Ich arbeite hier und mache gemeinnützige Arbeit für alle Menschen, nicht nur Muslime, vor allem mit meiner Gemeinschaft in Deutschland".

Ich engagiere mich in Deutschland. Wir geben Familienberatung, wir helfen Menschen, die geflüchtet sind oder flüchten mussten oder Menschen, die allein sind, alten Menschen in unserer Nachbarschaft. Dennoch können wir wegen unserer Religiosität, die wir auch beispielsweise mit dem Kopftuch zeigen, hier nicht alle Berufe ausüben, die wir gerne ausüben würden oder die wir studiert haben.

DOMRADIO.DE: Die katholische Kirche in Deutschland hat massiv mit Mitgliederschwund zu kämpfen. Menschen distanzieren sich vom christlichen Glauben. Juden werden bei uns im Land vermehrt angefeindet. Der Islam wid oft als das Fremde dargestellt. Wie nehmen Sie das insgesamt wahr, mit einer Distanz zum Religiösen?

Gençaslan: Die Distanz zum Religiösen hängt eigentlich auch mit der Distanz der Menschlichkeit zusammen. Wir sehen immer mehr, dass auch die sozialen Medien die Menschen vereinsamen. Die Religionen stehen eigentlich für Gemeinschaft und Gemeinsamkeit. Dass man in der Gemeinschaft generationsübergreifend etwas unternimmt, nicht nur betet, sondern auch gemeinsam picknicken geht oder Feste feiert.

Die heutige Lage sieht eher so aus, dass die Menschen vereinsamen. Vor allem bedingt durch die Pandemie, Homeoffice, Homeschooling, Lockdowns ist es so, dass die Menschen von allem zurückgezogen leben und auch dieses Gemeinschaftsgefühl fehlt. Wenn man dann sieht, dass Religionsgemeinschaften dennoch zusammen sind und etwas Freude, Spaß und Hoffnung haben, obwohl es draußen so trist und krank aussieht, dann entstehen auch Feindbilder. Das ist eine persönliche Erfahrung, die wir gemacht haben, dass wir während der Pandemie als Religionsgemeinschaft ein Sündenbock für die Frustration der Menschen wurden, weil wir weiterhin unsere Gemeinschaft gepflegt haben.

DOMRADIO.DE: Was bedeutet Religion für Sie ganz persönlich?

Gençaslan: Religion ist meine Hoffnung in dieser Welt. Religion, der Weg zu Gott, zu etwas Höherem, der allem einen Sinn und eine Weisheit gibt, gibt mir jeden Tag auch Hoffnung. In einer Welt voller Pandemie aufzuwachen und dennoch mit einem Lächeln meinen Tag zu begehen.

DOMRADIO.DE: Da sind wir wieder bei dem Punkt, wo man ganz oft feststellt, dass sich Ihr Glaube jetzt gar nicht so groß unterscheidet von dem der Menschen, die vielleicht jetzt gleich in die Messe im Kölner Dom gehen und Gott preisen und anbeten. Eigentlich haben alle Weltreligionen zumindest das Ziel, in Frieden zu leben, Gottes Schöpfung zu bewahren. Aber irgendwie macht dann doch jeder so sein eigenes Ding, oder?

Gençaslan: Im Koran heißt es so schön "Wir haben euch in Mann und Frau geteilt und in unterschiedliche Völker und Gruppen, damit ihr zusammenkommt, euch kennenlernt und in einem guten Austausch seid". Natürlich ist es das Ideal, so sollte es sein. Dieser Austausch findet leider nicht immer statt. Ob wir Gott, Allah, Jahwe oder Krishna sagen, das sind unterschiedliche Vorstellungen des Göttlichen oder des Schöpfungsprinzips, der Schöpfungskraft und -macht. An den Namen oder an der Sprache, an der Benennung und an den Ritualen sollte man sich nicht trennen.

Wir als Muslime glauben, dass wir alle Kinder Adams sind. Wir gehören zu der einen großen Familie und gehen zurück auf den einen großen Schöpfer. Er zeigt seine Einzigartigkeit in der Schöpfung aller individuell gestalteten Menschen und Geschöpfe.

DOMRADIO.DE: Welche Chance haben oder hätten denn religiöse Menschen, wenn sie sich zusammentun würden? Zum Beispiel, um sich auch diesem wachsenden Populismus in unserer Gesellschaft entgegenzustellen?

Gençaslan: Die Menschen brauchen Bilder. Kinder lernen mit Bilderbüchern die Sprache und die Wörter und ihren Wortschatz. So brauchen auch die Menschen schöne Bilder. Ncht nur schöne Bilder, sondern wahre Bilder. Denn wenn wir mit unterschiedlichen Religionsgemeinschaften zusammenkommen und gemeinsam Weihnachten zelebrieren, Iftar zelebrieren, dann sieht man ja, dass wir friedlich miteinander wunderbar umgehen. Auch wenn wir die Dinge anders benennen, meinen wir so ziemlich dasselbe.

Das muss eine größere Öffentlichkeit auch sehen können. Wir brauchen mehr Festivals, wir brauchen mehr Begegnung. Wir brauchen aber auch im politischen Rahmen mehr Präsenz und Sichtbarkeit, damit Menschen sehen, dass das Problem nicht an den praktizierenden religiösen Gemeinden liegt, sondern an etwas ganz anderem.

DOMRADIO.DE: Im Bürgerhaus Stollwerck findet heute das Festival der Religionen zum zweiten Mal in Köln statt. Festival heißt ja, es wird gefeiert, man begegnet sich. Was genau feiern Sie?

Gençaslan: Eigentlich feiert jede Gemeinschaft für sich, zeigt, wie er oder sie ihren Glauben praktiziert und zelebriert. Bei einem Festival steht das Fest im Vordergrund. Menschen feiern ähnlich, Menschen trauern ähnlich. Menschen freuen sich auf die ähnliche Art und Weise. Ein Lachen hört sich von einem Muslim genauso an, wie ein Lachen eines Christen oder eines Hindus oder Atheisten. Wenn wir feiern, dann haben wir schöne Gefühle und da reden wir auch wenig über den Hintergrund, warum wir feiern, sondern wir feiern.

DOMRADIO.DE: Worauf freuen Sie sich ganz besonders heute?

Gençaslan: Ich freue mich auf viele neue Gemeinden, die ich kennenlernen werde und auch viele alte Gesichter, mit denen ich alljährlich dieses Festival begehe.

Das Gespräch führte Jann-Jakob Loos.

(DR)

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