Absperrband der Polizei in Molenbeek
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2016: Leere Straßen und Cafes in Brüssel
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Militär und Polizei patrouillieren in Brüssel
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22.03.2018

Zwei Jahre nach den Terroranschlägen in Brüssel Was wurde aus Molenbeek?

Das Stigma der Terroranschläge von 2016 lastet schwer auf den Bewohnern der Brüsseler Gemeinde Sint-Jans-Molenbeek. Sechs Jugendliche setzten sich dafür ein, dass sich etwas ändert. Mit viel positiver Energie geht es voran.

Der Duft frischer Orangen des Marokkaners nebenan liegt in der Luft. Ein Mann mit Takke, der Kopfbedeckung für Muslime, überquert die Straße mit seinem zweijährigen Sohn an der Hand. Ein paar Meter weiter spielen ein paar Jungs Fußball. Alltag in den Straßen von Sint-Jans-Molenbeek.

Es dämmert bereits; doch Nadja, Bilal, Mohamed, Aymane, Chaimae und Zainab sitzen noch konzentriert beisammen. Am Samstag findet die Konferenz "We are Molenbeek" statt. Mit 100 Jugendlichen wollen sie diskutieren, was sie bewegt.

Seit den Brüsseler Terroranschlägen am 22. März 2016 ist Sint-Jans-Molenbeek in ganz Europa bekannt. Der Stadtteil, in dem sich der Drahtzieher der Anschläge von Paris im November 2015 Salah Abdeslam aufwuchs. In den Medien wurde Molenbeek zum Synonym für Terrornetzwerke, Dschihadisten und Radikalisierung.

Stigmatisierung von Molenbeek

"Die Stigmatisierung von Molenbeek ist schädlich für alle, die dort leben", sagt Terrorismusexperte Rik Coolsaet. "Wie oft sollen sich Muslime aus Molenbeek für das entschuldigen, was Abdeslam gemacht hat?". Zusammen mit dem European Institute für Peace interviewte er 604 Bewohner des Viertels. "Alle waren traurig oder wütend; nur eine einzige Person äußerte sich positiv dazu", so Coolsaet.

Politiker nähmen nicht wahr, was ihre Kommentare für den sozialen Zusammenhalt in Belgien bedeuten. "Wie viele Politiker feiern tatsächlich das muslimische Fastenbrechen, diskutieren mit muslimischen Organisationen oder können sich vorstellen, wie das Leben in Molenbeek ist?", fragt der Experte. Seiner Meinung nach fehlt der politischen Klasse schlicht Empathie.

"Wenn wir uns für Ausbildungsplätze bewerben, werden unsere Lebensläufe oft aussortiert, schon wegen der Postleitzahl", erzählt der 18-jährige Mohamed Amine Boundati. Er und seine Mitstreiter im Jugendrat von Molenbeek kritisieren, dass nur wenige Menschen selbst nach Molenbeek kommen, um sich ein Bild der Lage zu machen.

Neben ihm sitzt Bilal Klawi. Der 19-Jährige ist stolz auf Molenbeek. "Unsere Familie ist in einen anderen Stadtteil gezogen, aber ich mag das Viertel und komme immer wieder zurück." Wie Bilal sind auch die anderen Einwandererkinder. Doch es gibt etwas, das sie verbindet: Sie sind in Molenbeek aufgewachsen und schätzen ihr Viertel.

Aufbau einer solidarische Zivilgesellschaft

Coolsaet erklärt, dass sich in Molenbeek allmählich eine solidarische Zivilgesellschaft aufbaue. Das Fehlen solcher Gemeinschaft sei der Grund gewesen, dass hier kriminelle Netzwerke entstehen konnten, die sich in dschihadistische verwandelten. Generell seien aber Moscheen nicht mehr die "Hotspots" für Radikalisierung, so der Terrorismusexperte - weil diese nun von Behörden und lokalen Gemeinschaften kontrolliert würden. Radikalisierte Jugendliche hielten sich am Rand der Gesellschaft auf, etwa in Sportvereinen oder Teehäusern.

"Die Wurzeln der Radikalisierung liegen nicht in einer Ideologie oder Religion, sondern im Gefühl, Bürger zweiter Klasse zu sein", sagt Coolsaet. Die jungen Menschen hätten den Eindruck, nicht die gleichen Möglichkeiten zu haben und als Minderheit stigmatisiert zu werden.

"Im Moment gibt es eine gute Gelegenheit, die Wurzeln des IS zu bekämpfen, denn die Faszination dafür nimmt ab, genauso wie die terroristische Bedrohung", meint der Experte. Immer mehr setze man nun auf "maßgeschneiderte" Prävention, kombiniert mit Polizei und Geheimdiensten. Die größte Herausforderung sei, diesen Ansatz auf Dauer zu finanzieren. Coolsaet befürchtet jedoch eine "Müdigkeit" der Politik. "Wenn wir jetzt nicht daran arbeiten, wird es in fünf Jahren eine neue dschihadistische Bewegung geben."

Viel positive Energie

Nadja, Bilal, Mohamed, Aymane, Chaimae und Zainab engagieren sich in Jugend- und Sportvereinen oder ihrer Schule. In den Jugendrat wurden sie gewählt; zu der Wahl waren alle Jugendlichen aus Molenbeek aufgerufen. "Als Reaktion auf die Stigmatisierung findet man hier viel positive Energie", meint Coolsaet.

Er meint damit auch die vielen Initiativen der Zivilgesellschaft, die sich in den vergangenen Jahren entwickelt haben. Mohamed Amine Boundati und Aymane Lassouli (18) machen bei "MOLEM ZAP" mit. Sie produzieren Videos über das Leben hier und veröffentlichen sie auf YouTube: "100 Prozent aus Molenbeek".

Franziska Broich
(KNA)

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