Heiligtum der Bahai in Haifa, Israel
Heiligtum der Bahai in Haifa, Israel

03.08.2019

Beim Sommercamp der Bahai-Religion Minderheit mit einem Draht zu den Weltreligionen

​Nur 6.000 Bahai leben in Deutschland. Da müssen sie ihren Glauben an Gott und die mystische Einheit der Religionen oft erklären. In einem Sommercamp treffen sich junge Menschen zu Gesprächen über Glaube, Moral und Ethik.

"Wenn Du hart bist, bekommst du Respekt." Die Jugendlichen ziehen die Stirn kraus. Sie sitzen um einen Tisch, Wassergläser und aufgeschlagene Bücher vor sich. Der Satz steht in den Lehrmaterialien. Und nun grübeln sie, ob sie ihm zustimmen.

Hätten die Menschen nicht eher Angst als Respekt vor jemandem, der hart ist? Sie diskutieren, die Meinungen gehen auseinander.

Die Heranwachsenden sind Teil einer Gruppe von rund 60 Kindern und Jugendlichen zwischen 11 und 17 Jahren, die in dieser Woche in Gummersbach zum neunten Sommercamp der Bahai zusammengefunden haben.

Jesus Christus, Mohammed und Baha'ullah

Die Herberge sieht nach Jugendfreizeit aus: Liederplakate, ein Banner mit dem Schriftzug "Jugend kann die Welt bewegen" an den Wänden, eine Kerze im Stuhlkreis auf dem Boden. Nicht alle gehören der Bahai-Religion an, so sind etwa auch Christen und Muslime dabei.

Gesprochen wird über Ethik - Missionierung ist nicht das Ziel.

Immerhin will das vor 150 Jahren entstandene monotheistische Bahaitum für Toleranz und Völkerverständigung eintreten. Die Bahai glauben an Gott und die mystische Einheit der Weltreligionen. So manifestiere Gott sich immer wieder auf Erden. Adam, Krishna, Siddhartha Gautama, Jesus Christus, Mohammed oder der Religionsstifter der Bahai, Baha'ullah, gelten als seine Manifestationen. Entsprechend werden in den Andachten der Bahai auch Texte aller Weltreligionen vorgetragen.

Als reine Mischung verschiedener Religionen will Camp-Gründer Ralf Maurer das Bahaitum aber nicht verstanden wissen. Vielmehr komme alles aus der gleichen Quelle, so der 47-Jährige, der als Erwachsener zum Bahaitum konvertierte. Zuvor war er Katholik. Doch damals habe er den Glauben nicht logisch begreifen können. Zu den Bahai-Lehren habe er dagegen einen Zugang gefunden, berichtet er.

Heute trägt er einen schmalen silbernen Ring. Darauf durchkreuzt eine vertikale Linie drei horizontale: Das symbolisiere die durch Offenbarung miteinander verbundenen Ebenen Gottes, der Religionsstifter und der Menschen.

Aus dem Camp nach Köln-Finkenberg

In Deutschland leben rund 6.000 Bahai. Einer von ihnen ist der 19-Jährige Jonathan Reinartz. Er wurde in eine Bahai-Familie geboren.

Als Tutor im Camp spricht er mit den Jugendlichen über seinen Glauben, aber auch über Moral und Ethik. Darin hat er Übung. Denn als Mitglied einer kleinen religiösen Gemeinschaft ist Reinartz es gewohnt, dass Menschen ihm Fragen zu seinem Glauben stellen. Er spricht gerne darüber. "Das Rezept von einem wirklich guten Schokokuchen würde ich ja auch teilen", meint er.

Regelmäßig treffen sich die Jugendlichen zu den einwöchigen Veranstaltungen in ihren Schulferien. Wenn er sehe, mit wie viel Motivation und Dynamik die Kinder sich bei diesem freiwilligen Angebot gegenseitig unterstützten, gehe ihm "immer das Herz auf", so Maurer.

Reinartz hat in den vergangenen Monaten einen freiwilligen Dienst an den heiligen Stätten der Bahai in Israel geleistet. Eigentlich ist das Bahaitum im Iran entstanden, dort sind die Anhänger aber oft Repressalien ausgesetzt. Bereits Baha'ullah wurde nach Akkon im heutigen Israel verbannt, wo er 1892 starb.

Ein Jahr verbrachte Reinartz in Israel im Sicherheitsdienst. Und während er darauf achtete, dass bei den Besuchen der Pilger alles seinen geordneten Gang ging, veränderte sich auch sein Blick auf die Welt. Bahai zu sein, ist Teil seiner Identität, auch im Alltag orientiert er sich daran, was in den religiösen Schriften steht - etwa nicht schlecht über andere Menschen zu sprechen. Als "richtigen Ansporn" habe er seinen Aufenthalt empfunden, so der enthusiastische junge Mann.

Nach dem Camp zieht er mit anderen Bahai für etwa ein Jahr nach Köln-Finkenberg, einem Stadtteil mit vielen sozial schwachen Familien. Dort will er den Menschen mehr Selbstbewusstsein und das Gefühl vermitteln, dass sie etwas verändern und bewirken können.

So wie den Kindern im Camp. Die kommen in ihrer Diskussion zu dem Schluss, dass Respekt etwas anderes bedeutet, als Angst vor jemandem zu haben.

Nadine Vogelsberg
(KNA)

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