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Angela Merkel: "Wir schaffen das"
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Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU)
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16.09.2020

1.500 Flüchtlinge sollen in Deutschland aufgenommen werden "Das ist kein griechisches Problem"

In der Debatte darum, wie viele Menschen Deutschland aus dem abgebrannten Flüchtlingslager Moria aufnehmen werden, haben Bundeskanzlerin Merkel und Innenminister Seehofer sich auf 1.553 ausgewählte Flüchtlinge geeinigt. Ist das genug?

DOMRADIO.DE: 1.553 Flüchtlinge sollen also aufgenommen werden - 408 Familien mit Kindern, die in Griechenland als schutzbedürftig anerkannt wurden. Hat Deutschland damit seine Schuld beglichen?

Pfarrer Matthias Leineweber (Geistlicher Begleiter der Gemeinschaft Sant'Egidio): Ich denke, das ist ein wichtiger Anfang und auch ein wichtiges Zeichen der Humanität in dieser Katastrophe, das Deutschland hier setzt. Wir müssen einfach in dieser Notlage handeln.

Die Menschen leben auf der Straße. Sie haben wirklich alles verloren, wissen nicht, was sie machen sollen. Sie haben nichts zu essen, keine sanitären Einrichtungen. Da denke ich, dass ein wichtiger erster Schritt gesetzt wird, indem man sagt: Jetzt geben wir euch eine Perspektive. Ich glaube, das ist sehr wichtig, aber das darf eben nur ein erster Schritt sein.

Wir dürfen uns damit nicht zufrieden geben, weil das das Problem damit natürlich nicht endgültig löst. Dieser Schritt ist für einige minderjährige und besonders vulnerable Personen wirklich wichtig und hilft in der Not. Aber es muss der Anfang einer umfassenden Lösung sein. Da müssen die Parteien zusammenarbeiten, sowohl auf deutscher Ebene als auch die Länder auf europäischer Ebene. Nur so können wir eine dauerhafte Lösung für dieses Drama finden.

DOMRADIO.DE: Auf europäischer Ebene wurde auch immer wieder ein gesamteuropäisches Konzept gefordert: eine Lösung, die ganz Europa einschließt. Aber anscheinend geht es jetzt doch für die Bundesregierung im Alleingang, oder?

Leineweber: Ich denke, die deutsche Regierung hat da eine Verantwortung. Sie kann sagen, dass wir in den letzten Jahren positive Erfahrungen gemacht haben. Ich denke, dass das weit die Probleme überwiegt, die es natürlich immer gibt, wo Menschen zusammenkommen.

Aber die Integrationserfahrung und viel bürgerschaftliches Engagement - ich erinnere an die 170 deutschen Kommunen, die bereit sind, Flüchtlinge aufzunehmen - zeigen eine wirklich große Betroffenheit, die ich sehr positiv finde und die auch eine humane Regung ist. Das können wir nutzen. Da können wir auch vorangehen und wirklich ein bisschen Vorbild sein.

DOMRADIO.DE: Im August waren 150 Ehrenamtliche Ihrer Gemeinschaft Sant'Egidio aus verschiedenen europäischen Ländern abwechselnd bei den etwa 12.000 Geflüchteten auf Lesbos. Was haben die berichtet?

Leineweber: Viele waren schockiert. Es waren hauptsächlich Jugendliche, die dort im ehrenamtlichen Sommereinsatz tätig waren. Die haben Kinder betreut. Die Frauen haben Essen ausgeteilt. Sie haben gesagt, dass sie so etwas, wie die Zustände in diesem informellen Lager noch nie gesehen haben - also außerhalb des eigentlichen Camps, das ja eigentlich nur für 3.000 Personen vorgesehen war.

Es war sozusagen eine Katastrophe mit Ansage. Es hatte immer wieder kleine Brände gegeben. Dass niemand ums Leben gekommen ist und, dass nichts Schlimmeres passiert ist, grenzt an ein Wunder. Daher waren die Betroffenheit und die Bereitschaft sehr groß, tätig zu werden, für diese Flüchtlinge aktiv zu sein und für eine Lösung zu werben, die diese Zustände verändert.  

DOMRADIO.DE: Es wurde ja auch diskutiert, ob eine Aufnahme wirklich der richtige Weg ist. Einer der Kandidaten für den CDU-Vorsitz, Friedrich Merz, meinte, Deutschland solle Griechenland eher mit allen Mitteln helfen, die Geflüchteten dort menschenwürdig unterzubringen. Was kann man dem entgegnen?

Leineweber: Ich glaube, alle Ideen sind richtig und gut. Man muss mehrgleisig fahren. Auf keinen Fall kann Griechenland das Problem alleine schultern. Das haben wir in den letzten Jahren erlebt. Es ist immer schwierig geworden, wenn Griechenland allein gelassen wurde.

Wir müssen auch daran denken: Das ist das Land, das am meisten unter der Finanzkrise zu leiden hatte und noch immer die Folgen zu tragen hat. Deswegen braucht das Land natürlich auch Hilfe und Unterstützung vor Ort, weil viele Flüchtlinge dort ankommen.

Es ist auch eine Forderung von Sant'Egidio, das Land zu unterstützen und eine Erstaufnahme zu garantieren, die die Menschenwürde respektiert. Aber die Flüchtlinge wollen ja nicht nach Griechenland. Viele wollen in andere europäische Länder, viele auch nach Deutschland.

Daher ist ganz Europa gefragt. Das ist kein griechisches Problem. Das kann man auch nicht alleine auf griechischer Ebene absichern, so gut die Unterstützung nötig ist und wichtig ist, sondern das ist auf alle Fälle ein europäisches Problem und das können wir nur auf europäischer Ebene lösen. Da müssen wir auch weiter an dieser gemeinsamen Lösung arbeiten.

Das Interview führte Katharina Geiger.

(DR)

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