Heinrich Bedford-Strohm (2.v.l.) spricht bei der Schiffstaufe des Rettungsschiffs "Sea-Watch 4"
Heinrich Bedford-Strohm (2.v.l.) spricht bei der Schiffstaufe des Rettungsschiffs "Sea-Watch 4"
Liegen auf der Krankenstation des Rettungsschiffs für Flüchtlinge "Sea-Watch 4"
Liegen auf der Krankenstation des Rettungsschiffs für Flüchtlinge "Sea-Watch 4"

20.02.2020

Freudentränen bei der Taufe der "Sea-Watch 4" Rettungsschiff mit kirchlichem Segen

Feierstimmung bei der Taufe des neuen Rettungsschiffs für Flüchtlinge, das von der evangelischen Kirche maßgeblich initiiert wurde. Im Mittelmeer wartet auf die "Sea-Watch 4" viel menschliches Leid.

Freudentränen bei den Seenotrettern der Organisation Sea-Watch. "Aus einer Idee ist ein Schiff geworden", raunt jemand. Zweieinhalb Monate nach dem ersten Spendenaufruf wird ein von der evangelischen Kirche initiiertes Rettungsschiff für Flüchtlinge offiziell in Dienst genommen.

Die Vizepräsidentin des schleswig-holsteinischen Landtags, Aminata Toure (Grüne), tauft es am Donnerstag in Kiel auf den Namen "Sea-Watch 4". Traditionsgemäß lässt sie eine Flasche Schaumwein am Rumpf zerschellen. Mit einer christlichen Taufe habe das nichts zu tun, sei aber in der Seefahrt guter Brauch, stellt der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Heinrich Bedford-Strohm, sicherheitshalber klar. Seinen Segen spendet er dem Schiff trotzdem.

Impuls des Evangelischen Kirchentags im Juni 2019

Auch der Landesbischof ist an diesem Tag sichtlich in guter Stimmung. Er hatte in der Vergangenheit immer wieder gefordert, das "Sterben im Mittelmeer" zu beenden. Den Impuls des Evangelischen Kirchentags im Juni 2019, ein weiteres Rettungsschiff zu entsenden, machte er zu seinem persönlichen Projekt. Anfang Dezember initiierte er das Aktionsbündnis "United4Rescue", das inzwischen von fast 400 Organisationen und Initiativen unterstützt wird. Ende Januar erwarb es gemeinsam mit Sea-Watch für rund 1,5 Millionen Euro das frühere Forschungsschiff "Poseidon" vom Land Schleswig-Holstein. Sea-Watch wird das Schiff künftig betreiben.

"Das Schiff muss unterwegs sein, weil die Staaten Europas es nicht intendieren und schaffen, Menschen im Mittelmeer zu retten", betont Bedford-Strohm unter dem Applaus der geladenen Gäste im Kieler Nieselregen. Es sei damit auch ein politisches Zeichen.

Schiff kann bis zu 300 Menschen aufnehmen

Aus dem Inneren des rund 60 Meter langen Schiffes ertönt unterdessen das kreischende Geräusch einer Säge. Mitarbeiter von Sea-Watch haben bereits damit begonnen, das knapp 45 Jahre alte Wasserfahrzeug für seinen ersten Mittelmeer-Einsatz vorzubereiten.

Das Schiff solle zusätzlich zur bereits im Einsatz befindlichen "Sea-Watch 3" auf Mission gehen, sagt Sea-Watch-Vorsitzender Johannes Bayer. "Wir sind unglaublich froh, dass wir mit diesem Schiff die Abdeckung im Mittelmeer verbessern können." Es werde nördlich von Libyen patrouillieren und könne bis zu 300 Menschen aufnehmen.

Sollte es soweit kommen, dürfte es eng werden an Bord. Schmale Gänge und kleine Kabinen bieten der 26-köpfigen Crew bereits ohne "Gäste" an Bord wenig Platz. Die Räume an Deck versprühen den Charme der 70er-Jahre. Eine Küche, in der problemlos für über 100 Passagiere Essen zubereitet werden kann, ist noch vorhanden. Ein Raum, an dessen Tür noch ein Schild mit der Aufschrift "Chemie-Labor" prangt, wird als "sicherer Ort" für Frauen und Kinder hergerichtet. Hier sollen einmal 24 Betten aufgestellt werden.

"Lovestorm" statt Shitstorm

Nebenan wird ein Krankenzimmer mit zwei Behandlungsplätzen aufgebaut. "Wir können hier eine gute Basis-Versorgung sicherstellen, aber erreichen natürlich nicht den Standard eines normalen Krankenhauses", sagt Mediziner Jan Schill, der schon an drei Sea-Watch-Rettungsmissionen beteiligt war.

Die Crew könne weiter auf die Unterstützung engagierter Christen zählen, versichert Bedford-Strohm. Er sei beeindruckt von dem positiven Echo, auf das die Idee der Entsendung eines weiteren Schiffs gestoßen sei. Er habe mit einem Shitstorm gerechnet, stattdessen habe es einen "Lovestorm" gegeben, sagt der Ratsvorsitzende. Auf die Morddrohungen, die er wegen seines Einsatzes für die Seenotrettung erhalten hat, geht er nicht ein. Mit den Kritikern der Initiative sei er im Gespräch.

Die "Sea-Watch 4" soll in wenigen Tagen nach Spanien aufbrechen, wo in einer Werft der eigentliche Umbau erfolgen soll. Johannes Bayer rechnet mit Kosten von insgesamt rund 500.000 Euro. Anfang April könne dann voraussichtlich die erste Rettungsmission starten. Die dürfte - wie auch schon die vergangenen Einsätze - alles andere als einfach werden. Die Feierstimmung von Kiel wird angesichts des menschlichen Leids im Mittelmeer schnell verflogen sein.

Michael Althaus
(KNA)

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