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Hannovers Regionalbischöfin Petra Bahr
Hannovers Regionalbischöfin Petra Bahr

03.02.2021

Kritik an evangelischer Debatte über Suizidbeihilfe Differenzierte Diskussion gefordert

Im Streit um die Sterbehilfe kritisieren die Regionalbischöfin der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers, Petra Bahr, und der Göttinger Staats- und Kirchenrechtler Hans Michael Heinig die Debatte in der evangelischen Kirche.

Der Streit um die Frage, ob Suizidbeihilfe auch in kirchlichen Einrichtungen möglich werden solle, sei schnell zu einem Streit um Bekenntnisse geworden: "Team Lebensschutz" gegen "Team Selbstbestimmung". Auch wechselseitige polemische Vorwürfe wie "Häresie!" oder "Klerikale Bevormundung!" seien schnell erhoben worden, sagten Bahr und Heinig im Interview der "Zeit"-Beilage "Christ und Welt" (Donnerstag).

Das Ehepaar sprach sich stattdessen "für eine gründliche innerkirchliche Debatte" aus, die über die theologische Perspektive im engen Sinne hinausgehe und etwa Mediziner, Einrichtungsleitungen, Juristen, Pflegekräfte und Psychologinnen, Fachvertreter aus der Gerontopsychiatrie und Traumaforschung einbeziehe.

Eine "evangelische Kommission kluger Köpfe aus vielen Disziplinen und Berufsfeldern" müsse zunächst das jüngste Urteil des Bundesverfassungsgerichts gründlich analysieren, rechtsethisch bewerten und verbleibende politische Handlungsspielräume aufzeigen.

Zentrale Fragen seien etwa, wie der Begriff der Autonomie "lebenspraktisch durchbuchstabiert" werden könne, mit welchen Verfahren sich verhindern lasse, dass sozialer Druck den Sterbewunsch prägt und wie sich vermeiden lasse, dass der Suizid eine Standardmaßnahme im Gesundheitssystem wird.

Bedacht werden müsse auch die Rolle von Ärzten und von Sterbehilfevereinen. "Erst wenn solche Voraussetzungen geklärt sind, kann man ernsthaft den kirchlichen Blick nach innen richten und fragen, welcher Raum für professionell assistierten Suizid in den vielfältigen diakonischen Einrichtungen besteht."

Wissen der Suizidforschung einbeziehen

Bahr und Heinig forderten auch, das Wissen der Suizidforschung stärker einzubeziehen. Zwischen dem Todeswunsch einer Wohnungslosen, eines schwer Erkrankten oder dem Wunsch des hochbetagten Paars, gemeinsam aus dem Leben zu scheiden, gebe es große Unterschiede.

"Ohne Betrachtung der facettenreichen Phänomene der Sterbewünsche und Selbsttötungen muss das juristische wie das theologische Räsonieren über Suizid und Selbstbestimmung ein bloßes Glasperlenspiel bleiben."

Fest steht für die beiden Autoren, dass Christen sich nicht neutral zur Frage verhalten können, ob Menschen sich töten wollen. "Hilfe zu Lebensperspektiven muss immer im Vordergrund stehen, auch wenn das Hilfsangebot am Ende ausgeschlagen wird." Zugleich dürfe man nicht unterschlagen, dass bei der Suiziddebatte nicht nur das Einzelschicksal, sondern auch Gesellschaftsbilder und mögliche Folgen für andere im Blick bleiben müssten.

"Wenn etwa nicht Krankheit, sondern Einsamkeit und Selbstwirksamkeitsverlust bei Hochbetagten zu Lebensüberdruss führt, liegt die Hilfe gegen diesen Schmerz gerade nicht im gut begleiteten Angebot zum Sterben, nicht mal in einem guten Palliativangebot, sondern in der Möglichkeit, auch im Alter beziehungsreich zu leben."

(epd)

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