Papst Franziskus betet für die Opfer des Missbrauchs
Papst Franziskus betet für die Opfer des Missbrauchs

18.02.2019

Eine Chronologie der Missbrauchskrise Zwischen "schweren Fehlern" und "schwerwiegenden Fällen"

Der ​Papst hat zu einem Gipfel von nationalen Bischofskonferenzen und Ordensoberen zum Thema Missbrauch einberufen. Eine Chronologie der wichtigsten Ereignisse zeigt die Aufarbeitung des Vatikans mit dem Thema.

1983: Das bis heute gültige Kirchenrecht, der Codex Iuris Canonici (CIC) von 1983, übernimmt aus der Vorgängersammlung von 1917 die Umschreibung sexuellen Fehlverhaltens als Verstoß gegen das 6. Gebot ("du sollst nicht ehebrechen"). Kanon 1.395 § 2 des Kirchenrechts bezieht sich ausschließlich auf Priester und Ordensangehörige und schreibt "gerechte Strafen" bis zur Entlassung aus dem Klerikerstand vor.

1994: Die irische Regierung Reynolds stürzt über den Fall eines pädophilen Priesters, der nicht ausreichend strafverfolgt wurde.

1999: Irlands Regierung entschuldigt sich offiziell bei allen Opfern von Kindesmisshandlungen und sexuellem Missbrauch und stellt fünf Millionen Euro zur Verfügung. Die Fälle in kirchlichen und staatlichen Heimen reichen bis in die 1940er Jahre zurück.

März 2001: Berichte über sexuellen Missbrauch von Ordensfrauen durch Priester, vor allem in Afrika, sorgen für Aufsehen.

April 2001: Ein Papsterlass (Sacramentorum sanctitatis tutela) legt fest, dass Sexualdelikte von Priestern fortan in die Zuständigkeit der Glaubenskongregation fallen. Das Schreiben ordnet sexuellen Missbrauch den "sehr schwerwiegenden" Vergehen, (delicta graviora) zu. Für einschlägige Fälle sind die härtesten kirchenrechtlichen Disziplinarstrafen vorgesehen. Zudem führt es eine Verjährungsfrist von zehn Jahren ein.

Mai 2001: Der Präfekt der Glaubenskongregation, Kardinal Joseph Ratzinger, erläutert im Schreiben "De delictis gravioribus" die neue Rechtslage; es wird ausschließlich auf Lateinisch publiziert. Nach Inkrafttreten werden weltweit etwa 3.000 Beschuldigungen wegen sexueller Übertretungen von Welt- und Ordenspriestern aus den vergangenen 50 Jahren gemeldet.

2002: Nach Bekanntwerden zahlreicher Missbrauchsfälle in Boston und anderen Diözesen verabschiedet die US-Bischofskonferenz strenge neue Richtlinien. Diese "Null-Toleranz-Politik" beinhaltet unter anderem eine Verlängerung der Verjährungsfrist und automatische Laisierung. Die neuen Richtlinien werden Partikularrecht für die US-Kirche und gelten komplementär zum CIC. Dagegen sind die Leitlinien der Deutschen Bischofskonferenz von 2002 rechtlich unverbindliche Empfehlungen. Der Bostoner Kardinal Bernard Law tritt wegen mutmaßlicher Verschleierung zurück und erhält einen Posten in Rom.

Die geistlichen Orden in Irland wollen Missbrauchsopfer mit 128 Millionen Euro entschädigen.

2008: In den USA trifft Benedikt XVI. erstmals mit Missbrauchsopfern zusammen. Der Papst betet mit ihnen und hört ihnen zu. In Australien gibt es eine weitere Begegnung mit Opfern.

2009: In der Gemeinschaft "Legionäre Christi" wird ein System von Lügen und Missbrauch offenbar, das der 2008 gestorbene Gründer Marcial Maciel Degollado aufgebaut hatte. Nach Bekanntwerden von Sexualstraftaten Maciels ordnet Benedikt XVI. eine umfassende Inspektion an und tauscht die gesamte Ordensleitung aus. Die Gemeinschaft erarbeitet neue Statuten.

2010: Der damalige Leiter des Canisius-Kollegs der Jesuiten in Berlin, Pater Klaus Mertes, bringt die Aufdeckung des Missbrauchsskandals in der deutschen Kirche ins Rollen. Der Trierer Bischof Stephan Ackermann wird Sonderbeauftragter für Missbrauchsfälle. Eine Opfer-Hotline wird eingerichtet. Im Juli wird vom Vatikan die Verjährungsfrist auf 20 Jahre erhöht. Zudem werden die bisherigen Bestimmungen zu Kinderpornografie präzisiert. Für die Behandlung von Missbrauchsfällen werden beschleunigte Verfahren vorgesehen.

2011: Auch in Deutschland trifft Benedikt XVI. mit Missbrauchsopfern zusammen.

Januar 2018: Der Papstbesuch in Chile wird vom dortigen Missbrauchsskandal überschattet. Franziskus stellt sich dort zunächst mit harschen Worten vor einen beschuldigten Bischof, wird aber von den Realitäten eingeholt. In einem Brief an die Bischöfe Chiles räumt er "schwere Fehler" bei der Bewertung der Lage ein und schickt einen Sondergesandten. Für Mai ruft er alle chilenischen Bischöfe zu einem Krisentreffen in den Vatikan und macht ihnen seinerseits schwere Vorwürfe. Fast alle bieten ihren Amtsverzicht an; der Papst hat inzwischen acht davon angenommen.

Juni 2018: Als bislang höchstrangiger Würdenträger der katholischen Kirche wird in Australien Erzbischof Philip Wilson von Adelaide wegen Vertuschung von Missbrauchsfällen von einem weltlichen Gericht zu einer Haftstrafe verurteilt. Auf öffentlichen Druck tritt er zurück. Fünf seiner zwölf Monate Haft darf er in Hausarrest verbringen.

Sommer 2018: Der US-Missbrauchsskandal nimmt neu Fahrt auf. Dem früheren Washingtoner Kardinal Theodore McCarrick (88) wird Sex mit Schutzbefohlenen und Missbrauch von zwei Minderjährigen vorgeworfen. Er tritt aus dem Kardinalskollegium zurück - ein seit 90 Jahren einmaliger Vorgang.

Im Bundesstaat Pennsylvania beschuldigt eine staatliche Jury rund 300 zumeist verstorbene Priester, in den vergangenen 70 Jahren mindestens 1.000 Kinder und Jugendliche missbraucht zu haben. In den untersuchten Diözesen des Bundesstaates habe eine "Kultur des Vertuschens" durch Kirchenobere geherrscht. Auch der Washingtoner Kardinal Donald Wuerl (78) gerät ins Visier. Der frühere Nuntius in den USA, Erzbischof Carlo Maria Vigano, wirft dem Papst vor, Männer wie McCarrick geschont zu haben und aus einer zeitgeistig-liberalen Haltung den Sittenverfall in der Kirche zu schüren.

August 2018: In Melbourne beginnt das Hauptverfahren gegen den australischen Kurienkardinal George Pell (77) um zwei Fälle sexueller Übergriffe. Medien ist aufgrund der australischen Rechtslage die Berichterstattung verboten. Papst Franziskus schreibt einen vier Seiten langen Brief zum Missbrauchsskandal an die Bischöfe der Weltkirche.

September 2018: Papst Franziskus beruft für Ende Februar einen Gipfel der nationalen Bischofskonferenzenen weltweit sowie mit Ordensoberen zum Thema Missbrauch ein.

November 2018: Die US-Bischöfe wollen bei ihrer Herbstvollversammlung zwei Aktionspläne verabschieden - doch der Vatikan bremst das nationale Vorgehen mit Blick auf den internationalen Gipfel im Februar aus.

Februar 2019: Ex-Kardinal McCarrick wird aus dem Klerikerstand entlassen.

(KNA)

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