Kann sich die Kirche in der Missbrauchsaufarbeitung befreien?
Kann sich die Kirche in der Missbrauchsaufarbeitung befreien?
Nachdenklich: Papst Franziskus
Nachdenklich: Papst Franziskus

22.08.2018

Was ein Theologe und Missbrauchsopfer der Kirche bei der Aufarbeitung rät "Nur die Wahrheit wird die Kirche freimachen"

Papst Franziskus ist mit einem Brief an alle Gläubigen weltweit zum Thema Missbrauch in der katholischen Kirche in die Offensive gegangen. Wie geht ein Theologieprofessor und selbst Missbrauchsopfer mit diesen Papstworten um?

DOMRADIO.DE: Sind solche Worte, wie wir sie von Papst Franziskus jetzt lesen, für Sie eine persönliche Genugtuung?

Prof. Wolfgang Treitler (Theologieprofessor in Wien): Für mich sind sie nicht unbedingt eine persönliche Genugtuung. Für mich sind sie ein Zeichen, dass man nun auch an der Spitze der Kirche dieses Thema wirklich offensiv angeht. Das bedeutet für mich nicht nur, das irgendwie zu thematisieren, was unvermeidlicherweise jetzt ausbricht, sondern wirklich auch die Strukturen zu befragen, die das befördern. Das ist für mich schon ein ganz wichtiger Schritt, der weit über das persönliche Schicksal hinausgeht.

DOMRADIO.DE: Sie haben selber Missbrauch als Schüler in einer katholischen Schule erleben müssen. Können Sie erzählen wie das damals war? Gab es damals jemanden, der Ihnen zugehört hat oder hat Franziskus Recht wenn er sagt, es gäbe einfach ein falsches Verständnis von Autorität in der Kirche?

Treitler: Wir waren damals in einem katholischen Internat drei, vier Buben, die einem Hilfserzieher ausgeliefert waren. Er war allerdings kein Mönch, sondern innerhalb dieses Schul- und Erziehungssystems tätig. Uns hat man damals nicht zugehört. Man hat uns auch nicht geglaubt. Vielleicht auch deswegen, weil man sich das nicht vorstellen konnte oder wollte.

Aber wir haben sehr deutlich erlebt, dass wir bei diesem Strukturgefälle wirklich an der untersten Stelle waren. Und was immer wir in dieser Richtung thematisiert hatten, wurde schlichtweg ignoriert. Das hat uns auch in eine Situation gebracht, in der wir wirklich verlassen waren und uns auch verlassen fühlten. Ich habe bis heute noch mit einigen damaligen Mitschüler Kontakt. Das kommt bei uns immer wieder hoch. Man war wirklich völlig allein gelassen.

DOMRADIO.DE: Um dieses Strukturgefälle, von dem Sie da sprechen, zu durchbrechen, könnte der Papst heute zum Beispiel sagen, dass alle Akten zu den Fällen von sexueller Gewalt gegen Kinder und Jugendliche in der ganzen Welt freigegeben werden. Die Akten kann er öffnen lassen. Das tut er aber nicht. Warum?

Treitler: Ich weiß nicht, warum er das nicht tut. Ich könnte mir gut vorstellen, dass das eine mittlere Katastrophe für die gesamte Kirche wäre, weil die Kirche auch sehr stark in den Bildungs- und Erziehungssystemen vertreten war – vor allem durch die Internate. Ich könnte mir vorstellen, dass es Kräfte gibt, die das wirklich unbedingt verhindern wollen.

Man kennt das auch von anderen Fragen, wo der Papst offensiv agiert und dann eine Reihe von Würdenträgern Wortmeldungen abgibt, wo man den Eindruck hat, die wollen das einfach nicht. Im Grunde wäre das schon richtig.

Wir haben, als das Thema damals in Österreich virulent vor uns stand, den Wiener Erzbischof Schönborn gehabt, der wirklich einen guten Satz gesprochen hat: "Die Wahrheit wird uns alle freimachen". Das ist etwas, das ich mir bis heute merke. Das ist etwa zehn bis zwölf Jahre her.

Das ist auch etwas, das zum Programm der Kirche in dieser Frage gehört. Nur die Wahrheit wird sie frei machen. Alles andere stülpt irgendwie ein schiefes Licht über diese ganze Geschichte.

DOMRADIO.DE: Man hört aber trotzdem raus, dass Sie dem Papst abnehmen, dass er es ernst meint mit der Aufklärung.

Treitler: Ja, ich nehme es Papst Franziskus unbedingt ab, dass er es wirklich ernst meint. Das ist bei ihm keine rhetorische Floskel, sondern es kommt wirklich aus der Tiefe der Überzeugung, dass es hier in der Kirche jahrzehntelange Formen des Umgangs mit Menschen gegeben hat, die dem Evangelium überhaupt nicht entsprechen, sondern widersprechen.

Er ist ein Mann des Evangeliums. Er kommt ja auch irgendwie aus der Befreiungstheologie heraus und weiß genau, dass die Kraft des Evangeliums in der Befreiung liegt – und zwar aller derer, die in irgendeiner Form Opfer geworden sind oder sie ist bedeutungslos. Das ist bei ihm wirklich, glaube ich, ganz ernst.

Ihn interessieren dogmatische Spitzfindigkeiten nicht. Ihm ist wichtig, dass die Botschaft des Evangeliums für den Menschen zum Lebensversprechen wird und nicht Verbrechen möglich macht oder diese gar unter den Teppich kehren lässt.

DOMRADIO.DE: Sie sind heute Theologieprofessor. Warum haben Sie nicht mit der Kirche gebrochen?

Treitler: Ich habe mit der Kirche deshalb nicht gebrochen, weil sie ein Gedächtnis und eine Glaubenstradition überliefert, die viel größer sind als sie selbst, weiter zurückreichen und für mich eigentlich nach wie vor ein Lebensthema sind. Die Frage nach Gott, die Frage der Verantwortung für Mitmenschen sind Fragen, die für mich nach wie vor hochinteressant sind und für die ich auch brenne.

Das ist etwas, das ich durch die Kirche empfangen habe, von dem ich aber auch weiß, dass es über die Kirche hinaus geht und auch die Kirche selbst mitunter ins Gericht zieht. Da bin ich gewissermaßen auf beiden Seiten sowohl kirchlich und auch dem gegenüber stehend, aber durchaus als überzeugter Christ biblischer Gesinnung am Werk. Das ist es auch, was mich seit Jahrzehnten an der Theologie fasziniert.

Das Interview führte Verena Tröster.

(DR)

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