Prof. Franz-Josef Bormann
Prof. Franz-Josef Bormann

03.08.2017

US-Genetiker erfolgreich im Kampf gegen Erbkrankheiten "Es gibt noch zu viele offene Fragen"

US-Forschern ist es gelungen, mit der gentechnischen Methode CRISPR-Cas9 krankes Erbgut von künstlich erzeugten Embryonen zu verändern. Der katholische Moraltheologe Professor Franz-Josef Bormann sieht Chancen und Grenzen.

domradio.de: Was ist das Neue an dieser Gentechnik?

Prof. Franz-Josef Bormann (Katholischer Moraltheologe und Mitglied im Ethikrat): Das Neue ist, dass wir mit der CRISPR-Cas-Technik ganz früh am Beginn menschlichen Lebens im Eizellstadium eine Korrektur eines kranken Genes vornehmen können oder es versuchen. Das ist neu. Frühere Experimente haben gezeigt: Je früher man diese Technik einsetzt, desto effizienter ist es.

domradio.de: Also sind dies prinzipiell gute Nachrichten aus den USA?

Bormann: Das Ziel dieser Versuche ist tatsächlich moralisch nicht zu beanstanden. Denn es ist legitim, Menschen, die an einem genetischen Defekt leiden, medizinisch zu helfen. Aber es ist auf jeden Fall ein Problem, dass man eine Technik, über deren Nebenwirkungen man noch gar nicht ausreichend Bescheid weiß, jetzt schon in einem so sensiblen Feld wie der menschlichen Embryonenforschung zum Einsatz bringt. Die in der  Fachzeitschrift "Nature" publizierten Ergebnisse zeigen, dass noch lange nicht alle Fragen geklärt sind.

domradio.de: Könnte man diese Technik bei erwachsenen Menschen einsetzen?

Bormann: Diese Technik kann man in ganz vielen Bereichen anwenden. Zum Beispiel wird sie auch in der Tier- und Pflanzenzucht oder in der Medikamententwicklung schon angewendet. Es ist eine universell anwendbare, sehr nützliche Technik, die noch ganz viele Einsatzgebiete haben wird. Aber es gibt noch ganz viele offene Fragen.

Wenn man einen bestimmten Genabschnitt durch einen Ausschneidevorgang ersetzen möchte, dann weiß man nicht, ob es nicht an anderen DNA-Abschnitten zu Kollateralschäden kommt, die zum Teil gravierende gesundheitliche Beeinträchtigungen nach sich ziehen können.

domradio.de: Wo sind die ethischen Grenzen bei dieser Methode, wenn es um den Einsatz bei menschlichen Embryonen geht?

Bormann: Zum einen könnte man sagen, dass eine solche Technik erst einmal im Tierexperiment zu einer größeren Reife entwickelt werden sollte, und erst zu einem späteren Zeitpunkt, wenn man viele der Nebenwirkungen ausgeschlossen hat, der Transfer in den Humanbereich erfolgen sollte.

Zum anderen geht es hier um die ganz klassischen Probleme der verbrauchenden Embryonenforschung. Das Forscherteam in den USA hat bestimmte Embryonen gezielt hergestellt, um sie hinterher wieder zu vernichten. Nach deutschem Gesetz ist eine solche verbrauchende Embryonenforschung verboten.

domradio.de: Man hat also bewusst kranke Embryonen produziert …

Bormann: Völlig richtig. Man braucht so einen mit krankem Erbgut veränderten DNA-Abschnitt, der durch einen gesunden Abschnitt ersetzt wird, um die Leistungsfähigkeit dieser Technik unter Beweis zu stellen. Das ist natürlich eine Verzweckung des menschlichen Embryos, die mit dem Selbstzweck eines Embryos nicht vereinbar ist und deshalb aus guten Gründen in Deutschland verboten ist.

domradio.de: Eine Gefahr in der Genforschung ist, dass solche Genmanipulationen genutzt werden könnten, um den perfekten Menschen zu produzieren, die sogenannten "Designer-Babys". Wie lange kann sich das strenge Embryonenschutzgesetz in Deutschland noch halten mit Blick auf den riesigen Druck durch die internationale Forschung, die kein Halten kennt?

Bormann: Das hängt von der Bewusstseinsbildung der deutschen Bevölkerung ab. Ein wohl begründetes Gesetz kann nur so lange Bestand haben, wie die guten Gründe auch in der Öffentlichkeit transportiert und sich bewusst gemacht werden. Viele haben große Sorgen mit Blick auf solche Fantasien eines "Designer-Babys".

Aber bei diesen Experimenten reden wir nicht von "Designer-Babys", sondern es geht um Gentherapie, bei der es sich meist um monogenetische Erkrankungen handelt. Auch hier sind wir noch ein weites Stück von ihrer erfolgreichen Behandlung entfernt.

Bei "Designer-Babys" haben wir es in der Regel mit ganz komplexen Merkmalen dieser Wunschkinder zu tun, die viel komplizierter in ihrer Genese sind als eine monogenetische Erkrankung. Man muss sich also sehr hüten, solche Fantasien zu beflügeln. Davon sind wir noch sehr, sehr weit entfernt.

Das Interview führte Uta Vorbrodt.

(DR)

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