Liturgische Gewänder in einer Sakristei
Liturgische Gewänder in einer Sakristei
Pfarrer Regamy Thillainathan
Pfr. Regamy Thillainathan

18.07.2019

Kölner Pfarrer über die Zölibat-Thesen von Hubert Wolf "Die Fragen sind viel komplexer"

Der Zölibat gehört dringlich abgeschafft. Das fordert der Kirchenhistoriker Hubert Wolf in seinem jüngsten Buch. Der Kölner Pfarrer Regamy Thillainathan hält dagegen. Er findet, Wolf mache es sich zu einfach mit den Lösungsansätzen.

DOMRADIO.DE: Immer weniger junge Männer wollen Priester werden und Professor Wolf ist davon überzeugt, dass dies auch mit dem Pflichtzölibat zusammenhänge. Kann das denn nicht sein?

Pfarrer Regamy Thillainathan (Diözesanstelle für Berufungspastoral im Erzbistum Köln): Sicherlich kann auch die Frage der Ehelosigkeit für einen jungen Menschen eine entscheidende Frage sein. Meine Aufgabe ist es, genau diese Menschen zu begleiten. Da taucht auch diese Frage immer wieder auf. Aus meiner Erfahrung heraus kann ich aber sagen, dass dies letztendlich nicht das entscheidende Kriterium ist, sich gegen das Priesteramt zu entscheiden. Ich erlebe es, dass die jungen Menschen eher andere Themen beschäftigen.

DOMRADIO.DE: Zum Beispiel?

Thillainathan: Sie haben etwa Angst als Priester als Einzelkämpfer zu agieren. Sie bekommen mit, dass sich die Gemeinden verändern. Vieles Altgewordene bricht weg oder bricht zusammen. Sie haben Angst, in zehn Jahren als junger Priester alleine vor großen Herausforderungen zu stehen, die sie allein nicht meinen bewältigen zu können.

Meine Frage zu dem Buch von Herrn Wolf ist, ob es nicht zu kurz gedacht ist, zu meinen, wenn wir jetzt an dieser Schraube des Zölibats drehen, dass sich diese Probleme dann auflösen? Das Buch neigt dazu, alle Fragen, die die Kirche momentan hat, auf diese Zölibats-Frage zu reduzieren. Das halte ich für gefährlich, weil einfache Lösungen immer gefährliche Lösungen sind. Das ist in politischen und gesellschaftlichen Fragen genauso wie in der Kirche. Komplexe Themen brauchen auch komplexere Antworten.

Ein weiteres Zeichen dafür, dass sich die Probleme der wenigen Priester damit nicht lösen lassen, ist, dass es unseren Brüdern und Schwestern in der evangelischen Kirche nicht anders geht. Die Kirchen und die Landeskirchen der evangelischen Kirche stehen vor den gleichen Problemen des Nachwuchsmangels wie wir auch. Und hier ist der Zölibat gar kein Thema.

DOMRADIO.DE: Es gibt ja sogar verheiratete evangelische Pfarrer, die zum katholischen Glauben konvertieren, sich zum Priester weihen lassen und dann auch verheiratet bleiben...

Thillainathan: Genau, weil eben das Sakrament der Ehe in diesem Moment des Übergangs in die katholische Kirche weiterhin bestehen bleibt. Aber das ist ein anderes Thema.

DOMRADIO.DE: Aber ist es denn nicht tatsächlich mal eine Idee wert, die Ehelosigkeit der Priester auf den Prüfstand zu stellen? Professor Wolf schreibt auch, es sei eine Erfindung des Mittelalters. Denn damals sei der Zölibat aus wirtschaftlichen Gründen eingeführt worden, damit Priester nicht die Kirchengüter an ihre Kinder vererben, sondern alles bei der Kirche bleibt. Ist es denn herzuleiten, dass der Zölibat ausschließlich ökonomische Ursachen hat?

Thillainathan: Professor Wolf neigt hier dazu, ein Faktum aus der Geschichte als absolut hinzustellen. Für uns ist es aber auch bedeutend, dass das zölibatäre Leben nicht erst im Mittelalter entstanden ist, sondern schon in der Zeit der ersten Nachfolger Jesu, also in den Urgemeinden. Es sind Menschen in die Wüste hinausgezogen, um ganz für Christus, ganz für dieses Reich Gottes zu leben.

DOMRADIO.DE: Aber dann sagt er auch: Petrus, der Apostel war ja auch verheiratet....

Thillainathan: Es geht darum, dass es zu der Zeit als Petrus und auch einige der ersten Jünger verheiratet waren, trotzdem andere Tendenzen gab. Gleichzeitig gab es auch einige Menschen, die haben gesagt: "Um des Himmelreiches Willen möchte ich ganz und gar für diese Sache Jesu Christi leben. Für dieses Leben möchte ich auch alles auf eine Karte setzen." Und das frühe Christentum hat diese Freiheit zu einer Option gemacht. Da hat Professor Wolf sicherlich Recht: Es ist kein Dogma. Das kann jederzeit aufgehoben werden.

Wie gesagt, es geht nicht darum, dass wir nicht darüber reden sollten und reden müssten, ob und wie weit Zölibat sinnvoll ist oder nicht. Ich bin nur dagegen, dass man sich polemisch dieser Sache nähert. Für absolut gefährlich halte ich es aber, dass er mit dem Zölibat den Priestermangel und den sexuellen Missbrauch in Verbindung setzt. Denn damit wird man weder dem einen noch dem anderen Thema gerecht.

DOMRADIO.DE: Zölibat und Missbrauch von Kindern durch katholische Priester. Gibt es den Zusammenhang in Ihren Augen?

Thillainathan: Den sehe ich nicht. Mich wühlt aber auf, dass das Thema Missbrauch überhaupt nicht ernst genommen wird. Man müsste ja daraus schlussfolgern, dass Missbrauch verschwindet, wenn zölibatäre Lebensformen verschwinden. Ich habe gerade erst einen Beitrag über eine unveröffentlichte Studie der Uniklinik Ulm gesehen. Da ging es um Missbrauchsopfer in sportlichen Bereichen. Da wird von 200.000 Betroffenen berichtet. In vielen Bereichen ist es leider ein Thema. Sexuellen Missbrauch gibt es - auch in der Kirche. Wir müssen als Kirche, gerade weil wir eine besondere Verantwortung haben, alles dafür tun, dass das nie wieder geschieht. Wir müssen Missbrauch aus unserer Mitte verbannen.

Ich habe aber die Befürchtung, dass mit solchen Büchern und solchen Thesen das Thema Missbrauch nicht ernsthaft angegangen wird. Man bietet vielmehr eine einfache Lösung an indem man sagt, dass sexueller Missbrauch verschwindet, wenn es keinen Zölibat mehr gibt. Damit tun wir der Aufklärung der Missbrauchsfälle keinen Gefallen. Wir müssen alles auf den Prüfstand stellen. Dazu gehören auch Strukturen, die eine gerechte Machtverteilung fördern.

DOMRADIO.DE: Missbrauch hängt mehr an falschen Machtstrukturen als am Zölibat?

Thillainathan: Absolut. Und am persönlichen Versagen von uns als Institution, uns diesen Themen auch zu stellen. Deswegen ist es auch gut und richtig, dass die Kirche sich diesem Thema stellt und sich ernsthaft um Aufklärung bemüht. Da aber einfach so eine Lösung zu bieten, wie das Hubert Wolf mit der Abschaffung des Zölibats tut, finde ich ein wenig geschmacklos.

Auch weitere Thesen finde ich kritisch. Da heißt es etwa: "Gefährliches Versprechen". Dann heißt es: "Die verpflichtende Ehelosigkeit als Risikofaktor im Hinblick auf den sexuellen Missbrauch durch Priester." Das ist eine Irreführung. Und ich glaube, dass es weder der ehrlichen Diskussion hilft, wie Zölibat gelebt werden sollte, noch der Frage guttut, wie wir Missbrauch aus unserer Mitte verbannen können.

DOMRADIO.DE: Es gibt viele Priester, die tatsächlich am Zölibat scheitern. Darauf macht der Autor auch aufmerksam. Warum stellt man den Priestern nicht frei: Wer will, kann ja zölibatär leben, die anderen dürfen heiraten. Denn dass es Kinder von Priestern gibt, ist ja auch kein Geheimnis...

Thillainathan: Ich würde anders ansetzen wollen. Ich habe mich persönlich, wenn ich meine eigene Biografie anschaue, auch immer ernsthaft und aufrichtig um diese Frage bemüht: Kann ich diese Lebensform selber für mich auch annehmen und ein Leben lang gestalten?

DOMRADIO.DE: Können Sie?

Thillainathan: Das ist genau die gleiche Frage, die sich jeder vor einer Eheschließung stellt: "Werde ich in der Lage sein, diese Frau zu lieben und werde ich ihr mein Leben treu sein?" Das kann man nur mit bestem Wissen und Gewissen entscheiden. Ich habe diese Entscheidung zu dieser Lebensform mit bestem Wissen und Gewissen entschieden. Das würde ich auch allen Eheleuten unterstellen. Es ist die für mich die geeignete Lebensform, meine Berufung zu leben.

DOMRADIO.DE: Wie haben Sie denn den Pflichtzölibat gesehen?

Thillainathan: Ich habe den Pflichtzölibat niemals als Pflicht gesehen. Sondern ich sehe es als meine Entscheidung und als eine Freiheits-Entscheidung an. Es macht mich frei, ganz für Menschen da zu sein und ganz für Gott da zu sein. Aber diese Lebensform muss eben gefüllt werden. Es hört nicht mit der Entscheidung auf. Ich glaube, dass wir den jungen Menschen, die Priester werden wollen, mehr zeigen müssen, dass "ehelos" nicht gleich "beziehungslos" ist und dass andere Beziehungen einen durch eine zölibatäre Lebensform tragen können.

Das Interview führte Uta Vorbrodt.

(DR)

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