Synagoge in der Roonstraße nach der Pogromnacht
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Herschel Feibel Grynszpan nach seiner Festnahme durch die französische Polizei
Herschel Feibel Grynszpan nach seiner Festnahme durch die französische Polizei

09.11.2018

Kölner Priester rettete 1938 Thorarolle aus Kölner Synagoge Eine riesenmutige Tat

80 Jahre nach den Novemberpogromen gedenken die Deutschen dieser unheilvollen Zerstörung und Verfolgung. Auch Köln war 1938 keine rühmliche Ausnahme. Ein Kölner Priester jedoch verübte eine mutige Tat.

Verschreckt und verwirrt blickt ein blasser Jugendlicher über die Schulter in die Kamera. Das Bild zeigt Herschel Feibel Grynszpan kurz nach seiner Verhaftung am 7. November 1938. Wenige Stunden vor seiner Verhaftung hatte der 17-Jährige in Paris eine Waffe gekauft und war damit in die Deutsche Botschaft gegangen. Dort ließ man ihn trotz seines jüdischen Namens ohne weitere Kontrollen zum gerade erst aus Indien nach Paris versetzten Gesandten Ernst vom Rath vor. Wenige Minuten später schoss er den Diplomaten nieder. Grynszpan ließ sich widerstandslos festnehmen.

Die Presse im NS-Deutschland hetzte sofort, dies sei die „feige Tat eines Juden, der gesteuert sei von einem Komplott des internationalen Judentums“. Als der Diplomat vom Rath zwei Tage nach dem Attentat starb, war dieser Umstand für die NS-Führer der willkommene Vorwand, den Befehl zu einer groß angelegten Welle der Gewalt gegen die Juden in Deutschland zu starten. In der Nacht vom  9. auf den 10. November 1938 wurden überall im Deutschen Reich etwa 1400 Synagogen und Bethäuser angezündet und geschändet, Geschäfte, Wohnungen und Friedhöfe zerstört und geplündert. Nicht wenige Juden starben, andere wurden in den Selbstmord getrieben. Etwa 35000 Juden wurden in die Konzentrationslager verschleppt.

Das Alte Testament gehört sowohl Juden als auch Christen

80 Jahre nach der sog. Reichspogromnacht gedenken Deutsche dieser unheilvollen Zerstörung. Was aber in Köln kaum bekannt ist: Als die Synagoge in der Kölner Glockengasse im November 1938 brannte und dabei Hunderte von SA-Leuten feixend zusahen, fasste sich der Kölner Diözesanpriester Gustav Meinertz ein Herz: Er rannte in das brennende Gebäude, um das Wichtigste zu retten, die Thorarolle. Diese Rolle beinhaltet den priesterlichen Kult- und Rechtsbescheid, die Weisung und Lehre, kurz den Willen Gottes. Bei dieser Gelegenheit soll der Leiter des Heilig-Land-Vereins gesagt haben: „Hier wird nicht nur die Bibel der Juden zerstört, sondern auch die Bibel der Christen“. Denn das Alte Testament gehört sowohl Juden als auch Christen.

Der Kölner Geistliche verübte eine riesenmutige Tat. Meinertz verbarg die Thorarolle in der Zeit des Zweiten Weltkriegs in seiner Wohnung, um sie nach den Wirren der NS-Ideologie der jüdischen Gemeinde Köln zurückzugeben. Aber sie kehrte erst nach fast 70 Jahren in restaurierter Form an die Kölner jüdische Gemeinde zurück. Im  Jahre 2005, während des Besuchs von Papst Benedikt XVI. in Köln,  erklärte sich Kardinal Joachim Meisner bereit, die Restaurierungskosten in Höhe von 12000 Euro zu  übernehmen.

Im Jahr 2007 konnte die Kölner Tora schließlich in einer feierlichen Zeremonie wieder in das Gotteshaus der nachweislich ältesten jüdischen Gemeinde nördlich der Alpen (seit 321 nach Christus) eingebracht werden.

Keine Ausnahmeerscheinung

Judenhelfer wie der Priester Gustav Meinertz waren keine Einzelgänger in der Zeit unter Hitlers Terror. Der selige Berliner Dompropst Bernhard Lichtenberg (1875-1943) betete in der Berliner Hedwigskathedrale öffentlich für verfolgte Juden; zugleich verurteilte er in der Reichspogromnacht das Anzünden der Synagogen. Dr. Max Joseph Metzger (1887-1944) und der Legationsrat Dr. Richard Kuenzer (1875-1945) beherbergten die verfolgte Jüdin Annie Kraus und unterstützten zahlreiche Juden mit materieller Hilfe. Die Koblenzer Hoteliersfrau Anna Maria Speckhahn (1883-1944) zeigte eine demonstrative Freundschaft mit Juden. Der Kölner Diözesanpriester Kaplan Everhard Richarz transportierte als Jugendseelsorger in Köln-Lindenthal-St. Stephan in der Nacht jüdische Kapitalien in die benachbarten Niederlande. Die Fürsorgerin Lieselott Neumark (1910-1943) unterstützte die katholischen „Nichtarier“ im Hilfswerk beim Bischöflichen Ordinariat Berlin und rettete auf diese Weise nicht wenige Juden vor ihrer Vernichtung.

Diese und weitere Vorbilder, die alle eines gewaltsamen Todes als Gegner der NS-Ideologie starben,  sind im zweibändigen Hauptwerk "Zeugen für Christus. Das deutsche Martyrologium des 20. Jahrhunderts" (Paderborn u.a., 6., erweiterte und neustrukturierte Auflage 2015) von Prälat Helmut Moll im Auftrag der Deutschen Bischofskonferenz zusammengetragen worden. Ihr Beispiel verdient, stärker in der Öffentlichkeit bekannt gemacht zu werden.

Hinweis:

Unser Autor Prälat Prof. Dr. Helmut Moll ist Beauftragter der Deutschen Bischofskonferenz für das Martyrologium des 20. Jahrhunderts.

(DR)

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