Gotteslob auf einer Kirchenbank
Gotteslob auf einer Kirchenbank

14.06.2021

Gemeindegesang nur mit viel Aufwand wieder erlaubt "Wir finden das überzogen"

Die Zeit der stummen Gottesdienste in Nordrhein-Westfalen ist zwar vorbei. Doch die Auflagen, unter denen die Gläubigen wieder singen dürften, sind zu hoch, kritisiert der Leiter des Katholischen Büros in Düsseldorf, Antonius Hamers.

DOMRADIO.DE: Die Gemeinde darf im Gottesdienst auch in Nordrhein-Westfalen wieder singen, aber unter welchen Bedingungen?

Dr. Antonius Hamers (Leiter Katholisches Büro Nordrhein-Westfalen): Unter schwierigen Bedingungen. Man muss unterscheiden: Draußen ist das Singen etwas erleichtert; da braucht man bei Freiluft-Gottesdiensten nur eine Stoffmaske und muss zwei Meter Abstand halten. In Kirchen darf jetzt auch wieder seit neuestem gesungen werden. Da muss grundsätzlich eine FFP2-Maske getragen werden und auch ein zwei Meter-Abstand zueinander gehalten werden.

DOMRADIO.DE: Sind Sie mit der neuen Verordnung zufrieden oder muss noch nachgebessert werden?

HAMERS: Wir haben etwas den Eindruck, dass das mit Netz und doppelten Boden sein soll. Wir finden das überzogen. Insbesondere dieser zwei Meter-Abstand in den Kirchen macht es uns sehr schwer, weil wir nämlich unsere Kirchen auf einen ein Meter fünfzig-Abstand eingerichtet haben.

Im Dom in Münster zum Beispiel haben wir die Bänke genau auf einen Meter fünfzig-Abstand aufgestellt, sodass das jetzt für uns ein ziemlich großer Aufwand wäre, wenn wir jetzt sagen, jetzt muss aber ein zwei Meter-Abstand eingehalten werden. Hinzu kommt, dass wir ja Gott sei Dank wieder mehr Leute haben, die zum Gottesdienst kommen.

Wenn wir jetzt zwei Meter Abstände einhalten müssen, passen wieder weniger Leute in die Kirchen rein - und das angesichts von Trauungen, von nachgeholten Erstkommunionfeiern oder von Firmfeiern. Das ist für uns ein zusätzliches Erschwernis, das wir nicht gut finden. Auch im Blick darauf, dass in anderen Bundesländern die Regelungen zum Singen weit großzügiger gehandhabt werden.

DOMRADIO.DE: Sie haben gerade das Beispiel vom Dom in Münster angesprochen. Wenn es beim zwei Meter-Abstand bleibt - muss alles umorganisiert werden?

HAMERS: Das ist die große Frage, die sich uns stellt. Vor allem für wie lange überhaupt noch? Wir hoffen ja darauf, dass diese Beschränkungen hoffentlich bald alle fallen werden. Wenn wir jetzt anfangen, die Plätze in den Kirchen erst von einem Meter fünfzig auf zwei Metern neu auszurichten, dann ist die Frage, ob sich dieser Aufwand wirklich lohnt.

Wir finden es, wie gesagt, überzogen, dass Singen nur mit einer FFP2 Maske und einem zwei Meter-Abstand erlaubt sein soll. Wir können nicht ganz nachvollziehen, warum in anderen Bundesländern das mit einem Meter fünfzig-Abstand gehen soll und in Nordrhein-Westfalen eben diese erhöhten Anforderungen vorhanden sind. Und da versuchen wir gerade im Moment mit der Staatskanzlei und mit dem Gesundheitsministerium nachzuverhandeln.

Im Moment sind wir mit dem jetzt Erreichten noch nicht ganz zufrieden - auch deswegen nicht, weil der Gemeindegesang für uns ganz wesentlich ist. Das Singen ist ein Teil unserer Religionsausübungsfreiheit, und es ist ein ganz wichtiger Teil der Liturgie. Insofern ist es uns Gläubigen schwergefallen, darauf zu verzichten. Wir möchten gerne wieder richtig loslegen.

DOMRADIO.DE: Im Grundgesetz ist die freie Religionsausübung zugesichert. Das gilt dann wohl auch für den Gesang. Muss der dann nicht auch schleunigst ohne große Hindernisse gewährleistet werden? Wäre das jetzt Ihre Forderung?

HAMERS: Genau so sehen wir das. Natürlich muss immer auch der Gesundheitsschutz mit berücksichtigt werden. Wir sind aber der Meinung, dass zum Beispiel durch das Tragen einer Maske und durch einen Abstand von einem Meter fünfzig dieser Gesundheitsschutz gewährleistet wäre. Der Gemeindegesang ist für uns nach Artikel 4 des Grundgesetzes Teil der Religionsausübungsfreiheit. Und insofern wünschen wir uns, dass wir wieder singen können und das mit einem Abstand von einem Meter fünfzig.

DOMRADIO.DE: Was bedeutet der Gesang der Gemeinde für die Menschen im Gottesdienst? Wie wichtig ist das?

HAMERS: Nach meinem Eindruck und nach dem, was ich sowohl von den Gläubigen als auch von den Mitbrüdern und von anderen Verantwortlichen höre, ist das ein ganz, ganz wichtiger Aspekt. Ein Gottesdienst lebt doch ganz stark von der Kirchenmusik.

Jetzt haben wir Gott sei Dank die Möglichkeit gehabt, dass die Orgeln weiterhin spielen konnten, dass weiterhin Chöre gesungen haben, dass wir mit musikalischen Ensembles im Gottesdienst etwas gemacht haben. Ich bin unseren Kirchenmusikern da unendlich dankbar, die ganz flexibel waren und innovative Lösungen gefunden haben. Das steht alles außer Frage.

Aber jeder Gottesdienst lebt davon, dass die Menschen gemeinsam beten. Und zum gemeinsamen Beten gehört auch das gemeinsame Singen. Ein Gottesdienst wird dann erst im Grunde zu einem richtig guten Gottesdienst, wenn all das zusammenläuft und wenn dementsprechend die Menschen auch singen können und ihr Gotteslob auf diese Weise zum Ausdruck bringen können.

Das Interview führte Michelle Olion.

(DR)

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