Ein gestresstes Paar
Ein gestresstes Paar
Günther Bergmann
Günther Bergmann

13.02.2021

Katholische Beratungsstellen in Corona-Zeiten gefragter denn je "Zu viel Nähe kann auch überfordern"

Corona ist ein Stresstest für jede Beziehung. Viele Paare hocken im Homeoffice so dicht aufeinander wie nie zuvor. Nebenbei müssen die Kinder betreut oder IT-Probleme gelöst werden. Da ist die Zunahme an Streit und Gewalt vorprogrammiert.

Pablo Fuerte* und seiner Frau Yvonne* geht Corona zunehmend an die Substanz. Das tückische Virus rüttelt an den Grundfesten ihrer Beziehung. Von morgens bis abends sitzen die beiden in beengten Wohnverhältnissen zuhause: er für seine Firma im Homeoffice, sie mit einer Menge seelischer Probleme und einer frischen Krebsdiagnose als Risikopatientin, die aus Angst vor Ansteckung kaum den Schritt vor die Tür wagt. Die beiden Kinder Luiz und Anna kommen ebenfalls kaum noch aus dem Haus. Während sich die Mutter um das Homeschooling der Tochter kümmert, muss gleichzeitig der quirlige Vierjährige beschäftigt werden. Denn ein Fall für die Kita-Notbetreuung ist Luiz nicht. Schließlich sind beide Elternteile daheim.

Also ist die vierköpfige Familie seit Mitte Dezember damit beschäftigt, eine verlässliche Struktur für jeden Tag zu finden, um die gefühlt endlosen Wochen des Lockdowns einigermaßen durchzustehen. Das zerrt an den Nerven und ist nicht einfach. Erst recht nicht, wenn die Eltern auch schon zu normalen Zeiten genug Probleme in ihrer Ehe haben und diese oft lautstark vor den Kindern austragen. An Überforderung grenzt es, wenn nun auch noch die Sorge vor finanziellen Einbußen, sozialer Isolation – Reisen in die spanische Heimat zur Herkunftsfamilie von Pablo Fuerte fallen seit einem Jahr flach – und psychischer Überforderung "on top" kommt.

"Paar-Balance" als Anregung für eine glückliche Beziehung

Paare wie die Fuertes gehören zu der klassischen Klientel von Günther Bergmann. Der Leiter der Katholischen Beratungsstelle für Ehe-, Familien- und Lebensfragen (EFL) in Köln will ihnen in Gesprächen dabei helfen, ihr Beziehungskonto, das in die roten Zahlen geraten ist, wieder aufzufüllen, wie er das nennt. Im besten Fall sogar dabei, ein Guthaben zu erwirtschaften, um beizeiten auch ein Polster zu haben, wenn gerade mehr abgehoben als eingezahlt wird. Dieses Bild aus der Finanzwelt hilft dem psychologischen Psychotherapeuten, um Paaren, die nicht mehr weiter wissen, zu veranschaulichen, an welchem Punkt ihre Beziehung aus dem Gleichgewicht geraten ist und welche "Währung" es braucht, um hier wieder miteinander ins Lot zu kommen.

Seit einiger Zeit bieten die EFL-Beratungsstellen des Erzbistums auf ihrer Homepage in Verbindung mit Beratung auch die Nutzung des Online-Paarcoachings "Paar-Balance" an. Hier können die Partner mit einer Menge kreativer Anregungen eigeninitiativ einüben, was ihre Partnerschaft stärkt. "Denn eine glückliche Beziehung ist nicht Glückssache", argumentiert Bergmann.

Pandemie für Paare zur Belastungsprobe geworden

Aber für viele Paare, deren häusliche Situation in Corona-Zeiten zu eskalieren droht, reichen solche Online-Impulse nicht aus. Sie benötigen professionelle Hilfe von außen, wenn negative Verhaltensmuster, Gereiztheiten und Wortgefechte täglich zunehmen, sie aus ihrer Abwärtsspirale allein nicht mehr herausfinden. Dann kann ein persönliches Beratungsgespräch mit einem Experten wie Bergmann helfen, aus dem "Soll" wieder ins "Haben" zu kommen. Denn sein Ansatz ist, aufwühlende Gefühle erst einmal zu sortieren, um im Austausch miteinander Ruhe in die oft aufgepeitschte Stimmung zu bringen. Mit zunehmender Sorge beobachtet der Fachmann, der nicht nur Traumatherapeut und Kommunikationstrainer ist, sondern auch eine Ausbildung zum Geistlichen Begleiter absolviert hat, dass durch Corona und den wochenlangen Lockdown die Belastungen in der Partnerschaft dramatisch zugenommen haben – auch wenn die Nachfrage nach Beratung nicht unbedingt exponentiell gestiegen ist. Trotzdem sind Anlaufstellen zum Luftablassen gefragter denn je.

"Die meisten Themen, mit denen Paare in der Regel zu kämpfen haben, hat die Corona-Krise noch einmal sehr verschärft, so dass deren Auswirkungen die aktuellen Beratungsprozesse deutlich prägen und die Pandemie für Beziehungen zu einer echten Belastungsprobe geworden ist. "Wir leben gerade in überschaubaren ‚Infektionsgemeinschaften’, in denen zwangsläufig Spannungen entstehen: Viele hocken im Homeoffice den ganzen Tag auf engstem Raum aufeinander. Ihnen fehlt die Möglichkeit, auf andere soziale Felder auszuweichen, hier eine Abwechslung und auch einen Ausgleich – zum Beispiel im Sport oder anderen Freizeitaktivitäten mit Freunden – zu finden", stellt Bergmann fest.

Corona kann Automatismus von Gewalt befördern

"Im ‚Kleinfamilienschließfach’ zu sitzen fordert unsere Fähigkeiten, uns aufeinander einzustellen und zu lieben, gewaltig heraus und widerspricht dem Menschsein. Wir sind Gruppenwesen, die auf Austausch aus sind, auf neue Informationen und neue Bekanntschaften. Von Natur aus sind wir neugierig, wir wollen wachsen und drängen immer weiter." Da brauche es schon eine gute Strukturierung, um von dem einen Partner in den eigenen vier Wänden nicht genervt zu sein, so die Analyse des Experten. "Zu viel Nähe kann auch überfordern."

Noch komplexer und anstrengender werde die Situation mit Kindern, wenn diese ebenfalls ans Haus gefesselt wären und nicht in die Notbetreuung könnten. "Arbeit und Kinderbetreuung – alles unter einem Dach und dann noch Existenzängste sowie eine fehlende Perspektive: Diese hochexplosive Mischung ist für jedes Paar gefährlich und führt nicht selten zu dem Missverständnis, der andere liebt mich nicht mehr. Dabei muten wir uns als Menschen gerade nur einfach viel zu." Trotzdem könne eine solche vermeintliche Kränkung eine Sprengkraft entwickeln, die das Potential habe, die Beziehung am Ende zu zerstören. Gerade auch wenn zwischen zwei Menschen bereits viel Aggression herrsche oder Alkohol als Bewältigungsmechanismus mit im Spiel sei. "Und mit einem Mal steht Gewalttätigkeit im Raum", schildert der Psychologe einen möglichen Automatismus, den Corona zusätzlich befördern kann.

Psychologe Bergmann: Reden hilft immer

Jedenfalls hat Bergmann mit einer solchen Ballung unterschiedlichster Probleme seit Dezember immer wieder zu tun. Und seit Ausbruch der Pandemie deutlich häufiger als vorher. Trotzdem ist es zu kurz gedacht, nur in der räumlichen Enge den Auslöser für letztlich grundlegende Probleme zu sehen. Vielmehr geht es auch um die Angst, in einer Krise alleingelassen zu werden; um emotionale Nähe, gerade wenn die körperliche Nähe anstrengend wird. "Beziehungen stehen momentan unter enormem Druck, der – je länger die angespannte Situation anhält – immer noch weiterwächst. Sogar bis hin zu einer tätlichen Bedrohung oder dem totalen Zusammenbruch der Beziehung", weiß Bergmann aus Erfahrung. Gäbe es erste Warnsignale für eine häusliche Eskalation, bedeute das für ihn immer Alarmstufe Rot.

"Erst recht, wenn es um aufkommende Gewalt geht. Die kündigt sich oft verbal an. Dann muss ganz schnell interveniert werden. Darüber zu sprechen nimmt dem Ganzen schon die Spitze. Reden hilft eigentlich immer", betont der Kommunikationsexperte. Denn eine Akutsituation baue sich meistens schrittweise auf. Und ohne Verständigung würden aus anfänglich harmlosen Verstrickungen schnell verhängnisvolle Missverständnisse, an denen Beziehungen zerbrechen könnten. Dabei gebe es eine alte Eheberater-Regel, nach der 80 Prozent aller Trennungen überflüssig seien. "Am Ende haben dann beide Partner recht, und beide stehen allein da. Hätten sie doch nur mehr über ihre Bedürfnisse und Wünsche gesprochen!"

Mit einer Haltung der Wertschätzung im Dialog bleiben

Die meisten verheirateten Paare, die in eine EFL-Beratungsstelle kämen und für sich nach einer Lösung suchten, befänden sich in einem Zustand der Ambivalenz. "Sie sind hin- und hergerissen, ob sie noch zusammenbleiben wollen. Andere Ratsuchende kommen nach einer Trennung und brauchen eine Mediation für die gemeinsame Elternschaft", erklärt der Psychologe. "Die bleibt für beide Elternteile ja auch als Aufgabe bestehen – selbst nach einer Trennung." Von daher lohne es sich immer, an dem "Wir" zu arbeiten und im Dialog zu bleiben. Und das mit einer Haltung der Wertschätzung, damit Belastendes verarbeitet werden könne. "Ich-Botschaften zu senden kann ein Anfang sein. Und auch die Erkenntnis: Ich muss mich nicht durchsetzen, darf aber die Auseinandersetzung suchen und mich klar positionieren, wenn ich anderer Meinung bin."

Corona habe die Dimension einer Naturkatastrophe, resümiert Bergmann, und sei eine riesige Herausforderung für Paare. Aber auch eine große Chance, in einen Wandel miteinander zu kommen und – unter Umständen mit Hilfe – darauf gestoßen zu werden, sich die eigenen Ressourcen neu bewusst zu machen. Das fügt er ausdrücklich hinzu. "Als Psychologen bringen wir dafür einen Handwerkskoffer mit und schauen uns in einer Beratungssituation an, wie die nächsten kleinen Schritte aussehen können, um zusammen wieder – mit einem ganzheitlichen Blick auf das Leben – eine Perspektive zu gewinnen." Auf Sicht fahren, im Hier und Jetzt entscheiden, nennt das der Fachmann, der als Geistlicher Begleiter bei Gesprächen gerne auch die spirituelle Dimension mit im Blick hat.

"Ich vertraue darauf, dass Gott die Menschen führt. Wir vergessen schon mal, dass wir nicht alles im Griff haben", erklärt Bergmann. "Dabei lehrt uns das gerade die Pandemie, die – sieht man es mal positiv – auch noch einmal eine ganz andere Farbe in eine Beziehung bringen und zu einer Vertiefung der eigenen Lebenserfahrung, des eigenen Selbstbewusstseins führen kann." Schließlich habe Corona die Frage nach dem wirklich Wesentlichen im Leben geradezu befeuert.

*Die Namen wurden von der Redaktion geändert.

Beatrice Tomasetti
(DR)

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