Geigerin Anne-Sophie Mutter über Kunstfreiheit und Religionsfreiheit

Kann Unterordnung der Kunst "nicht nachvollziehen"

Kunst und Religion haben Sonderrechte in der Gesellschaft. Dass die Kirchen offen, die Theater aber zu sind, kann die Star-Geigerin Anne-Sophie Mutter nicht nachvollziehen. Am Samstag spielt sie im Berliner Dom.

Corona leert die Säle, Gärtnerplatztheater in München / © Matthias Balk (dpa)
Corona leert die Säle, Gärtnerplatztheater in München / © Matthias Balk ( dpa )

DOMRADIO.DE: Die Coronavirus-Pandemie stellt einiges auf den Kopf. Gerade jetzt in der Adventszeit merken wir das. Was gehört für Sie zum Advent?

Anne-Sophie Mutter (Violinistin): Menschen, die man liebt, denen man nahe sein möchte, denen man teilweise nicht nahe sein kann. Da geht es uns allen gleich. Für mich gehört aber nicht nur zum Advent, sondern überhaupt zum Leben, die Kunst. Ob das jetzt ein Rockkonzert ist, natürlich klassische Musik, Jazz, Museen, der Besuch in einer Oper, das ist für mich Lebensmittel, nicht Genussmittel. Ich weiß, dass es vielen Millionen Menschen genauso geht.

Das ist der Grund, warum ich mit meinem wunderbaren Quartett, bestehend aus aktuellen und ehemaligen Stipendiaten meiner Stiftung, auch in Alten- und Pflegeheime in der Vorweihnachtszeit gegangen bin. Gerade die alten Menschen betrifft nicht nur das Coronavirus, sondern diese Einsamkeit, diese Vereinsamung durch das Besuchsverbot. Deshalb war es mir sehr wichtig, diese emotionale Umarmung durch Musik zu schenken.

Jetzt beim Gottesdienst im Berliner Dom an diesem Samstag geht es vor allem um die Deutsche Orchesterstiftung, die im März einen Nothilfefonds gegründet hat, um freischaffenden Künstlern das Leben ein bisschen zu erleichtern. Dieser Fonds muss dringend unterstützt werden. Das ist einer der Gründe, warum wir in Gottesdiensten musikalische Umrahmung bieten. Es ist nicht nur ein Geschenk - hoffentlich wird es so gesehen - an die Gottesdienstbesucher, sondern es ist eben auch ein Aufruf der Solidarität für die freiberuflichen Musikerinnen und Musiker.

Seit März haben wir fast durchgehend ein Auftrittsverbot, das mit wahnsinnigen finanziellen Verlusten verbunden ist. Man muss bedenken, dass 95 Prozent der Künstler an der Armutsgrenze leben. Ein Musiklehrer bekommt, glaube ich, 11.000 Euro im Jahr. Das muss man sich mal vor Augen halten. Da ist natürlich jedes Adventskonzert, jeder andere Auftritt, der wegfällt, in jeder Beziehung eine Katastrophe. Es gibt bundesweit auch Hilfen, die sind aber extrem bürokratisch und oft sind die Kriterien so festgelegt, dass viele die Gelder gar nicht abrufen können. Die Novemberhilfe ist wohl etwas leichter zu bekommen. Im Übrigen sind 3000 Euro auf ein Jahr, in dem praktisch kein Einkommen erwirtschaftet werden konnte, zu wenig. Also davon kann man zwar nicht sterben, aber man kann auch nicht damit leben.

DOMRADIO.DE: Es gibt die Diskussionen, die ein bisschen spaltet: Kirchen dürfen offen sein und Gottesdienste feiern. Konzerthäuser und Theater sind zu. Nutzen Sie deshalb den Gottesdienst? 

Mutter: Wir haben ein Grundrecht auf Kunstfreiheit und auf Religionsfreiheit. Dass die Religion der Kunst übergeordnet wird, kann ich nicht nachvollziehen, weil dieses Grundrecht eben Lebensmittel und nicht Genussmittel ist. Die Kunst deshalb, weil wir dadurch eine Hoffnung und einen Ausblick in eine andere schöne Dimension finden und wir sinnliche Erfahrungen in einem Konzert teilen können, wie natürlich auch in einem Gottesdienst. Ich bin sehr dankbar, dass es Gottesdienste gibt, in denen, wie auch in der kirchlichen Entwicklung, die Musik immer eine große Rolle gespielt hat. Das ermöglicht uns jetzt, für einige wenige Personen musikalisch da zu sein und damit auch an die Solidarität und letzten Endes an die Nächstenliebe zu appellieren.

DOMRADIO.DE: Wie blicken Sie in die Zukunft der Kunst und Kultur und auch der freiberuflichen Künstler?

Mutter: Viele private Veranstalter werden diesen Winter nicht überleben. Ich weiß von vielen jungen Künstlerkolleginnen, aber auch Künstlerkollegen in meinem Alter, dass sie umsatteln mussten. Man darf nicht vergessen, ein Künstler, ob das jetzt eine Tänzerin, eine Schauspielerin, ein Instrumentalist oder eine Sängerin ist, trainiert ja jeden Tag. Das kann man nicht einfach abstellen, stattdessen einfach mal Taxifahren und später wieder den Schalter umlegen und wieder das hohe C schmettern. So geht's nicht. Das heißt, es werden viele Existenzen von Künstlerinnen und Künstlern über den Winter bis in den Frühling zugrunde gehen. Ich möchte gar nicht an die Folgen wie psychische Erkrankungen denken.

Auf der anderen Seite müssen wir natürlich auch den Schutz der Kranken ins Auge fassen. Es geht mir eigentlich darum, dass die Politik die vielen wissenschaftlichen Studien mit mehr Augenmaß ernst nimmt. Die von der Bayerischen Staatsoper in Auftrag gegebene Studie belegt zum Beispiel, dass mit 500 Personen in einem Zuschauerraum in einem Zeitraum von zwei Monaten es keinen einzigen Ansteckungsfall gegeben hat. Die Politik sollte sich überlegen, dass es etwas zwischen "on" oder "off" gibt. Etwas, was durchaus sicher ist für alle Beteiligten, für das Publikum genauso wie für die Musiker. Damit könnte ein gewisses Einkommen sichergestellt und auch eine gewisse Normalität gelebt werden, die wir, glaube ich, alle dringend brauchen.

Aber jetzt heißt es erstmal: durch den Winter kommen. Wie blicke ich in die Zukunft? Ich erhoffe mir von der Impfung, dass sie nicht nur keine gravierenden Nebenwirkungen hat, sondern möglichst nur milde. Noch besser gar keine. Dass wir damit dann zu einer größeren Normalität zurückkehren. Ich möchte diesen Gottesdienst auch als Requiem verstanden sehen für die vielen Menschen, die wir täglich verlieren, die bereits von uns gegangen sind, und als Trost für die Hinterbliebenen.

DOMRADIO.DE: Viele Menschen erkranken an dem Virus, auch Sie sind im Frühjahr schon betroffen gewesen.

Mutter: Ja, das ist richtig. Ich habe mich Ende März mit dem Coronavirus infiziert und war nach zwei Wochen Quarantäne dann immer noch relativ schlapp unterwegs. Leider weiß man ja nicht, ob die Immunabwehr dadurch wirklich langfristig gestärkt ist und auf eine zweite Infektion kämpferisch genug reagiert. Wir werden sehen. Ich halte Abstand. Ich trage Maske. Wir Musiker untereinander lassen uns regelmäßig testen, weil wir doch relativ eng zusammenarbeiten, und wenn wir mit mehreren Personen Kontakt haben, um Himmelswillen nichts übersehen und nicht zur Verbreitung beitragen.

DOMRADIO.DE: Sie haben die Coronavirus-Infektion am eigenen Körper erfahren. Was entgegnen Sie denen, die die Pandemie leugnen und sich gegen die Maßnahmen stellen? 

Mutter: Ich glaube, es ist ein Unterschied, ob ich die Pandemie leugne oder mich gegen die Maßnahmen stelle. Die Pandemie, vor allen Dingen die Zahl der Toten, da ist ja wirklich eine massive Übersterblichkeit zu sehen. Selbst wenn man jetzt nicht auseinanderdividieren kann, ob der tragisch Verstorbene an oder mit Corona gestorben ist. Wenn über 500 Personen täglich sterben, dann ist das eine Zahl, die uns erschrecken sollte und die weit über der Opferzahl liegt, die im Herbst oder Winter durch Influenza oder andere saisonale Erkrankungen hervorgerufen wird.

Über die Maßnahmen kann man stundenlang diskutieren. Ich glaube, was die Kunstszene schmerzt, ist das Urteil, mit Freizeitbeschäftigung, Nagelstudios und Freibädern in einen Topf geworfen zu werden, und das nicht anerkannt wird, dass Kunstfreiheit genau wie Religionsfreiheit ein Grundrecht ist, dass es sich hier um ein Lebensmittel handelt, das für viele Millionen Menschen Berührung und Hoffnung bedeutet und die Chance, aus dem Alltag herauszukommen. Ich meine jetzt das Publikum, gar nicht mal uns Musiker.

Ich wünsche mir mehr Augenmaß im Umgang mit Studien. In der Kulturraumstudie gab es meines Wissens keinen einzigen Spreader-Event. Die Studie wurde von Wissenschaftlern und Virologen begleitet. Ich würde mir auch mehr Sensibilität im Umgang mit so vielen Arbeitsplätzen wünschen. Dazu gehören natürlich auch die Restaurants. Aber die Kunstbranche ist ja ganz eng verzahnt mit so vielen anderen Berufsgruppen.

Wir dürfen nicht vergessen, dass beispielsweise bei einer Konzertveranstaltung in Gasteig über 40 Personen notwendig sind, um dieses Konzert durchzuführen. Das ist also nicht nur diese eine Künstlerin auf der Bühne oder von mir aus auch 80, sondern das ist der Beleuchter genauso wie die Dame an der Garderobe. Das ist der Caterer genauso wie die Hotellerie. Das ist der Techniker. Das hat einen schrecklichen Ripple-Effekt, so unsensibel einfach den Off-Button zu drücken. Da muss in die Diskussion wirklich mehr Augenmaß und ein Blick auf die internationalen Entwicklungen, wie da vorgegangen wird. Ich glaube, es muss einfach auch das Recht an Seelen-Nahrung anerkannt werden. Natürlich unter strengsten Hygienebestimmungen.

Das Interview führte Katharina Geiger.


Stargeigerin Anne-Sophie Mutter / © Matthias Greve (KNA)
Stargeigerin Anne-Sophie Mutter / © Matthias Greve ( KNA )
Quelle:
DR