Es wird nach einem Impfstoff gegen das Coronavirus geforscht
Es wird nach einem Impfstoff gegen das Coronavirus geforscht
RKI-Präsident Lothar Wieler bei einer Pressekonferenz
RKI-Präsident Lothar Wieler bei einer Pressekonferenz

16.10.2020

RKI-Präsident über Corona-Tests, Gottesdienstbesuche und Weihnachten "Gottvertrauen ist für mich ein Fundament"

Lothar Wieler, Präsident des Robert Koch-Insitutes, lobt die Hygienekonzepte für Gottesdienstbesucher - auch im Hinblick auf Weihnachten. Die Kirche selbst sieht er als "systemrelevant" an - und spricht auch über seinen persönlichen Glauben.

KNA: Herr Professor Wieler, sind Sie bislang von Covid-19 verschont geblieben?

Lothar Wieler (Präsident des Robert Koch-Instituts): Gott sei Dank ja. Meine Familie und ich bemühen uns, genau auf die AHA-Regeln (= Abstand halten, Hygiene, Alltagsmaske, Anm.d.Red.) zu achten.

KNA: Haben Sie Angst vor dem Virus?

Wieler: Ich habe Respekt. Das Virus kann zu schweren Krankheitsverläufen führen. Auch in meiner Altersgruppe um die 60 liegt die Sterblichkeitsrate um ein Vielfaches höher als beim saisonalen Grippevirus. Ich möchte eine Ansteckung unter allen Umständen vermeiden.

KNA: Also keine Restaurantbesuche?

Wieler: Wieso denn nicht? Wenn das Hygienekonzept stimmt... Ansonsten werde ich mich aber nicht ohne Not selbst gefährden.

KNA: Was ist das Besondere am Virus?

Wieler: Das sind Eigenschaften, die wir bislang nicht kannten. Es führt nicht nur zu Lungenentzündungen, sondern kann prinzipiell jedes Organ im Körper befallen. Die Ärztinnen und Ärzte sehen Nieren- und Leberversagen, Hirnhaut- oder Herzmuskelentzündungen. Hinzu kommen Spätschäden, die noch untersucht werden.

KNA: Und wie steht es um die Verbreitung?

Wieler: Sie ist besonders heimtückisch: Man ist oft schon ein bis zwei Tage ansteckend, bevor sich Symptome einstellen. Das macht die Bekämpfung nicht leichter.

KNA: Wie stehen Chancen für eine Impfung? Für Aids gibt es bis heute keine.

Wieler: Im Vergleich zum HI-Virus, das das Immunsystem befällt und sich ständig verändert, ist Sars-CoV-2 eher konservativ. Deshalb ist die Wahrscheinlichkeit, einen Impfstoff zu finden, deutlich höher. Die Frage ist eher, was kann die Impfung bewirken - reduziert sie die Viruslast oder verhindert sie Erkrankung? Hinzu kommt die Frage der möglichen Nebenwirkungen. Das sollte man bei allem berechtigten Optimismus im Kopf behalten.

KNA: Können wir im kommenden Jahr wieder mit einem normalen Leben ohne AHA-Regeln rechnen?

Wieler: Selbst wenn es eine Impfung gibt, werden wir noch länger auf die AHA+L-Regeln - Abstand halten, Hygieneregeln beachten, Alltagsmasken tragen und Lüften - achten müssen. Wir wissen noch nicht, wie gut ein Impfstoff wirken könnte. Und bis die gesamte Bevölkerung geimpft ist, kann es dauern.

KNA: Derzeit steigen die Zahlen wieder steil an. Ist das Virus aggressiver geworden?

Wieler: Wie jedes Virus verändert sich auch Sars-CoV-2. Wir überwachen die Entwicklung erstmals weltweit mit aktuellen Daten. Es gibt Hinweise für eine leichtere Übertragung, aber sonst werden - Stand heute - keine Änderungen der Biologie des Virus beobachtet.

KNA: Wie bewerten Sie den Anstieg?

Wieler: Wir hatten im April einen höheren Altersdurchschnitt von 52 Jahren. Jetzt sind es jüngere Altersgruppen, die sich und dann andere anstecken. Bei Älteren ist das Risikobewusstsein weiter sehr hoch, bei Jüngeren lässt es leider nach.

KNA: Kann es wieder zum einem Lockdown kommen, wenn sich das Infektionsgeschehen nicht mehr nachverfolgen lässt?

Wieler: Ich hoffe sehr, dass dies nicht mehr geschieht. Wir wissen definitiv mehr über das Virus und besitzen bessere Mittel dagegen. Krankenhäuser und die Ärzte sind besser vorbereitet, Pflegeheime sensibler.... Sicher wird es zeitlich und örtlich begrenzte Kontaktbeschränkungen geben.

Ich bin aber davon überzeugt, dass wir den Lockdown vermeiden können, wenn jeder Verantwortung übernimmt.

KNA: Wir gehen auf Weihnachten zu. Wie kann ich meine Eltern und Verwandten besuchen, ohne sie zu gefährden?

Wieler: Am sichersten ist es, im Vorhinein Kontakte so stark wie möglich einzuschränken und dadurch das Risiko einer eigenen unbemerkten Infektion zu minimieren. Das ist aber nicht für alle machbar. Deshalb gilt besondere Umsicht und das Vermeiden von Risikobegegnungen - und auch bei leichten Symptomen zu testen. Allerdings ist ein Test immer nur eine Momentaufnahme.

KNA: Was heißt das?

Wieler: Tests sind kein Freibrief. Die Menschen können trotzdem infiziert sein, ohne, dass es bereits nachweisbar ist oder sie können sich schon kurz nach dem Test anstecken. Also: Test ja, aber unbedingt weiterhin die AHA+L-Regeln beachten!

KNA: Sollte man schon jetzt an Geschenke denken?

Wieler: Das gehört zu den einfachen, effektiven Maßnahmen: Gedränge vermeiden, gezielt einkaufen, und im Zweifel eine Maske tragen. Im Einzelhandel sind uns allerdings bislang kaum Ausbruchsgeschehen bekannt.

KNA: Für Christen gehört der Gottesdienstbesuch zu Weihnachten. Ist er wieder in Gefahr, wenn die Zahlen weiter steigen?

Wieler: Es gibt mittlerweile sehr gute Gottesdienstkonzepte. Wir haben in den vergangenen Monaten weniger Ausbrüche in Kirchen gesehen. Werden die Hygienekonzepte eingehalten, kann man meines Erachtens relativ sorglos zum Gottesdienst kommen. Dagegen sind Gedränge und Gesang oder Blasinstrumente leider ein optimaler Verbreitungsweg für das Virus.

KNA: Gibt es ein Ansteckungsmuster für bestimmte Religionsgruppen, Gottesdienste oder religiöse Feiern wie Hochzeiten?

Wieler: Es ist trivialer und unabhängig von Religionsgemeinschaften:

Wo sich vielen Menschen, ohne Abstand in geschlossenen Räumen begegnen, besteht hohe Ansteckungsgefahr.

KNA: Gehen Sie selbst zur Messe?

Wieler: Ja, weiterhin in meine Gemeinde bei den Dominikanern. Sie haben ein gutes Hygienekonzept.

KNA: Welche Rolle spielt der Glaube für Sie persönlich?

Wieler: Gottvertrauen ist für mich ein Fundament, eine Basis, die mir gerade jetzt die Arbeit erleichtert.

KNA: Was waren für Sie die schwersten Entscheidungen?

Wieler: Ich habe selbst eine Familie und ich weiß natürlich, dass die Schließung von Kitas, Schulen oder Pflegeheimen Kinder, Eltern und gerade Pflegebedürftige hart treffen und leidvolle Konsequenzen haben. Aber ich stehe zu meiner Verantwortung für den Schutz der Bevölkerung, gerade den Schutz der Schwächsten. Persönlich geht einem das durchaus nahe.

KNA: Sind die Kirchen systemrelevant?

Wieler: Ganz persönlich sage ich Ja. Wann, wenn nicht jetzt ist die Zeit der kirchlichen Seelsorge, wo die Medizin an ihre Grenzen stößt und die Menschen nach Trost, Hoffnung und Zuwendung suchen.

KNA: Die öffentliche Diskussion ist mitunter rüde und aggressiv. Wie kommt dies im RKI an?

Wieler: Die meisten Rückmeldungen sind positiv. Wir erhalten Dankschreiben, Briefe von Enkeln und ihren Großeltern, kleine Geschenke... das freut und ermutigt uns. Aber leider gehört die lautstarke Minderheit ebenso zum Alltag, von schweren Beleidigungen bis zu Bedrohungen. Für die Mitarbeiterinnen der Pressestelle ist das psychisch eine große Herausforderung. Sie müssen am Telefon, in Emails oder den Sozialen Medien damit umgehen. Ich habe große Achtung vor ihnen.

KNA: Wie viele Personen arbeiten im RKI am Kampf gegen das Virus?

Wieler: Inzwischen fast 400. Sie tun das mit großer Hingabe. Die Arbeitsbelastung ist extrem hoch und sie wird sicher in der kalten Jahreszeit nicht weniger. Manche arbeiten schon länger sieben Tage die Woche.

KNA: Wie steht es um die internationale Zusammenarbeit?

Wieler: Wir stehen weltweit in ständigem Austausch, von den USA bis nach Japan. Die Pandemie kann nur international bewältigt werden. Wir haben Mitarbeiter aus 70 Ländern im Haus und sind in mehr als 60 Ländern tätig: beratend, in Schulungen, mit Tools, wir verschicken Diagnostik-Kits und vieles mehr. Ein RKI-Kollege war zum Beispiel im Rahmen einer Mission der Weltgesundheitsorganisation WHO auch sehr früh in China.

Das war wichtig, um das Virus zu verstehen und vor allem die Dramatik des Geschehens zu erkennen. Das RKI gehört auch zu einem Netzwerk, das bei internationalen Ausbrüchen tätig wird, wie zum Beispiel im letzten Jahr in Bangladesch bei den Rohingyas. Und wir sind in verschiedenen Komitees und Beratergruppen der WHO vertreten und in engem Kontakt mit Schwester-Instituten in anderen Ländern.

KNA: Weiß man mittlerweile, woher das Virus kommt?

Wieler: Mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit von einem Tier. Erbgutanalysen deuten unabhängig davon darauf hin, dass der Vorläufer des aktuell zirkulierenden Virus schon vor dem Dezember 2019 bei Menschen aufgetreten ist.

KNA: Wie bewerten Sie die gesellschaftliche Debatte um die Frage, welche Lebensrisiken eine Gesellschaft als akzeptabel einzustufen gewillt ist und welche nicht?

Wieler: Beim RKI orientieren wir uns streng an der Wissenschaft. Als normaler Bürger würde ich mir aber schon wünschen, dass etwa über die gesundheitlichen, wirtschaftlichen oder psychosozialen Folgen und Lasten, die die Gesellschaft bereit ist zu tragen, intensiver diskutiert wird.

Das Interview führte Christoph Scholz.

(KNA)

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